Banken in der Sinnkrise Abstieg der Geldgötter

Europa erlebt die zweite Bankenkrise innerhalb von drei Jahren, doch diesmal tut es der Branche richtig weh: Die Commerzbank will sparen, andere Geldkonzerne kappen im großen Stil die Boni. Die Finanzindustrie ist gezwungen, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu ändern - endlich!
Von Wolfgang Kaden
Finanzplatz Frankfurt am Main: Die Banken sind weniger spendierfreudig als früher

Finanzplatz Frankfurt am Main: Die Banken sind weniger spendierfreudig als früher

Foto: Boris Roessler/ dpa

Bonjour tristesse. Wenn die Investmentbanker in diesen Tagen die Briefe mit den Boni fürs Jahr 2011 erhalten, dürfte es viele lange Gesichter geben. Fast alle Banken haben die Erfolgsprämien gesenkt. Bei der Schweizer UBS, beispielsweise, sind es 40 Prozent weniger als im Vorjahr, bei der französischen BNP Paribas   sogar 50 Prozent, und bei der Deutschen Bank werden die jetzt fälligen Boni auf 200.000 Euro begrenzt. In den Augen der verwöhnten Gilde ist das eine Zumutung.

Für nicht wenige der Geld-Jongleure könnte es bald noch schlimmer kommen. Alle großen Banken haben angekündigt, dass sie die Kosten senken werden. Beispiel Commerzbank  : Bei der Vorlage der Zahlen am Donnerstag kündigte der scheidende Finanzvorstand Eric Strutz weitere Eineinsparungen an. Die Kosten sollen von acht Milliarden Euro auf 7,6 Milliarden sinken.

Es ist endgültig vorbei mit der Banken-Herrlichkeit. Entlassungen scheinen in der Branche unvermeidlich, Zehntausende Banker-Jobs stehen zur Disposition. Nachdem der große Crash mit Steuergeld abgewendet worden war, schien es zunächst so, als könnten die Finanzmanager da weiter machen, wo sie nach dem Lehman-Desaster aufgehört hatten. Die Regierungen konnten sich nicht auf eine straffe Regulierung einigen; die Banker gingen wieder voll ins Risiko; die Boni überstiegen mancherorts sogar das Vorkrisen-Niveau.

Seit im Sommer des vergangenen Jahres aber die europäische Schuldenkrise über die Welt hereinbrach, hat sich das Blatt gewendet. Wie der Wirtschafts-Sachverständigenrat so schön in seinem Jahresgutachten formulierte: "Von der Bankenkrise zur Schuldenkrise und zurück". Und dieses Mal, das scheint nun Gewissheit, wird die Bankerkaste fundamental umdenken, muss sie sich auf die Suche nach einem neuen Geschäftsmodell, nach einer neuen Identität machen.

Banker sollen sich nicht länger zu Lasten der Übrigen bereichern

Was sich in den vergangenen Monaten im Bankgewerbe abgespielt hat, ist für das breite Publikum nicht mehr so spektakulär, wie es die Geschehnisse nach dem Lehman-Crash waren. Und dennoch: Die Lage war und ist hochgefährlich. Die Banker misstrauen sich wechselseitig und leihen sich untereinander kein Geld mehr. Ein wenig Entspannung ist erst eingetreten, als die Europäische Zentralbank (EZB) Notrettung betrieb: mit dem Aufkauf von fragwürdigen europäischen Staatsanleihen, mit 500 Milliarden Euro an billiger Liquidität, mit immer geringeren Anforderungen an die Sicherheiten, die das Bankgewerbe für Notenbankkredite gewähren muss.

Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren wird nun öffentliches Geld locker gemacht, um ein Banken-Inferno zu verhindern. Wieder einmal werden die Risiken des Geldgewerbes vergemeinschaftet.

Es reicht. Politik und Gesellschaft sind nicht mehr bereit, die Finanzbranche ihre gefährlichen Spiele weitertreiben zu lassen. Mit der Occupy-Bewegung mobilisierte erstmals die Straße gegen die Geldgewaltigen. Hinter der Wut, die weit über das linksideologische Spektrum ins Bürgertum hineinreicht, steckt erstmals mehr als das übliche Bankenbashing: Die Banker sollen sich nicht länger auf groteske Weise zu Lasten der Übrigen bereichern; sie sollen durch ein neues Geschäftsverständnis daran gehindert werden, in immer kürzeren Abständen die Welt an den Abgrund zu führen.

