Beschäftigungsbericht 2012 ILO gibt deutschen Löhnen schuld an Euro-Krise

Deutschland trägt nach Ansicht der Internationalen Arbeitsorganisation eine Mitschuld an der Euro-Krise: Der geringe Lohnzuwachs habe den deutschen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft - und so die europäischen Volkswirtschaften unter Druck gesetzt.

Bauarbeiter in Berlin: Geringes Lohnplus schwächt deutsche Kaufkraft
dapd

Bauarbeiter in Berlin: Geringes Lohnplus schwächt deutsche Kaufkraft


Genf - Die UN-Experten von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) veröffentlichen ihre Befunde pünktlich zum Weltwirtschaftsforum in Davos: Der schwache Anstieg von Löhnen und Gehältern in Deutschland gehört der ILO zufolge zu den Ursachen der strukturellen Probleme der Euro-Zone. Weil sich in der Exportnation Deutschland seit der Wiedervereinigung die Kosten der Arbeit im Vergleich zur Konkurrenz in anderen Ländern sogar verringert hätten, sei "das Wachstum in diesen Volkswirtschaften unter Druck geraten" - so steht es im globalen Beschäftigungsbericht 2012.

Während günstigere Arbeitskosten den deutschen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafften, hätten das die davon betroffenen Länder nicht durch verstärkte Ausfuhren in die Bundesrepublik wettmachen können, heißt es in dem ILO-Bericht. Krisenländern sei ein Ausweg über "die Exportroute" praktisch versperrt worden, weil in Deutschland die Nachfrage angesichts der schwächeren Einkommensentwicklung hinterherhinkte. Diese Entwicklung habe in anderen Ländern der Euro-Zone "nachteilige Folgen für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen" gehabt.

Deutsche Wirtschaft soll Produktivität fördern

Die ILO fordert deshalb Abhilfe: Statt weiter bei Löhnen und Gehältern zu bremsen, solle die deutsche Wirtschaft stärker die Produktivität fördern. Allerdings räumen die Autoren des Berichts "Global Employment Trends 2012" auch ein, dass Deutschland in Europa "zu den wenigen Ausnahmen gehört, in denen die Beschäftigung nicht unter dem Stand vor Ausbruch der Krise zurückgeblieben ist".

Die Arbeitslosigkeit in Europa hat laut ILO "mit rund 45 Millionen Betroffenen einen historischen Höchststand erreicht, und der Ausblick ist wegen der Schuldenkrise in den meisten Ländern negativ". Weltweit geht die ILO nach den jeweiligen offiziellen Zahlen von fast 200 Millionen Arbeitslosen aus - 27 Millionen mehr als 2007, dem Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise in den USA. Trotz eines hohen Wirtschaftswachstums stagniere die durchschnittliche Arbeitslosenquote bei 6,0 Prozent.

Mehr als eine Milliarde Menschen arm trotz Arbeit

Dazu kommen noch rund 900 Millionen Menschen, zum größten Teil in Entwicklungsländern, die trotz Arbeit unter der Armutsschwelle von zwei Dollar pro Tag leben. "Jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in Armut - das sind rund 1,1 Milliarden Menschen", sagte ILO-Generalsekretär Juan Somavia. Die Schaffung von Jobs müsse für Regierungen und Unternehmen oberste Priorität haben.

Die ILO geht davon aus, dass unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung in den nächsten zehn Jahren rund 600 Millionen produktive Arbeitsplätze gebraucht werden, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt in Lohn und Brot zu bringen. Einen wichtigen Beitrag könne dazu "eine strikte Regulierung der Finanzmärkte" leisten. Dadurch würde eine stabilere Unternehmensfinanzierung möglich werden.

