Vollgeld, Negativzinsen, Abschaffung des Bargelds Die Zombies der Ökonomie kehren zurück

Schulden? Soll der Staat halt mehr Geld drucken! Es wird zu viel gespart? Dann muss das Bargeld verschwinden! Ideen wie diese sind populär. Aber sie gefährden unser Wirtschaftssystem und unsere Freiheit.

Joe Giles spielt in "The Walking Dead" einen Zombie. Auch in der Wirtschaftswelt kursieren derzeit verschiedene "untote" Ideen, deren Umsetzung riskant wäre.
Jae C. Hong/AP

Joe Giles spielt in "The Walking Dead" einen Zombie. Auch in der Wirtschaftswelt kursieren derzeit verschiedene "untote" Ideen, deren Umsetzung riskant wäre.

Ein Gastbeitrag von Aloys Prinz und Hanno Beck


"Hätte man mir gesagt, dass eine Apokalypse droht, hätte ich mein Regal mit besseren Büchern gefüllt", sagt einer der Charaktere der Serie " The Walking Dead", in der es um das Überleben in einer Zombieapokalypse geht. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Finanzmarktapokalypse wandeln die Ideen toter Ökonomen wie Untote durch die Politik und sollen Antwort auf die Euroschulden- und Finanzmarktkrise geben:

  • die Modern Monetary Theory, die auf Überlegungen von Abba P. Lerner basiert,
  • die Idee von Negativzinsen, die auf Silvio Gesell zurückgeht
  • und die von Irving Fisher propagierte Idee des Vollgeldes.

Das Zusammenspiel der drei bedeutet eine Revolution der Geld- und Fiskalpolitik: Sie ermöglichen es dem Staat, Volkswirtschaften makroökonomisch komplett zu steuern. Eine auf dem Prinzip Freiheit beruhende Wirtschaftspolitik droht damit ad acta gelegt zu werden.

Der erste Untote dieser Trias, die Modern Monetary Theory, findet vor allem im linken Lager des amerikanischen Parteienspektrums Zuspruch - beispielsweise bei der populären Abgeordneten der demokratischen Partei, Alexandria Ocasio-Cortez, oder bei Stephanie Kelton, einer Wirtschaftsprofessorin, die als Wahlkampfberaterin des linken US-Demokraten Bernie Sanders tätig war.

Erfolgsrezepte aus der Planwirtschaft

Die Theorie besagt, dass ein Staat sich in seiner eigenen Währung unbegrenzt verschulden kann, da er diese selbst herstellt. Überspitzt gesagt, bezahlt der Staat neue Schulden, indem er Geld druckt. Steigt die staatliche Geldmenge im Verhältnis zum vorhandenen Güterberg zu stark, erhöht der Staat die Steuern, entzieht so dem Wirtschaftskreislauf das überflüssige Geld und verhindert damit Inflation.

Der zweite Vertreter der Untotentrias ist die Idee negativer Zinsen, welche die Konjunktur anregen sollen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Geld, das an Wert verliert, nicht lange in den Taschen der Konsumenten bleibt, sondern investiert wird. Diese Idee ist das von Gesell bereits Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts propagierte Schwundgeld. Sie ist längst in Notenbankkreisen salonfähig und wird teilweise bereits praktiziert. Jüngst wurde sie sogar von einer weltweit wirtschaftspolitisch tätigen und meinungsmächtigen Institution propagiert: dem IWF. Damit aber die Bürger nicht den Negativzinsen entkommen, indem sie auf Bargeld ausweichen, muss man dieses abschaffen. Wie das umgesetzt werden könnte, hat der IWF vor Kurzem in einem Blogbeitrag skizziert.

Komplettiert wird die Untoten-Trias von der Idee, dass man Banken die Fähigkeit nehmen sollte, Giralgeld zu schaffen. Eine Idee, die ebenfalls der Internationale Währungsfonds vor einigen Jahren zur Diskussion gestellt hat und die im vergangenen Jahr immerhin in einer - wenngleich gescheiterten - Volksabstimmung in der Schweiz verhandelt wurde.

Zu den Autoren
    Aloys Prinz, Jahrgang 1956, ist seit 2000 Professor an der Uni Münster und leitet das Institut für Finanzwissenschaft II.

    Hanno Beck, Jahrgang 1966, ist seit 2006 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim. Zuvor arbeitete er acht Jahre lang als Wirtschaftsjournalist.

In einem Vollgeldsystem muss sich eine Bank das Geld bei der Zentralbank besorgen, wenn sie Kredite vergeben will. Das soll Bankenkrisen verhindern, da die Banken nun nicht das Geld ihrer Kunden weiterverleihen können - das ist das Giralgeld, manchmal wird auch von Buchgeld gesprochen. In so einem Vollgeldsystem sind Banken nur noch Zweigstellen der Zentralbank, was die Geldversorgung betrifft. Die Zentralbank entscheidet damit über die Kreditvergabe zu Investitionszwecken. Solche Systeme gab es bisher nur in sozialistischen Planwirtschaften.

