Bankenkritiker Wolfram Siener Hoffnungsträger der "Generation Occupy"

In Talkshows brilliert er, bei den Protesten in Frankfurt wird er gefeiert wie ein Popstar: Mit Wolfram Siener hat die Occupy-Bewegung eine charismatische Führungsfigur. Der 20-Jährige bewegt die Menschen - weil seine Wut aufrichtig erscheint.
Protestführer Siener: "Gib den Leuten eine Plattform"

Protestführer Siener: "Gib den Leuten eine Plattform"

Foto: Tobias Lauer

Drei Nächte hat Wolfram Siener kaum geschlafen. Am Samstag steht der 20-Jährige mit der Kraushaarfrisur auf dem Rathenauplatz in Frankfurt und wartet auf die Revolution. Er scheint keine Sekunde daran zu zweifeln, dass sie kommt.

Was gab es nicht schon alles für Weltverbesserer-Initiativen. Den Sommer der Liebe. Die Yes Men, die in einer rührenden, gefälschten Ausgabe der "New York Times" alle Kriege und Leiden beendeten. Die Globalisierungsgegner von Attac, die auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm mit Zehntausenden den Traum vom Ende des Kapitalismus feierten. Sie alle ritten auf dem Kamm einer Welle, die sich schließlich brach - und zurückrollte.

Doch stets folgt die nächste Bewegung. Denn die meisten Leute sind sich ja bewusst, dass unser Wirtschaftssystem teilweise ungerecht ist. Die meisten Deutschen wollen nicht schon wieder Zockerbanken retten, die die Weltwirtschaftskrise erst ausgelöst haben. Sie denken sich halt nur: "Was soll's. Es kommt eh wie es kommt."

Doch dann kommen neue Aktivisten, die ihre Sehnsucht nach dem Wandel wiedererwecken. Einer davon ist Wolfram Siener.

"Sage den Leuten, was Freiheit ist, und sie werden frei sein"

Berühmt wurde er durch seinen Auftritt in der Talkshow "Maybrit Illner", in der er allen Banken- und Wirtschaftslobbyisten die Show stahl. Man kauft ihm die Rolle des Revolutionsführers gerne ab. Weil seine Wut ehrlich wirkt. Weil er sich so aufrichtig über die kaputte Welt empört, dass es plötzlich nicht mehr naiv wirkt, das zu tun. Weil man ihm abkauft, dass es ihm wirklich um die Sache geht und nicht nur darum, ins Fernsehen zu kommen.

Am Samstag rissen sich die TV-Teams trotzdem um ihn: Tagesschau, Sat1, ZDF. Dutzende Male erklärt er ihnen in seinem schnellen, gepressten Duktus seine Vision. "Es geht um direkte Demokratie", sagt er, "darum, dass die Bürger sich das Wirtschaftssystem nach ihren Vorstellungen formen und nicht umgekehrt."

Verwirklichen sollen diese Vision nicht Parteien, sondern die Bürger selbst: im Internet. "Gib den Leuten eine Plattform", sagt Siener, "sage den Leuten, was Freiheit ist, und sie werden frei sein." Über das Internet würden sich die Leute informieren und austauschen und dann automatisch anfangen, das System zu bekämpfen.

Als der Protestzug sich in Gang setzt, steht Siener am Rand und gibt noch immer Interviews. Linke, Lehrer, Intellektuelle, Althippies, Raver, Rastas, Goths, Punks und Normalos ziehen vorbei. Siener selbst sieht nicht aus wie ein Antikapitalist. Er trägt eine Lederjacke und eine umgekrempelte Jeans. Er telefoniert mit einem teuren Smartphone und sagt, Globalisierung und Kapitalismus seien nicht per se schlecht; sie seien nur ausgeartet.

Selbsterfahrungstrip in Finnland

Siener hat früh angefangen, sich für Politik zu interessieren, ungefähr mit 13. "Dann habe ich gelernt, dass die Wirtschaft die Politik steuert und mich dafür interessiert. Danach, dass die Banken die Wirtschaft steuern; da habe ich mich dafür interessiert."

Mit 17 brach er die Schule ab und reiste nach Finnland. "Um herauszufinden, was ich wollte", sagt er. Einige seiner Vorfahren sind finnisch. Daher spricht er die Sprache ganz gut. Meistens aber sprach er in Finnland Englisch. Viele Abende saß er in einer Billardkneipe mit Intellektuellen und Kapitalismuskritikern zusammen, diskutierte die Probleme der Welt und entdeckte Filme und Bücher, von denen er sagt, sie hätten sein Denken maßgeblich geprägt.

Siener nennt den zweiten und dritten Teil von Peter Josephs Filmreihe "Zeitgeist". Phänomene wie das Zinssystem oder die Geldpolitik der USA werden darin kritisiert; streckenweise driftet der Film in Verschwörungstheorien ab. Zum anderen nennt er Bruce Liptons Buch "Intelligente Zellen", dem er entnommen haben will, dass kein Mensch als Egoist oder Altruist auf die Welt kommt, sondern maßgeblich durch Umwelteinflüsse geprägt wird. Ein Wirtschaftssystem, das nicht auf Eigennutz, sondern auf Gemeinschaft basiert, könnte demnach existieren.

Dass Menschen nicht müde werden, auf der Straße für ein solches System zu demonstrieren, spreche für seine Theorie, sagt er. Siener glaubt, man müsse den Bürgern nur eine wirkliche Chance geben - und sie würden ein anderes System wählen.

"Welt ohne Empathie"

Auf dem Rathenauplatz ist es jetzt fast leer. In schnellen, ausladenden Schritten läuft Siener die Straße hinunter, um den Demonstrationszug einzuholen. Durch eine Seitenstraße sieht man die glitzernden Zwillingstürme der Deutschen Bank.

Dass die Welt so viel schlechter ist, als sie sein könnte, will der junge Mann nicht hinnehmen. "Ich bin sehr sensibel für das Leid anderer Menschen", sagt er. Dass Menschen leiden, damit andere Gewinne scheffeln, mache ihn fuchsteufelswild. "Wir leben in einer Welt ohne Empathie", sagt Siener. "Viele streben nur Selbstverwirklichung an, alles andere zählt nicht."

Durch das Internet sollen die Leute nun umdenken. "Wenn wir 50 Prozent der Gesellschaft gewinnen könnten, könnte das funktionieren", glaubt Siener. "Dann würden uns auch Bauern und Mitarbeiter von Energiekraftwerken unterstützen. Wir hätten alles und könnten autark leben." Er selbst werde bis dahin studieren, im kommenden Jahr fängt er an. Arbeiten wolle er später vielleicht als Webmaster. "Das Internet ist die Zukunft."

Siener beschleunigt seine Schritte weiter. Er will zurück an die Spitze der Bewegung. Bis zu 5000 Leute sind laut Polizeiangaben zum Protest gekommen. Das zeige doch, dass die Menschen den Wandel wollten. Dass sich alles bald ändern könnte.

Er sagt das mit der Überzeugung eines 20-Jährigen, der die Welt aus den Angeln heben will. Man würde ihm wünschen, dass er es könnte.