Studie zur Entgeltumwandlung Die Betriebsrente, die vor allem Gutverdienern hilft

Ein auskömmliches Leben im Ruhestand ist ohne betriebliche Altersvorsorge kaum möglich. Doch eine Untersuchung zeigt: Ein wichtiges Instrument wird von denen, die es eigentlich bräuchten, kaum genutzt.
Gut verdienende Angestellte (Symbolbild): Ohnehin hohe Rentenansprüche, häufig auch zusätzlich abgesichert

Gut verdienende Angestellte (Symbolbild): Ohnehin hohe Rentenansprüche, häufig auch zusätzlich abgesichert

Foto: Sigrid Ollson / PhotoAlto / Getty Images

Vor 20 Jahren änderte sich etwas Fundamentales in der deutschen Rentenpolitik: Seitdem gilt, dass die gesetzliche Rente nicht mehr den Anspruch hat, den Lebensstandard im Alter annähernd zu erhalten. Wer im Ruhestand ausreichend abgesichert sein will, muss zusätzlich privat und betrieblich vorsorgen. Allerdings zahlt bei Weitem nicht jede und jeder in Deutschland etwa in eine private Absicherung ein – und die Große Koalition wird die (häufig unattraktive) Riester-Rente bis zur Bundestagswahl nicht mehr reformieren.

Auch bei einer wichtigen Form der betrieblichen Altersvorsorge – der Entgeltumwandlung – läuft es nicht gut. Sie wird relativ wenig genutzt und wenn, dann deutlich häufiger von jenen, die im Vergleich ohnehin schon besser abgesichert sind: gut verdienende, hoch qualifizierte, westdeutsche Männer. Hingegen sorgen Geringverdiener, niedrig Qualifizierte und Frauen seltener mit einer Entgeltumwandlung vor. Das legt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)  nahe.

Dafür werteten die DIW-Forscher Johannes Geyer und Ralf Himmelreicher die amtliche Verdienststrukturerhebung aus, für die fast 70.000 Betriebe detailliert zu rund einer Million Arbeitsverhältnisse befragt werden. Zum ersten Mal überhaupt liegen damit repräsentative Daten über die Verbreitung der Entgeltumwandlung unter Beschäftigten in der Privatwirtschaft vor. Es sind die aktuellsten Daten, und trotzdem sind sie schon reichlich alt – sie bilden den Stand des Jahres 2014 ab.

Insgesamt nutzten damals knapp 19 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft die Entgeltumwandlung – zum Vergleich: In dem Jahr hatten insgesamt knapp 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (also inklusive der im öffentlichen Dienst) irgendeine Form der betrieblichen Altersvorsorge.

Dabei griffen Männer (21,3 Prozent) häufiger als Frauen (15,8 Prozent) und Beschäftigte im Westen (19,3 Prozent) häufiger als im Osten (15,7 Prozent) auf die Entgeltumwandlung zurück und zahlten jeweils auch durchschnittlich höhere Summen ein. Betrachtet man einzelne Personengruppen, gilt zudem grundsätzlich: Je höher die Bildung und je höher der Verdienst, desto größer ist der Anteil derjenigen, die auf diese Weise für das Alter vorsorgten – und desto höher auch die eingezahlten Beträge.

So nutzten unter dem Fünftel der Beschäftigten mit den niedrigsten Stundenlöhnen weit weniger als zehn Prozent die Entgeltumwandlung – beim Zehntel der Beschäftigten mit den höchsten Stundenlöhnen hingegen deutlich mehr als 30 Prozent. Zudem stieg die Nutzung der Entgeltumwandlung mit der wöchentlichen Arbeitszeit.

Oder kurz: Die Entgeltumwandlung sichert vor allem jene zusätzlich ab, die ohnehin schon eine relativ hohe gesetzliche Rente erwarten können – und nur selten jene mit absehbarer Minirente.

