Bioladen für Geringverdiener "Manche werden aggressiv"

Vor vier Jahren eröffnete Marion Ziehrer einen Bioladen, in dem Geringverdiener Rabatt bekommen. Seitdem wird die Gründerin von vielen Kunden geliebt - und von einigen beschimpft.

Bioladen-Gründerin Ziehrer: "Die Idee ist richtig, die Umsetzung ist schwer"
Hendrik Rauch

Bioladen-Gründerin Ziehrer: "Die Idee ist richtig, die Umsetzung ist schwer"

Ein Interview aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Katrin Zeug


Zur Person
    Marion Ziehrer, 53, ist Erzieherin, Netzwerktechnikerin und Heilpraktikerin. Sie leistete Jugendarbeit und war in der Erwachsenenbildung als EDV-Dozentin tätig. Ihr Bioladen "Biosphäre" liegt in Berlin.
Frage: Frau Ziehrer, Ihr Bioladen ist gerade vier Jahre alt geworden und immer voll, herzlichen Glückwunsch!

Ziehrer: Dankeschön. Ja, wir erleben einen regelrechten Tourismus. Leute kommen mit ihren Bekannten und sagen dann: "Schau, das ist der Bioladen, in dem man auch günstig einkaufen kann."

Frage: Wer bekommt in Ihrem Laden einen Preisnachlass?

Ziehrer: Jeder, der im Monat als alleinstehende Person weniger als 856 Euro zur Verfügung hat, kann zum günstigeren Preis einkaufen. Das war bei unserer Eröffnung die offizielle Armutsgrenze, für Menschen mit Kindern gibt es andere Sätze. Die Ermäßigungen reichen von Centbeträgen bei Brot und Milch bis zu 1,50 Euro bei Nusscreme oder Kosmetika.

Frage: Mit welchen Vorsätzen haben Sie damals eröffnet?

Ziehrer: Unser Plan war, eine Übungsfirma für Langzeitarbeitslose zu gründen. Diana Gölner, meine Geschäftspartnerin, und ich kommen beide aus der Erwachsenenbildung. Wir wollten Menschen einen Rahmen bieten, in dem sie sich unter realen Bedingungen wieder an den Markt rantasten können. Gleichzeitig wollten wir auch Leuten mit wenig Geld die Möglichkeit geben, sich gutes Essen in Bioqualität leisten zu können.

Frage: Wie finanzieren Sie dieses Vorhaben?

Ziehrer: Durch Verzicht. Anfangs haben hier alle unbezahlt gearbeitet. Ich habe in den Unterrichtspausen Bestellungen für den Laden aufgegeben. Heute sind wir, inklusive mir, elf Festangestellte. Der Stundenlohn ist mit 8,50 Euro immer noch sehr niedrig, aber es gibt keinen Inhaber, der Gewinn macht. Alles, was der Laden erwirtschaftet, fließt in diesen und in die Löhne zurück. Meine Geschäftspartnerin Diana bekommt für die Buchhaltung wie zu Beginn keinen Cent.

Gefunden in
Frage: Wie viele Ihrer Kunden kaufen ermäßigt ein?

Ziehrer: Vor zwei Jahren waren es 50 bis 60 Prozent. Seitdem sind es eher mehr geworden. Das wird langsam zum Problem, denn wenn alle verbilligt einkaufen, überleben wir nicht.

Frage: Womit weisen Kunden ihr niedriges Einkommen nach?

Ziehrer: Das geht mit dem Bewilligungsbescheid für ALG II oder mit einem Studentenausweis. Wir nehmen auch den Einkommensteuerbescheid, weil wir hier viele Freiberufler haben. Oder Kontoauszüge - Hauptsache, wir können es nachvollziehen.

Frage: Lassen sich die Kunden gerne kontrollieren?

Ziehrer: Das ist tatsächlich ein Problem. Es ist für uns aufwendig und viele Kunden beschweren sich. Sie finden, das sei bürokratisch und dass wir ihnen doch vertrauen sollten. Manche werden sogar richtig aggressiv. "Stasi-Methoden" seien das, außerdem sei es demütigend, etwas vorzeigen zu müssen, was jemanden als arm ausweist. Ich sage meinen Kollegen dann immer, dass sie das nicht persönlich nehmen dürfen.

Frage: Und was entgegnen Sie solchen Kunden?

