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Steigende Wohnkosten, aggressive Investoren Wo die Mieterangst regiert

In Berlin haben sich die Mieten in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Vor allem für Geringverdiener ist das oft eine Katastrophe. Wenn sie eine neue Wohnung suchen müssen, haben sie kaum eine Chance.

Jana Blank packt schon mal die wichtigsten Sachen zusammen - denn die Räumungsklage, so fürchtet sie, könnte jeden Tag kommen. Doch wohin sie mit ihren drei Töchtern dann gehen soll, weiß die Alleinerziehende nicht. "Was mir natürlich Angst macht, ist, mit den drei Kindern die Wohnung und die Existenz zu verlieren", sagt die 46-Jährige.

Ihr Vermieter hat Blank fristlos gekündigt, nachdem sie mehrmals ihre Miete zu spät überwiesen hat. Doch etwas Neues findet sie nicht. Niedergeschlagen berichtet sie von den Tränen der Töchter, die nicht wegwollen aus dem gewohnten Umfeld, von Schule und Freunden. "Die Gesamtsituation in der Familie ist extrem angespannt," sagt sie.

Die Geschichte von Jana Blank ist nur eine in der von SPIEGEL TV produzierten ZDF-Reportage "Mieterangst", die diesen Sonntag ab 18 Uhr zu sehen ist. Der Film erzählt von verzweifelten Mietern, knallharten Wohnkonzernen wie Vonovia und ausländischen Privatinvestoren, die gern ein Stück abhaben wollen vom boomenden deutschen Immobiliengeschäft.

Besonders drastisch ist die Lage in Berlin - einer immer noch vergleichsweise armen Stadt, die in den vergangenen zehn Jahren zum neuen Eldorado für Immobilieninvestoren geworden ist. In keiner anderen deutschen Großstadt sind die Mieten so stark angestiegen wie hier. Laut Berechnungen des Forschungsinstituts empirica kostete eine 60- bis 80 Quadratmeterwohnung im Jahr 2008 in Berlin noch günstige 5,14 Euro pro Quadratmeter, 2018 waren es 9,70 Euro - eine Steigerung um fast 90 Prozent. Zum Vergleich: In Hamburg ging es im selben Zeitraum um 35 Prozent nach oben, in Stuttgart um 48 und in München um 51,5 Prozent.

Vor allem Geringverdiener bleiben da oft auf der Strecke. Jana Blank wohnt in einer Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Weißensee. Ihr Haus wurde von einer Baugenossenschaft an einen ausländischen Investor verkauft, der aus den großen Wohnungen kleine Apartments macht, um sie teuer weiterzuvermieten. Blank ist die letzte Altmieterin. Sie zahlt für 100 Quadratmeter rund 1000 Euro Warmmiete - ein Preis, für den sie in der Gegend kaum eine Wohnung ähnlicher Größe finden wird. "Ich habe hier im Stadtbezirk geguckt, ich habe im Nachbarstadtbezirk geguckt - es ist eigentlich aussichtslos, was Passendes zu finden, also für 'ne Familie mit Kindern", berichtet Blank.

Wohnblöcke in Berlin

Wohnblöcke in Berlin

Foto: Lukas Schulze / dpa

Schon jetzt geht von Blanks Einkommen gut die Hälfte für die Miete drauf - ein Problem, das in Deutschland mittlerweile viele Menschen kennen. Laut Daten von Eurostat für das Jahr 2015 (neuere sind nicht verfügbar) mussten die unteren 20 Prozent der Haushalte im Schnitt 43,3 Prozent ihres Einkommens für Miete, Wasser und Energie aufbringen. Nur in Ungarn ist dieser Wert noch höher. Das geht aus einer aktuellen Anfrage des Linken-Chefs und Bundestagsabgeordneten Bernd Riexinger hervor.

285 Prozent Mieterhöhung in 17 Jahren

Die Politik versucht seit Jahren, den Anstieg der Mieten zu bremsen. Doch gerade in Städten wie Berlin, wo der Renditehunger der Investoren besonders groß ist, gelingt das kaum. Die Mietpreisbremse, die im vergangenen Jahr noch einmal verschärft wurde, wird nach Angaben des Berliner Mietervereins oft einfach ignoriert. Und auch die Gesetze zum Milieuschutz, die es Investoren in bestimmten Gebieten erschweren sollen, Mieter durch teure Sanierungen und andere Tricks aus ihren Wohnungen zu drängen, lassen nach Ansicht von Experten zu viele Schlupflöcher offen. Der neueste Versuch der rot-rot-grünen Landesregierung könnte deshalb ein sogenannter Mietendeckel sein, den der Senat gerade diskutiert.

Wie dreist manche Vermieter mittlerweile vorgehen, zeigt sich auch in den Mietverträgen. Vor einigen Tagen machte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ein Foto eines Staffelmietvertrags aus Berlin-Prenzlauer Berg die Runde. Demnach sollte der Mietpreis von aktuell 1746 Euro im Monat bis 2036 auf 6716 Euro steigen. 285 Prozent Mieterhöhung in 17 Jahren.

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Glücklich kann sich derzeit schätzen, wer auf so etwas nicht angewiesen ist, weil er eine Wohnung mit bezahlbarer Miete hat. Doch auch das ist Teil des Problems in angespannten Wohnungsmärkten wie Berlin oder anderen Großstädten. Denn während früher häufiger Wohnungen frei wurden, weil sich die Bewohner je nach Lebenslage vergrößern oder verkleinern wollten, bleiben mittlerweile viele Menschen so lange in ihren Wohnungen, wie es nur irgendwie geht.

Warum sollte auch ein Rentner aus einer 100-Quadratmeter-Wohnung ausziehen, für die er dank eines alten Mietvertrags nur 600 Euro Kaltmiete zahlt, um in eine 50-Quadratmeter-Wohnung zu wechseln, für die heute mindestens der gleiche Preis fällig wäre? Und auch manche Familie mit zwei Kindern quetscht sich lieber möglichst lange in die kleine Drei-Zimmer-Wohnung, weil sie sich den Umzug in eine größere Bleibe nicht mehr leisten kann. Lock-in-Effekt nennen Experten das.

So herrscht vielerorts praktisch Stillstand auf dem Markt. Und wer darauf angewiesen ist, eine neue Wohnung zu finden, hat es entsprechend schwer. Erst recht, wenn er wenig Geld zur Verfügung hat - wie Jana Blank und wie so viele andere Menschen in Berlin.


"Wohnstress - Mieterangst": Die Reportage von Ralf Wilharm sehen Sie am Sonntag, 24. März, um 18 Uhr im ZDF.

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