nck/dpa

insgesamt 95 Beiträge
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h_grabowski 24.01.2012
1. Schuldig...
Ich warte noch auf den Tag, an dem Aliens auf der Erde landen, und von Frau Merkel einen Rettungsschirm verlangen.... Deutschland im allgemeinen, aber der deutsche Arbeitnehmer im besonderen sei ja schließlich schuld am Untergang ihrer Zivilisation... Ich kann es nicht mehr hören...
nocreditoexperto 24.01.2012
2. Weltbevölkerung muss schrumpfen
Aus dem Artikel: "Jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in Armut - das sind rund 1,1 Milliarden Menschen", sagte ILO-Generalsekretär Juan Somavia. Die Schaffung von Jobs müsse für Regierungen und Unternehmen oberste Priorität haben." Also gut schaffen wir Jobs. Doch bis die 1,1 Milliarden in Brot sein werden, wird es wieder 2-3 Milliarden neue Erdenbürger ohne Jobs geben. Wachstum ist kein probates Mittel. Langfristig hilft nur ein gesundschrumpfen der Weltbevölkerung. Doch wie soll das gehen? Von den 210 Ländern dieser Erde werden ca. 140 von Diktaturen/Clans beherrscht und diese haben kein Interesse ihre Bevölkerung flächendeckend in Lesen und Schreiben zu unterrichten. Bildung ist jedoch die Voraussetzung für einsichtiges Handeln und weniger Kinder. In den meisten Ländern gelten aber viele Kinder als optimale Altersversorung.
Richard W. 24.01.2012
3. Die Deutschen sind schuld!
Die Deutschen sind schuld! Nein nicht die unproduktiven und zu teuren Griechen (oder anderes Südländisches EU Land einsetzen) Nein die Deutschen mal wieder... Ist ja nicht so das Deutschland auch in Konkurrenz zu China steht oder anderen Länder in denen die Lohnstückkosten p.H. bei knapp über einem Apfel und einem Ei liegen. Lösung: Löhne anheben, Export kaputt machen, Fabriken schließen dann sind wir alle gleich arm. Aber wer rettet uns dann? Die Linke? Reichtum für Alle! Da bin ich dabei.
goldenpowerdragon 24.01.2012
4. Könnte man nicht
Zitat von sysopDeutschland trägt nach Ansicht der Internationalen Arbeitsorganisation eine Mitschuld an der Euro-Krise: Der geringe Lohnzuwachs habe den deutschen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft - und so die europäischen Volkswirtschaften unter Druck gesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,810956,00.html
Auch sagen, die anderen Europäischen Länder haben ihre Löhne zu sehr steigen lassen? Dann wäre nämlich klar, dass die Südländer selber Schuld sind an dem ganzen Schlamassel.
keksguru 24.01.2012
5. das ist doch billige Dialektik
Zitat von sysopDeutschland trägt nach Ansicht der Internationalen Arbeitsorganisation eine Mitschuld an der Euro-Krise: Der geringe Lohnzuwachs habe den deutschen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft - und so die europäischen Volkswirtschaften unter Druck gesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,810956,00.html
was können wir Deutschen dafür, daß wir am produktivsten sind? Daß ein Euro in Deutschland mehr Arbeitsleistung bringt als etwa in Polen oder in Spanien? Die Wirtschaftspolitik unserer direkten Nachbarn, Frankreich (und zumindestens wirtschaftlcih gesehen England) war nicht mal ansatzweise so erfolgreich wie die bei uns. Und was nicht gesehen wird, ist die Tatsache, daß ja das eine oder andere Unternehmen in den wirtschaftlich sehr schwachen Ländern investiert hatten... wie Nokia in Ungarn und in Rumänien, VW in den spanischen Autohersteller Seat, auch hat Merzedes in Valencia Kleinlaster für den deutschen Markt bauen lassen (MB 100, MB207, 30X) oder in Skoda in Tschechien. Nur ist Spanien ein Agrarland, und hat ähnlich wie Griechenland vor ca. 40 Jahren eine Diktatur abgeschüttelt - und gewissermaßen bei 0 angefangen, wo wir schon 20 Jahre Wirtschaftswunder hinter uns hatten. Und die Kernstaaten haben ja die EWG gegründet und den ECU geschaffen.... für die Neumitglieder der EU, die gewissermaßen auf Wüstensand gebaut haben und nicht auf eine 300 Jahre bestehende Industriekultur, für die wäre damals ein Aufbauplan zwingend notwendig gewesen.
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