Debatte um Obergrenzen Bargeld ist teuer - und trotzdem brauchen wir es

Ökonomisch gesehen ist Bargeld überflüssig, digitale Zahlungen sind günstiger und sicherer. Gleichwohl sollten wir uns Scheine und Münzen nicht verbieten lassen: Sie bedeuten Freiheit.
Registrierkasse mit Scheinen und Münzen: Wie lange gibt es so etwas noch?

Registrierkasse mit Scheinen und Münzen: Wie lange gibt es so etwas noch?

Foto: Jens Büttner/ dpa

In der Berliner Veteranenstraße helfen sich Kneipiers und Gewerbetreibende gegenseitig mit Bargeld aus. Weil die Rollen mit kleinen Münzen bei Banken extra Gebühren kosten, holen sich Einzelhändler ihren Münzbedarf lieber in der Kneipe. Zentrum des Tauschrings ist die Weinerei , ein Lokal, in dem die Gäste seit rund einem Jahrzehnt nach eigenem Ermessen für ihren Weinkonsum zahlen und ihr Geld in einen großen Glasbottich werfen.

Das Beispiel zeigt, eine Bargeldwirtschaft ist gerade für Händler tatsächlich teuer, weshalb so mancher von ihnen kleine Münzen am liebsten sofort abschaffen würde. Doch auch andere Bezahlsysteme haben schon viel Geld gekostet und manchen Bezahldienstleister reich gemacht. Bis ins vergangene Jahr hinein verlangten Kreditkartenfirmen von Händlern saftige Gebühren bis zu drei Prozent der abgerechneten Summe . Hier musste erst die EU-Kommission einschreiten, damit das Zahlen mit Kreditkarten bezahlbarer wurde.

Beide Phänomene gingen mir durch den Kopf, als ich vom Plan der Regierung las, Barzahlungen ab 5000 Euro zu verbieten. Im ersten Augenblick fragte ich mich noch: Wer will denn schon 5000 Euro mit sich herumtragen und bar bezahlen. Ich konnte und mochte mir nur Kunden mit viel Schwarzgeld vorstellen, die auf diese Art und Weise ihr Bares in einen Daimler verwandeln oder vielleicht sogar in eine Strandvilla auf Rügen.

In Taler tauchen wie Dagobert Duck

Doch dann fand ich heraus: Mehr Leute, als man denkt, fühlen wie Dagobert Duck und finden es reizvoll, ganz viel Geld in ihren Händen zu halten. Selbst in meinem eigenen Bekanntenkreis wurden gebrauchte Autos mit hohen Bargeldsummen erworben und Mietkautionen bar auf Konten eingezahlt.

Rein wirtschaftlich gesehen ist das alles Unfug. Und zwar aus mehreren Gründen:

  • Kostenlose Überweisungen und günstige Girokonten machen den Geldtransfer billiger, sicherer und reibungsloser als Bargeld.
  • Selbst für die Abwicklung von Zahlungen, die man später beim Finanzamt angeben kann, ist die Software beim Onlinekonto  inzwischen der einfachere Weg als das händische Sammeln von Belegen.

Zwei Argumente für das Barzahlen sind allerdings nicht so einfach von der Hand zu weisen:

  • Erstens: Nur die Barzahlung garantiert Verbrauchern ihre Privatsphäre, weil sie eben keine Spuren hinterlässt. "Barzahlung ist Datenschutz", hat die Netzaktivistin Rena Tangens dies mal treffend formuliert. Es gibt Situationen, da geht es wirklich niemanden etwas an, wie viele Flaschen Wein oder Päckchen Zigaretten jemand konsumiert, ob er sich ein teures Hotelzimmer oder einen Luxusurlaub leistet. Und weil das so ist, muss das Bargeld gegen staatliche, aber auch private Neugierde unbedingt verteidigt werden. Die 5000-Euro-Idee klingt allzu sehr nach der Ideologie der Kontrolle über jede Zahlung des Bürgers.
  • Zweitens: Solange es Bargeld gibt, können der Staat und seine Banken für den Normalbürger und dessen Erspartes nur schwer Negativzinsen einführen. Die nämlich würden einfach dazu führen, dass die Menschen das Geld vom Konto abheben und zu Hause horten.

Der Staat soll sich andere Methoden suchen

Der Verdacht ist unausweichlich: Zu oft haben in den vergangenen zwei Jahren Protagonisten wie der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers , der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff  oder auch der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger  mit der Idee der Bargeldabschaffung gespielt, als dass die Sorge der Bürger an dieser Stelle nicht berechtigt wäre.

Bargeld muss bleiben und das 5000-Euro-Projekt sollte abgebrochen werden. Der Staat muss sich andere Methoden suchen, um gegen Schwarzgeld, organisierte Kriminalität und ähnliche Erscheinungen vorzugehen. Bargeldgrenzen - auch niedriger als 5000 Euro - haben in anderen europäischen Ländern wenig ausgerichtet .

Beim Einzahlen auf der Bank muss der Bürger schon heute ab 15.000 Euro nachweisen, woher das Geld stammt. Eine schärfere Kontrolle solcher Geldwäscheregeln  ist bei hohen Summen auch Autohändlern, Immobilienhändlern, Notaren und anderen Akteuren zuzumuten, sobald die mit großen Summen von Bargeld hantieren.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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