Ziehrer: Natürlich ist da Frustration, wenn jemand wenig Geld hat. Ich sage diesen Leuten, dass ich die Bedingungen nicht gemacht habe, unter denen wir leben. Wir versuchen hier nur, mit den Folgen umzugehen, mit einem Angebot. Ich würde sehr gerne allen vertrauen, aber es gibt eben auch Schummler.

Frage: Wie erkennen Sie die schwarzen Schafe?

Ziehrer: Manche geben zum Beispiel das Einkommen ihres Partners nicht an, kaufen aber immer für ihn mit ein. Oder wenn jemand ermäßigt zahlt, es sich aber leisten kann, zweimal die Woche richtig guten Wein für 15 Euro zu kaufen. Das kann frustrierend sein. Auch wenn manche der Studenten, die bei uns einkaufen, im Sommer zwei Monate nach Asien fahren. Und unsere Mitarbeiter schaffen es höchstens mal ein paar Tage an die Ostsee.

Frage: Wollen Sie trotzdem an dem Konzept festhalten?

Ziehrer: Auf jeden Fall! Die Idee ist richtig, nur die Umsetzung ist schwer. Ich denke manchmal, dass noch mehr Aufklärung darüber nötig wäre, wie wir das hier finanzieren und darüber, dass es nur klappen kann, wenn alle mitmachen. Dann hätten die Leute vielleicht mehr Hemmungen zu schummeln. Ich wüsste gerne was passiert, wenn wir eine Woche lang nicht kontrollieren. Aber das Experiment ist unserer Buchhalterin noch zu gewagt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"



insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
Freiberufler 03.08.2014
1. Ich möcht nur dem SPIEGEl mitteilen
dass die Frustration gross ist, wenn sogar über einen Bioladen für Arme berichtet wird, es aber nicht möglich ist, wenigstens einmal einen Kontakt zum SPIEGEL zu bekommen, wenn man Grundlegendes über Bewegung herausgefunden hat. Seit mehr als zehn Jahren helfen wir den Leuten, aber wir kommen nicht weiter, weil uns unter anderem Publiziät fehlt. Trotz mehrfacher Anfrage haben wir seit etwa fünf Jahren niemals eine Antwort bekommen ----------- Gruss vom Freiberufler
boingdil 03.08.2014
2. Nochmal 4 schafft der Laden kaum
Denn es zeigt sich ja jetzt schon, dass es zunehmend ausgenutzt wird. Entweder die verschärfen die Regeln (nur ALG II, BAFöG-Studenten, Rentenbescheide und Einkommenssteuererklärung) oder sie werden durch die Trittbrettfahrer in den Bankrott getrieben. Ist leider so, denn gerade bei einer solchen Minimalprüfung kann sich fast jeder armrechnen. Mein Tipp: etwas intensiver prüfen und dann Kundenkarte mit einjähriger Gültigkeit ausgeben. Dann gibt es keine Pseudo-Prüfung im laufenden Betrieb und die Trittbrettfahrer werden weniger.
Ballonmütze 03.08.2014
3. Leider typisch
Es gibt eben auch im Biosegment viele Kunden, denen es nur um ihr eigenes Wohl geht. Die auch lieber die einfache Bioschokolade kaufen, als die ein paar Cent teurere Bioschokolade mit Fairtrade Kakao. Und die eben solche Ermäßigungen ausnutzen. Ich hab ähnliches in einem Mitgliederladen erlebt, in dem mehrere Familien auf eine Mitgliedsnummer einkaufen gegangen sind.
chronos-kronos 03.08.2014
4. "Stadtpass"
In vielen Städten und Gemeinden gibt es für Sozialhilfeempfämger, Hartz4-Empfänger und Aufstocker einen sogenannten "Stadtpass". Damit können Sie verbilligt öffentliche Einrichtung, wie Bibliotheken, Theater, Zoos,... oder öffentliche Verkehrsmittel kostengünstiger nutzen, so wie sich in den Einrichtungen der "Tafel" durch vorzeigen des Stadtpass versorgen. Gibt es sowas in Berlin nicht? "Pass" vorzeigen - fertig.
pepe_sargnagel 03.08.2014
5.
Und da sprechen die "weltfremden" Ökonomen doch tatsächlich vom "weltfremden" Free-Rider Problem. Interessant, dass die Ökonomen nicht immer so falsch liegen, wenn sie menschliches Verhalten zu erklären versuchen.
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