Die Industrie hat den Glauben an die Banken verloren

Die Politik hat das Signal aufgenommen. Im Oktober beschloss die EU, dass die europäischen Geldhäuser bis Mitte dieses Jahres ihre harte Kernkapitalquote auf neun Prozent anheben müssen. Sie werden zusätzlich verpflichtet, einen Puffer für risikoreiche Staatsanleihen zu schaffen. Deutschland und Frankreich wollen zudem auch Ernst machen mit einer Finanztransaktionssteuer auf den Handel mit Wertpapieren.

Auch in den USA, wo die Regierenden lange Zeit allzu pfleglich mit den Mächtigen der Wall Street umgegangen sind, steigt nun der Druck. Washington will beispielsweise den Wertpapierhandel auf eigene Rechnung - also die reine Zockerei - untersagen. Der Handel mit Derivaten, der in jüngster Zeit geradezu explodiert ist, soll besser kontrolliert werden.

Es bleibt nicht nur bei deutlich schärferen Regeln der Obrigkeit. Zugleich ist auch bei den wichtigsten Kunden, den Managern der Industrie, der Verdruss über die Geldbranche gewachsen. Mit Folgen für das Geschäft. So besorgen sich inzwischen nicht nur Großunternehmen sondern auch viele Mittelständler Kredite nicht mehr bei den Banken, sondern gehen selber mit Anleihen an den Kapitalmarkt.

Bosch-Chef Franz Fehrenbach erregte sich öffentlich über die "ungezügelten Finanzmärkte"; der Stuttgarter Konzern legt statt wie früher bis zu 500 nun noch maximal 100 Millionen Euro bei einer Bank an und verlangt von ihr eine konservative Strategie zu fahren. Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser parkt Tagesgeld nicht mehr bei den Geschäftsbanken, sondern mittels einer Tochter mit Banklizenz direkt bei der Notenbank.

Die Finanzinstitute werden endlich zu soliderem Handeln gezwungen

Das alles, und noch einiges mehr, drückt auf die Verdienstspannen. Und zwingt die Banken, sich wieder mehr dem Brot-und-Butter-Geschäft mit Einlagen und Ausleihungen zu widmen. Zurück zu den Ursprüngen. Beispiel Deutsche Bank: In Vorkrisenzeiten hat das Institut 80 Prozent seiner Gewinne im Investmentbanking eingefahren. Im vergangenen Jahr war das nur noch knapp die Hälfte. "Wir haben uns von riskanten Geschäftsaktivitäten verabschiedet", verkündete Josef Ackermann auf der Bilanz-Pressekonferenz. Unter anderem dadurch, dass die Bank keinen Eigenhandel mehr betreibt.

Das also ist die gute Nachricht in diesen bewegten Zeiten: Die Finanzinstitute werden endlich zu soliderem Handeln gezwungen, die Selbstbereicherung der Banker wird gestoppt, die reale Wertschöpfung rückt wieder in den Vordergrund. Die schlechte Botschaft: Das alles reicht noch nicht aus. Bei weitem nicht. Drei große Aufgabenfelder bleiben zu beackern, mindestens:

  • Die Erhöhung der Eigenkapitalquote auf neun Prozent der mit Risiken behafteten Forderungen geht nicht weit genug. In ihrem Jahresgutachten empören sich die Professoren des Sachverständigenrats darüber, "wie erschreckend hoch die Verschuldungshebel, und damit wie dünn die Kapitaldecke und die potentielle Anfälligkeit des Systems sind".
  • Wiederum und weiterhin lagern Banken riskante Kredite in nicht kontrollierte Bereiche aus, in die Schattenbanken, vor allem in Hedgefonds. Die müssen endlich reguliert werden, wie jüngst auch die neue Chefin der deutschen Bankenaufsicht, Elke König, forderte: Ohne eine solche Kontrolle gäbe es im Finanzwesen "nur eine scheinbare Sicherheit".
  • Unbefriedigend ist nach wie vor die grenzüberschreitende Bankenkontrolle, vor allem die für den Euro-Raum. Die bisherigen Reformen bleiben weit hinter dem zurück, was für eine effektive Überwachung des globalen Bankingeschäfts notwendig wäre.

"Niemand ist mehr auf Vertrauen angewiesen als Banken", sagt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Wer wollte ihm widersprechen. Bis aber dieses Vertrauen wieder hergestellt ist, müssen die Banken noch einen weiten, beschwerlichen Weg gehen.

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