Studie sieht Trendwende Soziale Gerechtigkeit in vielen EU-Staaten verbessert

Nach zehn Jahren Krise hat Europa die Trendwende geschafft: Laut einer Studie geht es in der EU deutlich gerechter zu als in den Vorjahren. Allerdings profitieren nicht alle Länder im gleichen Maß.
Baustelle im hessischen Eschborn

Baustelle im hessischen Eschborn

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

In der EU finden wieder mehr Menschen eine Arbeit - und haben damit die Chance, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt der "Social-Justice-Index 2017", den die Bertelsmann Stiftung jetzt veröffentlicht hat. Danach haben sich die Arbeitsmarktdaten in 26 von 28 EU-Staaten gegenüber dem Vorjahr verbessert. Im EU-Durchschnitt ist die Arbeitslosigkeit 2016 auf 8,7 Prozent gesunken. Im Jahr 2013, dem Höhepunkt der sozialen Krise, waren es noch 11 Prozent gewesen.

Die Erholung in Sachen sozialer Gerechtigkeit verläuft allerdings mit zwei Geschwindigkeiten: Gerade in Südeuropa sind Kinder und Jugendliche noch überdurchschnittlich stark von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Nordländer wie Deutschland dagegen gehören wirtschaftlich gesehen zu den Spitzenreitern. Die Autoren kritisieren jedoch, dass es in Deutschland Defizite bei der Bekämpfung des Armutsrisikos und bei der Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit gebe.

Mit dem "Social-Justice-Index" untersucht die Bertelsmann Stiftung seit 2008 jährlich die soziale Gerechtigkeit in der EU anhand von sechs Kriterien: Armutsvermeidung, Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Nicht-Diskriminierung und Generationengerechtigkeit. Am besten schneiden in diesem Jahr Dänemark, Schweden und Finnland ab. Griechenland bleibt, trotz leichter Verbesserungen, das Schlusslicht.

Der positive Trend der aktuellen Erhebung lässt sich an den Arbeitsmarktdaten ablesen: Zwei Drittel der erwerbsfähigen EU-Bürger haben mittlerweile einen Job. Der Aufwärtstrend erstreckt sich auch auf die Krisenländer - auch wenn der Jobmarkt dort noch immer angespannt ist. In Griechenland etwa ist die Arbeitslosigkeit zwar gesunken, beträgt aber immer noch 23,7 Prozent, in Spanien sind es 19,7 Prozent.

Armutsrisiko sinkt, Nord-Süd-Gefälle bleibt

Infolge des positiven Beschäftigungstrends hat auch das Risiko leicht abgenommen, von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen zu sein: Waren in den Jahren 2012 und 2013 noch 24,7 Prozent der EU-Bevölkerung von Armut bedroht, sind es laut aktuellem Index nur noch 23,4 Prozent.

Allerdings: In Griechenland sind noch immer 35,6 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, in Spanien 27,9 und in Italien 28,7 Prozent. Für bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie Kinder und Jugendliche ist das Risiko nochmals deutlich höher.

In Dänemark, Finnland und Tschechien - den drei bestplatzierten in Sachen Armutsvermeidung - beträgt der entsprechende Anteil lediglich zwischen 13,3 und 16,7 Prozent. Allerdings erwarten die Autoren der Studie, dass sich die Kluft zwischen Nord- und Südeuropa, bei einer anhaltenden Erholung der Arbeitsmärkte, bald verringern wird.

Fortschritte bei der Bildung

In der Mehrheit der Mitgliedstaaten zeigen sich im Vergleich zu den letzten Jahren auch Verbesserungen der Bildungschancen. So ist etwa der Anteil von Schülern, die vorzeitig die Schule verlassen haben, EU-weit gesunken: von 14,7 Prozent im Jahr 2008 auf 10,7 Prozent 2016.

Kritisch betrachten die Autoren die Entwicklungen allerdings in einigen osteuropäischen Staaten: "Wir beobachten, dass gerade in Ungarn und Polen die rechtspopulistischen Regierungen stark auf das Bildungssystem einwirken. In Ungarn ist der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Bildungserfolg in den letzten Jahren bereits deutlich gestiegen", so Daniel Schraad-Tischler, Sozialexperte der Bertelsmann Stiftung und Studienleiter.

So steht Deutschland da

Unterm Strich liegt Deutschland in dem Gerechtigkeitsindex auf Rang sieben. Zu den Stärken zählt hier insbesondere der Arbeitsmarkt. Im EU-Vergleich fällt die Jugendarbeitslosigkeit mit 7,1 Prozent am geringsten aus. Gesamtbeschäftigungsquote (74,7 Prozent), die Arbeitslosenquote (4,2 Prozent) und die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer (68,6 Prozent) sind ebenfalls herausragend gut.

Negativ fällt ins Gewicht, dass es bislang nicht gelingt, den Sockel an Langzeitarbeitslosen zu verringern. Rund 41 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland sind davon betroffen. Auch haben Arbeitnehmer mit ausländischem Geburtsort deutlich schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt als Menschen, die hierzulande geboren sind. Hier liegt Deutschland nur auf Rang 24 im EU-Vergleich.

Verbesserungspotential zeigt sich auch bei der Wohlstandsverteilung: "Obwohl Deutschlands Wirtschaft brummt und die Arbeitslosigkeit auf einem historischen Tiefststand ist, scheinen die Wohlstandsgewinne nicht bei allen Menschen anzukommen", so Studienleiter Schraad-Tischler.

ssu/mik
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