Der politische Sprengstoff dieser Ideen potenziert sich, wenn man sie zusammenbringt: Die Modern Monetary Theory gewährt dem Staat Zugriff auf die gesamten Ressourcen seiner Volkswirtschaft, die Abschaffung des Bargeldes gewährt ihm umfassenden Zugriff auf den Geldkreislauf, und da Banken in einem Vollgeldsystem keine Freiheit bei der Vergabe von Krediten mehr haben, wird eine staatliche Investitionskontrolle möglich. Damit sind viele Freiheitsgrade einer Wirtschaft aufgehoben und unter staatliche Aufsicht gestellt.

Was ist von dieser Trias der Untoten zu halten, wie erfolgreich kann sie sein?

Die Folgen ausufernder Staatsverschuldung waren stets katastrophal: Enteignung, Zusammenbruch der Wirtschaft, Hunger und diktatorische Regime. Ja, ein Staat kann sich theoretisch in seiner Währung unbegrenzt verschulden, und nein, in der Praxis hat das nie funktioniert. Denn die Modern Monetary Theory ignoriert menschliches Verhalten: Kommt sie zum Tragen, werden Politiker der Versuchung der Notenpresse als Selbstbedienungsladen kaum widerstehen, die Bürger werden dies erkennen und entsprechend handeln. Sie werden das staatliche Geld meiden und auf Kryptowährungen wie Bitcoin umsteigen, in Sachwerte oder Gold fliehen oder ihr Vermögen ins Ausland bringen. Die Folge solcher Fluchtbewegungen sind Vermögenspreisblasen - etwa in Form von steigenden Immobilienpreisen -, eine Abwertung der inländischen Währung und schlimmstenfalls ein Zusammenbruch des inländischen Währungssystems.

Bürger finden ihr eigenes Geld

Auch die Abschaffung von Bargeld verspricht wenig Erfolg: Es würde ein verdeckter Kreislauf aus Fremd- und Alternativwährungen entstehen. Der Staat kann sein eigenes Bargeld abschaffen, aber nicht die Entstehung alternativer Währungen verhindern.

Und was passiert in einem Vollgeldsystem? In unserem jetzigen Geldsystem schaffen die Geschäftsbanken Giralgeld entsprechend den Kredit- und Investitionswünschen der Unternehmen. Wie viel von diesem Giralgeld entsteht, hängt vor allem vom Investitionsverhalten der Unternehmen ab, weniger von den Wünschen der Notenbank oder des Staates.

In einem Vollgeldsystem gibt es dieses Giralgeld nicht, alles Geld für Kredite oder Investitionswünsche wird von der Notenbank bereitgestellt. Bekommen aber die Unternehmen in diesem System die für Investitionen benötigten Mittel nicht von der Zentralbank, werden sie auf Alternativen ausweichen. Vermutlich werden umlauffähige Schuldverschreibungen und Anleihen großer Unternehmen eine Art Ersatzwährung bilden und die Funktion des bisherigen Giralgeldes übernehmen. Selbst bei Vollgeld werden Staat und Zentralbank daher wohl keine volle Kontrolle über "das Geld" haben.

Die Zombies sind schon da

Die derzeitige Geldpolitik der Zentralbanken, die gern als "unorthodox" oder "heterodox" verbrämt wird, kann man als Vorboten der drei Zombieideen sehen. Die Idee der Negativzinsen und damit des Schwundgeldes ist zumindest für Banken in einigen Ländern bereits Realität, und die Tatsache, dass die Geldpolitik in der Eurozone bereits de facto die Staatsverschuldung der europäischen Staaten alimentiert, deutet in Richtung der Modern Monetary Theory. Von dieser Basis aus ist der Sprung zur Vollgeldidee auch nicht mehr so weit, womit dann die Trias komplett wäre.

Die Folgen dieser Politik kann man bereits jetzt teilweise besichtigen: Die Geldpolitik sorgt für aufgeblähte Immobilienwerte, in die sich auch besorgte Bürger und Anleger flüchten. Solche Vermögenspreisblasen haben die unangenehme Angewohnheit, irgendwann einmal zu platzen - mit teilweise verheerenden Folgen für die Stabilität des Finanzsystems.

Schreiten wir weiter in diese Richtung, dann droht uns der Verlust von Freiheit, Vermögenspreisinflation, Kapitalfehlallokation, Bankensterben und ein übermächtiger Staat.

Wir sollten unsere Regale mit anderen Büchern füllen.



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