Steuerhinterziehung Staatsanwaltschaft klagt mutmaßliche Baumafiosi an

In Köln hat die Justiz eine mutmaßliche Betrügerbande angeklagt, die Millionen Euro Steuern hinterzogen haben soll. Die Ermittlungen gegen die vier Sizilianer zeigen, wie mafiöse Gruppierungen das Baugewerbe in Deutschland unterwandern.

Villa des mutmaßlichen Rädelsführers S. auf Sizilien: Fingierte Rechnungen
Polizei NRW

Villa des mutmaßlichen Rädelsführers S. auf Sizilien: Fingierte Rechnungen

Von , und , Köln


Ein wenig verzweifelt prangt der Schriftzug "Neueröffnung" an der Fensterfront der kleinen Bar im Kölner Stadtteil Kalk. Das schmuddelige Schild ist der Versuch, mit der Vergangenheit zu brechen und neue Kunden zu gewinnen. Denn das Café, das bis vor kurzem noch "Centro Italia" hieß, war wohl viele Jahre lang die Zentrale einer Bande von Baumafiosi.

Nahezu täglich saß der Sizilianer Gabriele S., 40, zwischen den gelb getünchten Wänden und den drei Spielautomaten. Hier ließ "Mister X", wie ihn ein Zeuge gegenüber der Polizei nannte, seine Geschäftspartner antreten. Oft hatte S. zuvor per Telefon ein "Bier", "zehn Flaschen Wein" oder ein Stück "Torte" geordert - gemeint war vermutlich Kokain. Seine Kunden wiederum soll es zumeist nach fingierten Rechnungen verlangt haben, womöglich um im großen Stil Steuern hinterziehen zu können.

Der ehemalige Schafhirte S. aus dem sizilianischen Städtchen Licata soll gemeinsam mit drei Landsleuten ein Geflecht von Scheinfirmen betrieben und dazu beigetragen haben, den Staat und die Sozialkassen um viele Millionen Euro zu prellen. Die Kölner Staatsanwaltschaft hat Gabriele S. sowie Biagio S., 38, Rosario P., 55, und Agatino F., 54, daher unter anderem wegen bandenmäßig betriebener Steuerhinterziehung angeklagt.

Handlanger als Geschäftsführer

Nach Erkenntnissen der Ermittler übernahmen oder gründeten die Männer 17 Bauunternehmen und setzten als deren Geschäftsführer handverlesene Strohmänner ein. Diese Handlanger erhielten zumeist bloß einige hundert Euro in der Woche dafür, dass sie ihre Namen hergaben und die Hintermänner abschirmten. Die legal erscheinenden Firmen wiederum nutzten Gabriele S. und Co. laut Anklage für ihre kriminellen Zwecke. Und das ging wohl so:

  • Zum einen sollen - gegen eine entsprechende Gebühr - Schwarzarbeiterkolonnen auf die Scheinunternehmen zurückgegriffen haben. Der Staatsanwaltschaft zufolge ermöglichten die Firmen den Männern, am normalen Geschäftsverkehr teilzunehmen, ihre Malocher zugleich jedoch weiterhin unter der Hand zu bezahlen.

  • Zum anderen bot die Bande laut Anklage anderen Baufirmen eine besondere Dienstleistung an: Gegen eine Provision von acht Prozent stellten die Strohmannklitschen demnach Scheinrechnungen für nie erbrachte Leistungen aus. Das überwiesene Geld sollen Gabriele S. und Konsorten sodann abzüglich ihrer Servicepauschale in bar wieder den Auftraggebern zurückerstattet haben. Die wiederum verfügten laut Anklage anschließend über eine geheime Kasse, aus der etwa Schwarzarbeiter bezahlt oder Amtsträger bestochen werden konnten.

Alle waren zufrieden, fast alle. Denn das Nachsehen hatten seriös wirtschaftende Bauunternehmer, die mit den Dumping-Preisen der tricksenden Konkurrenz nicht mithalten konnten - und die Allgemeinheit.

Scheingeschäfte verursachen Milliardenschaden

Ermittler gehen davon aus, dass dem Staat mit solchen Scheingeschäften, im Fachjargon Abdeckrechnungen genannt, jährlich rund 1,5 Milliarden Euro Steuern und etwa zwei Milliarden Euro Sozialabgaben entgehen. Die Gewerkschaft Ver.di rechnet sogar mit mindestens zehn Milliarden Euro Schaden im Jahr. Vor allem in der Baubranche ist das Prinzip weit verbreitet. Allein in Köln haben Sonderkommissionen von Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Polizei seit den neunziger Jahren immer wieder gegen Gruppen von Sizilianern ermittelt, die auf diese Weise viel Geld verdienten.

