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09. Januar 2012, 13:45 Uhr

Begehrte Anleihen

Investoren schenken Deutschland Geld

Das gab es noch nie: Anleger gewähren eine Prämie, um Deutschland Geld leihen zu dürfen. Der Bund hat neue Schulden über 3,9 Milliarden Euro aufgenommen, der Zins für die Papiere mit sechs Monaten Laufzeit war negativ. Das bedeutet, dass die Investoren draufzahlen.

Berlin - Deutschland profitiert beim Schuldenmachen von der Verunsicherung der Investoren. Diese verzichten auf Rendite, um dem Bund kurzfristig Geld zu leihen. Bei einer Auktion von Papieren mit sechs Monaten Laufzeit wurde am Montag erstmals eine negative Rendite erzielt. Das heißt, Investoren zahlen dem deutschen Staat sogar eine Prämie, um seine Schulden finanzieren zu dürfen.

Selbst die Finanzagentur der Bundesrepublik zeigte sich erstaunt. "Das hat es bislang noch nie gegeben", sagte ein Sprecher. Der Durchschnittszins lag bei minus 0,01 Prozent. Bei der Auktion nahm der Bund 3,9 Milliarden Euro ein. Die Nachfrage war sehr hoch, die Papiere waren 1,8-fach überzeichnet.

Im Dezember hatte es noch einen Mini-Zins von 0,001 Prozent gegeben. Damals war die Auktion 3,8-fach überzeichnet. Mit den nun versteigerten Anleihen zu Negativ-Zinsen müssen die Käufer aber nicht zwingend Geld verlieren: Die Papiere können in den kommenden sechs Monaten an der Börse gehandelt werden. Dabei können die Investoren auf steigende Renditen hoffen.

Misstrauen an den Finanzmärkten

Deutschland ist nicht das erste Land, dem Anleger eine Prämie zahlen. Auch Dänemark konnte kürzlich Anleihen versteigern, für die der Staat weniger Geld zurückzahlen muss, als ihm geliehen wurde.

Staaten wie Deutschland und Dänemark gelten bei Anlegern als verlässliche Schuldner, die das geliehene Geld zurückzahlen. Weil die Verunsicherung bei Investoren derzeit sehr hoch ist, akzeptieren sie im Gegenzug für sichere Anlagen oftmals sehr niedrige Renditen.

Wie hoch das Misstrauen an den Finanzmärkten ist, zeigen aktuelle Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB). Dort parken die Banken über Nacht Geld, obwohl sie kaum Zinsen dafür bekommen. Die Einlagen gelten als eine Art Angst-Indikator der Finanzbranche. Je stärker sich die Banken gegenseitig misstrauen, desto mehr Geld legen sie tageweise bei der EZB an.

Über das Wochenende haben die Institute bei der EZB nun 463,6 Milliarden Euro eingelagert - so viel wie nie zuvor. Kurz nach Weihnachten hatten die kurzfristigen EZB-Einlagen erstmals die Marke von 400 Milliarden Euro überschritten.

Die Stärke deutscher Anleihen erklärt sich vor allem aus der Verunsicherung über die Lage in anderen europäischen Ländern. So hält der Internationale Währungsfonds nach SPIEGEL-Informationen die bisherigen Sanierungspläne für Griechenland nicht für ausreichend. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wollen am Montag ihre weitere Strategie im Kampf gegen die Schuldenkrise abstimmen. Der Euro fiel angesichts der angespannten Lage zeitweise auf den tiefsten Stand seit September 2010.

mmq/Reuters/dpa

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