Bertelsmann-Studie Euro-Aus in Südeuropa könnte 17 Billionen kosten

Ein Austritt von Griechenland und Portugal wäre verkraftbar. Doch wehe, wenn auch Spanien oder Italien die Euro-Zone verlassen. Eine neue Studie, die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt, sagt für diesen Fall massive Verluste vorher. Der mit Abstand größte Verlierer wäre Frankreich.
Demonstranten mit Flaggen von Griechenland und Portugal: Angst vor dem Dominoeffekt

Demonstranten mit Flaggen von Griechenland und Portugal: Angst vor dem Dominoeffekt

Foto: Paulo Duarte/ AP

Hamburg - Was kostet die Welt ohne Euro? Diese Frage wird seit Ausbruch der Schuldenkrise immer wieder gestellt. Bis zu 17 Billionen Euro, lautet die Antwort einer neuen Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Sie untersucht die möglichen Folgen eines Austritts südeuropäischer Länder aus der Währungsunion.

Vor allem ein Ausscheiden Spaniens und Italiens würde "beispiellose ökonomische Eruptionen in ganz Europa und weltweit" auslösen, heißt es in der Studie, die am Mittwoch erscheint und SPIEGEL ONLINE vorab vorlag. Das Ausmaß wäre "mit heutigen Maßstäben von Begriffen wie 'Krise' nicht zu messen".

Zu ihrer pessimistischen Einschätzung kommen die Autoren vor allem, weil sie im Gegensatz zu anderen Untersuchungen nicht allein die Verluste von Gläubigern der Krisenländer berechneten. Mit Hilfe eines ökonometrischen Modells wurden auch die Auswirkungen auf das Wachstum in den 42 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern simuliert, die mehr als 90 Prozent der Weltwirtschaft ausmachen. Dabei gingen die Forscher zunächst nur von einem Ausscheiden Griechenlands aus und ergänzten die Simulation dann schrittweise um den Austritt von Portugal, Spanien und Italien.

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Szenario für die Euro-Zone: Der ganz große Austritt

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Ein Teil der Ergebnisse stützt die These von Politikern wie Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). Dieser sagte im Juli, ein Austritt Griechenlands habe für ihn seinen Schrecken verloren. Auch die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass "ein Ausstieg und Staatsbankrott Griechenlands und/oder Portugals für die meisten der übrigen betrachteten Länder lediglich leichte Auswirkungen hätte".

So würde Griechenland bei einem Austritt gemessen an seinem Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der jährlichen Wirtschaftskraft, insgesamt Verluste in Höhe von 94 Prozent erleiden. Auch die Einbußen für Deutschland klingen beachtlich: 64 Milliarden gingen durch geplatzte Kredite verloren, 73 Milliarden Euro durch ein verringertes Wachstum (siehe Grafikstrecke). Gemessen am deutschen BIP machten diese Verluste aber nur 2,9 Prozent aus. "Wenn Griechenland austritt, sind die ökonomischen Folgen für die meisten übrigen Länder nach zwei Jahren unter Kontrolle", sagt der Ökonom Thieß Petersen, der die Studie bei der Bertelsmann-Stiftung betreute.

Wenn Spanien geht, wird es ernst

Ein zusätzliches Euro-Aus in Portugal wäre der Simulation zufolge zwar ebenfalls beherrschbar, hätte aber schon deutlich gravierendere Folgen. So würde etwa Frankreich in diesem Fall Einbußen in Höhe von 17,6 Prozent des BIP erleiden. Das französische Wachstum würde vorübergehend um einen ganzen Prozentpunkt gedrückt.

Spätestens wenn auch noch Spanien den Euro-Club verließe, würden auch andere Weltregionen in Mitleidenschaft gezogen. "Wenn es in Europa den Bach runtergeht, trifft das auch China und die USA", sagt Petersen. Laut den Prognos-Berechnungen gingen in den 42 Ländern insgesamt 7,9 Billionen Euro verloren, davon allein 1,2 Billionen in den Schwellenländern der sogenannten BRIC-Staaten.

Das chinesische Wachstum würde um knapp einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, das amerikanische um 0,4 Prozent. Besonders stark betroffen wären zudem Portugal wegen seiner engen Handelsbeziehungen zum Nachbarland sowie Frankreich, weil dessen Banken stark in Spanien engagiert sind.

Sollte schließlich auch Italien den Euro abschaffen, erwarten die Forscher nicht weniger als eine weltweite Rezession. Insgesamt würden Einbußen von knapp 17,2 Billionen Euro entstehen - das entspricht 44 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aller untersuchten Länder. Deutschlands Verluste würden fast 70 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts betragen, die von China die Hälfte und die der USA ein Viertel.

Verringerte Nachfrage trifft die ganze Welt

Bei den Simulationen gingen die Forscher stets davon aus, dass die betroffenen Länder einen Schuldenschnitt von 60 Prozent durchführen. Dieser erhöht in Gläubiger-Ländern die Defizite und macht neue Sparpakete oder Steuererhöhungen notwendig. Die Nachfrage sinkt sowohl in den ausgetretenen Ländern als auch in verbleibenden Euro-Staaten. "Diese verringerte Nachfrage macht in Ländern außerhalb Europas den größten Teil der Verluste aus", sagt Michael Böhmer, Ökonom bei Prognos.

Besonders bemerkenswert ist, wie stark Frankreich laut der Studie von einem Euro-Aus in Südeuropa betroffen wäre: Der Schaden könnte hier demnach bis zu 154,4 Prozent des französischen BIP ausmachen - mit Abstand der höchste Wert aller untersuchten Länder. Laut Prognos-Ökonom Böhmer liegt das nicht nur am starken Engagement französischer Banken in Südeuropa - sondern auch an der steigenden Wettbewerbsfähigkeit der austretenden Länder.

Denn die Forscher rechnen in den ausgeschiedenen Ländern mit einer massiven Abwertung der neuen Währung, im Falle Griechenlands um 50 Prozent. Dadurch wird es zwar schwerer, die verbliebenen Schulden abzubezahlen. Zugleich erhöht sich jedoch die Wettbewerbsfähigkeit. Nach schweren Einbrüchen in den ersten Jahren kommt es deshalb zumindest in Spanien und Portugal zu mehr Wachstum als bei einem Verbleib in der Euro-Zone. Darunter leidet wiederum Frankreich, dessen Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu Ländern wie Deutschland schon heute schlecht ist. "Frankreich wird gewissermaßen nach unten durchgereicht", so Böhmer.

Die Vorhersagekraft des verwendeten Modells ist laut Prognos hoch. Es wurde mit sogenannten Ex-Post-Analysen getestet, bei denen Daten aus der Vergangenheit eingespeist und die Ergebnisse der Berechnung dann mit der Realität verglichen werden. Eine wichtige Frage können die Forscher allerdings nicht beantworten: Ob der vergleichsweise harmlose Austritt von Griechenland und Portugal gelingen könnte, ohne dass auch Spanien und Italien die Euro-Zone verlassen müssen. "Die Gefahr eines Dominoeffekts können wir nicht beziffern", räumt Bertelsmann-Experte Petersen ein. "Dafür reagieren die Kapitalmärkte zu irrational."

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