In dem aktuellen Fall gilt den Ermittlern der Schulabbrecher Gabriele S., der als Teenager allein nach Deutschland gekommen war und lange Zeit als Eisenflechter geschuftet hatte, als Kopf der Bande. Ihm oblag laut Anklage die Kundenbetreuung im "Centro Italia". An seiner Seite tat sich demnach der Hauptschulabsolvent Biagio S. als Schriftführer hervor. Er entwarf in einem nahen Internetcafé die Scheinrechnungen, die Entwürfe dazu hatte er auf einem USB-Stick gespeichert, den er bei sich trug.

Agitano F. wiederum, ein ungelernter Automechaniker und Pizzeria-Betreiber aus Hagen, und sein Kompagnon, der Maurermeister Rosario P. aus Schwerte, bedienten der Staatsanwaltschaft zufolge mit derselben Masche das Ruhrgebiet. Während den vier Angeklagten eine Verbindung zur Cosa Nostra mangels Belegen nicht vorgeworden wird, brüstete sich einer ihrer Geschäftspartner sogar vor den Ermittlern mit einer einschlägigen Verurteilung in Italien.

"Ein Ende ist nicht abzusehen"

Der Verteidiger von Gabriele S., der Bonner Rechtsanwalt Ingmar Rosentreter, will sich zu der Anklage nicht äußern. Er kritisiert jedoch die Verfahrensdauer: "Mein Mandant sitzt inzwischen seit neun Monaten in Untersuchungshaft, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Die Kölner Justiz scheint sich mit der Sache völlig verhoben zu haben", sagte Rosentreter.

Aus der Krefelder Kanzlei Marten, deren Juristen die übrigen Angeklagten vertreten, heißt es, man bestreite die Vorwürfe nicht generell, wolle jedoch vor Gericht die Tatbeteiligung jedes einzelnen Mandanten genau prüfen lassen.

Dass Gabriele S. und seine Leute indes nicht nur gewiefte Geschäftsmänner, sondern auch ziemlich gefährlich sind, erfuhren die Ermittler der Sonderkommission "Scavo" aus den Telefonüberwachungen. Vollkommen aufgeregt schnatterten die Abgehörten im Februar 2012 darüber, dass S. in einer Bar auf einen anderen Mann geschossen habe. "Zum Glück stand ein Stahlbehälter davor", tippte Biagio S. in sein Handy, "ansonsten hätte er ihn umgebracht."



insgesamt 23 Beiträge
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Juergen_Spaeth 30.10.2013
1. Willkommenskilltur
Und da soll noch mal so ein deutscher Rassist behaupten, Südländer schätzen per se unsere ausgeprägte Willkommenskultur nicht. Die Jungs liegen dem Staat nicht auf der Tasche was will man mehr.
rjrauschffm 30.10.2013
2. Willkommenskultur einer weltoffenen, toleranten Gesellschaft.
Die Einladung anderer Kulturen, Deutschland zu bereichern bedeutet natürlich auch mit ihren Problemen zu leben. Die flagellantische Philosophie der Selbstbestrafung dieser Gesellschaft nimmt diese Lasten natürlich gerne auf sich, da sie sowieso nur Fritz Normal betreffen.
joG 30.10.2013
3. Für mich hört sich das an ...
....als hätten die Strafverfolgungsbehörden den Anfängen nicht gewehrt sondern Zeit gewährt.
Inuk 30.10.2013
4. Baumafiosi
---Zitat--- * Zitat von SPON:* Das überwiesene Geld sollen Gabriele S. und Konsorten sodann abzüglich ihrer Servicepauschale in bar wieder den Auftraggebern zurückerstattet haben. ---Zitatende--- Es wäre schön, wenn der Spiegel Geschäftsvorfälle ähnlich gelagerte Projekte aufzeigen würde, wo Bargeldauszahlungen sinnvoll, bzw. unvermeidbar waren. Ich habe zwar viel Fantasie, kann mir aber bei derlei Projekte keinen Geschäftsvorfall vorstellen, wo Bargeld unabdingbar erforderlich ist, es sei denn, es geht nicht mit rechten Dingen zu. Obiger Artikel bestätigt meine Vermutung, dass heutzutage nur Bargeld benötigt werden, wenn krumme Geschäfte getätigt werden. Die Staatsanwaltschaft sollte in diesem Zusammenhang die Immobiliengeschäfte der Bundesvereinigung der Kassenärzte überprüfen, denn die nachträgliche Genehmigung von Geldmitteln um Buchungsaufgaben begründen zu können ist während einer Revision ein GAU und zeigt, dass die Verantwortlichen ihre Vertrauensstellung grob missbraucht haben.
rodelaax 30.10.2013
5. Köln ist die richtige Stadt dafür
In Köln können sogar Sizilianer noch etwas dazu lernen, wen es um mafiöse Strukturen angeht.
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