Billiges Öl, teures Benzin Wer an den hohen Spritpreisen verdient

Die Kurse an den internationalen Rohölmärkten stürzen ab. Aber die Preise an deutschen Tankstellen sind so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Machen die Mineralölkonzerne jetzt den großen Reibach?

Kommenden Montag soll sie starten, die Revolution an der Zapfsäule. Zumindest hoffen das die Verfasser des anonymen Kettenbriefs, der gerade seine Runde macht bei Facebook und WhatsApp.

"Große Protestaktion gegen die steigenden Benzin und Dieselpreise Montag 26 November keine Tankstellen anfahren, wer tanken muss sollte das Sonntags am 25. November noch machen. Sende diese Protestaktion an alle deine Kontakte weiter, um ein Zeichen gegen die hohen Benzin und Dieselpreise zu agieren."

Mit der deutschen Sprache haben es die Autoren nicht so. Doch ihr Boykottaufruf wird gerade Zehntausende Male geteilt und weiterverbreitet. Er trifft einen Nerv. Denn Kraftstoffe sind teuer wie lange nicht mehr: viel zu teuer in den Augen vieler Autofahrer. Dabei hat sich Rohöl dramatisch verbilligt.

Zocken die Mineralölkonzerne die Pendler ab?

An den globalen Ölbörsen ist der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent seit Anfang Oktober von 85 auf 63 US-Dollar abgestürzt. An deutschen Tankstellen hingegen kostete am Donnerstag der Liter Super E10 laut ADAC im Schnitt 1,529 Euro - und Diesel 1,420 Euro. Das sorgt für Unmut: gerade bei Dieselfahrern, die ohnehin durch Fahrverbote gebeutelt werden. So viel wie heute mussten sie für ihren Sprit letztmals vor fast sechs Jahren berappen. Und damals war Rohöl fast doppelt so teuer: rund 115 Dollar.

Extrem sind auch die regionalen Unterschiede: In Norddeutschland ist der Liter Diesel oft für gut 1,30 Euro zu haben - teils sogar noch billiger. Im Süden kostet er hingegen vielerorts mehr als 1,50 Euro. In Konstanz am Bodensee sind es sogar im Mittel mehr als 1,65 Euro. Wie kann das sein?

Die Mineralölindustrie benennt einen Schuldigen: das Wetter. Genauer, die lange Trockenheit in Teilen der Bundesrepublik. Das anhaltende Niedrigwasser auf dem Rhein und Nebenflüssen schränke den Transport von Öl über Binnenschiffe zu Tanklagern und Raffinerien stark ein, sagt ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes. "Wir haben es mit einer Engpasssituation bei Diesel und Benzin zu tun - vorrangig im Westen und Süden."

"Gut funktionierende Binnenschifffahrt"

Dass das Preishoch allein auf das Niedrigwasser zurückzuführen ist, bezweifeln allerdings viele: unabhängige Energieexperten, der ADAC und auch die Binnenschiffer.

Das Geschäft für die Schiffsbetreiber ist tatsächlich schwieriger geworden. Die Pegelstände vieler Flüsse sind außerordentlich niedrig - an einigen Stellen des Oberrheins in Süddeutschland so niedrig wie noch nie seit Beginn der Messungen. "Wir erleben Einschränkungen", sagt Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt. Gerade am Oberrhein müssten die Schiffsbetreiber stark auf den Tiefgang achten und könnten längst nicht so viel Ware wie üblich mitnehmen. Wegen der Beeinträchtigungen hat die Bundesregierung Ende Oktober einen kleinen Teil der Ölreserven freigegeben und Kerosin, Benzin und Diesel bereitgestellt.

Doch Schwanen sagt auch: "Wir haben nach wie vor eine gut funktionierende Binnenschifffahrt. Die Versorgung der großen Raffinerien ist nicht eingestellt." Das Rohöl kommt aus Rotterdam und wird den Rhein hinaufgeschifft - oder über Pipelines geliefert: etwa in den Raum Köln zu den beiden Werken der Rheinland-Raffinerie, der größten Deutschlands. Am Niederrhein sei die Lage für die Binnenschifffahrt noch relativ "entspannt", sagt Schwanen. "Mir leuchtet nicht ein, warum man in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ein Logistikproblem für Benzin und Diesel haben sollte."

Einige Raffinerien verdienen sehr gut

"Es stimmt, dass die Transportkosten in der Binnenschifffahrt stark gestiegen sind", sagt Steffen Bukold, Chef des Hamburger Beratungshauses Energy Comment. "Aber so hohe Kraftstoffpreise können die Rheinfrachten allein nicht erklären." So sei der Preis für Heizöl, das auch so transportiert wird, zuletzt eingebrochen. Dort gibt es mehr Wettbewerb als bei Benzin und Diesel.

Bukolds Berechnungen zufolge macht der teurere Flusstransport ungefähr sechs Cent pro Liter aus. Daneben kostet auch der Transport auf Straße und Schiene mehr. Laut Oliver Johne vom Brancheninformationsdienst Futures Services fahren zurzeit Tanklaster aus Süddeutschland bis nach Hamburg, um dort Sprit zu laden. "Wir sehen Engpässe - und es gibt garantiert hier und da Marktteilnehmer, die das ausnutzen, um ihre Profitmargen ausweiten", sagt Bukold.

"Vor allem einige Raffinerien verdienen gerade ausgesprochen gut", verrät ein Brancheninsider. Das räumt auf Anfrage auch der Mineralölwirtschaftsverband ein. "Was wir hier sehen, sind marktwirtschaftliche Knappheitspreise", sagt der Sprecher. Und viele Raffinerien gehören den Mineralölkonzernen: die Rheinland-Raffinerie etwa Shell.

Gewinn macht die Mineralölindustrie mit oder ohne Boykott

Der ADAC kritisiert die Industrie: "Trockenheit und Dürre herrschen bereits seit Monaten, während der deutliche Preisanstieg an den Tankstellen erst dann erfolgt ist, als Rohöl Anfang Oktober seinen Höchststand überschritten hatte", sagt Ulrich Klaus Becker, Vizepräsident für Verkehr. "Wir brauchen nicht nur auf dem Kraftstoffmarkt einen intensiven Wettbewerb, sondern auch auf den vorgelagerten Stufen der Raffinerie- und Mineralölgroßhandelsmärkte, um ein angemessenes Preisniveau zu gewährleisten."

Spürbar billiger werden die Kraftstoffe erst dann, wenn das Wetter umschlägt. "Wir bräuchten einen richtigen tagelangen Landregen im Oberrheingebiet, am besten im Schwarzwald und der Nordschweiz", sagt Binnenschifffahrts-Vertreter Schwanen. "Dann würde sich der Flusspegel kontinuierlich erholen."

Und der Aufruf zum Kundenstreik? Der dürfte die Mineralölindustrie kaum jucken, solange die Autofahrer vortanken. Die Tankstellen könnten die Gelegenheit sogar nutzen und ihre Preise nochmal raufsetzen - am Sonntag vor dem Boykott-Montag.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.