Beschäftigte in Wurstfabrik: Wer ohnehin eine niedrige Rente haben wird, nutzt besonders selten die Entgeltumwandlung zur betrieblichen Vorsorge

Beschäftigte in Wurstfabrik: Wer ohnehin eine niedrige Rente haben wird, nutzt besonders selten die Entgeltumwandlung zur betrieblichen Vorsorge

Foto: Sigrid Gombert / Getty Images/Cultura RF

Betrachtet man die Unternehmen, zeigen sich weitere Unterschiede: In Betrieben mit Tarifvertrag war der Anteil höher (24,2 Prozent) als in solchen ohne, in Kleinstbetrieben mit weniger als zehn Beschäftigten niedriger (9,1 Prozent) als in Großbetrieben mit mehr als tausend Beschäftigten (25,7 Prozent). In der Finanzdienstleistungsbranche (56,2 Prozent) und in der Industrie (28,7 Prozent) waren die Anteile am höchsten, am niedrigsten im Gastgewerbe (4,9 Prozent).

Doch wie funktioniert die Entgeltumwandlung überhaupt?

Seit 2002 haben Beschäftigte einen Rechtsanspruch auf die Entgeltumwandlung. Dabei wird ein Teil des Bruttogehalts vom Arbeitgeber in eine betriebliche Altersvorsorge eingezahlt – in welche und bei welchem Anbieter, entscheidet im Übrigen der Arbeitgeber. Der kann, muss aber nicht zusätzlich Geld drauflegen.

Es gibt fünf verschiedene gesetzlich definierte Arten der betrieblichen Altersvorsorge:

  • Direktzusage: Arbeitgeber verpflichten sich selbst zur Auszahlung von Leistungen im Alter und bilden dafür Rückstellungen.

  • Unterstützungskasse: Arbeitgeber zahlen an eine Einrichtung, die später die Leistungen auszahlt.

  • Direktversicherung: Arbeitgeber schließen für Beschäftigte Lebensversicherungen bei einem Lebensversicherer ab.

  • Pensionskasse: ähnlich der Direktversicherung, mit rechtlich selbstständigen Versicherungseinrichtungen.

  • Pensionsfonds: selbstständige Versorgungsträger, die vergleichsweise risikoreich investieren dürfen.

Eine direkte staatliche Förderung gibt es bei der Entgeltumwandlung nicht – anders als etwa bei der privaten Riester-Rente. Indirekt erfolgt diese Förderung aber durch die sogenannte nachgelagerte Besteuerung: Die eingezahlten Beträge werden nicht besteuert (aktuell bis zu 6816 Euro im Jahr), auch Sozialversicherungsbeiträge werden nicht fällig (aktuell bis zu 3408 Euro). Im Alter müssen die Auszahlungen dann zwar versteuert werden – weil die Einkünfte dann aber meist niedriger sind, zumeist zu einem geringeren Steuersatz. Zudem werden dann nur noch Beiträge zur Kranken- und Pflegekasse fällig und keine mehr zu Renten- und Arbeitslosenversicherung.

Pflichtversicherung als Lösung

Dass Beschäftigte mit niedrigen Löhnen diese und auch andere Formen der betrieblichen Vorsorge nur selten nutzen, ist nachvollziehbar: Wer finanziell ohnehin gerade so über die Runden kommt, hat schlicht kaum Spielraum, noch etwas fürs Alter zur Seite zu legen. Zudem mögen viele am Sinn einer solchen Vorsorge zweifeln, wenn ihre gesetzliche Rente absehbar weit unter dem Existenzminimum liegen wird und sie dann ohnehin auf die Grundsicherung angewiesen sein werden.

Gerade für diese Geringverdiener hat aber die Entgeltumwandlung, wie jede andere betriebliche Altersvorsorge oder auch die Riester-Rente, einen Vorteil, der nur wenigen bewusst ist: Ein Teil davon darf – anders als andere Einkommen – zusätzlich zur Grundsicherung behalten werden; die ersten 100 Euro ganz ohne Anrechnung, alles darüber hinaus mit Abzügen bis zu einer Höchstgrenze, die derzeit bei 223 Euro im Monat liegt. Gemessen am kargen Regelsatz der Grundsicherung ermöglichen diese Zusatzbeträge einen zumindest etwas größeren Spielraum im Alltag.

Die DIW-Forscher plädieren daher für Reformen. Wolle man kurzfristig Änderungen erreichen und auch Geringverdienende sowie Beschäftigte in kleinen Betrieben besser absichern, spreche viel für eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge für alle – inklusive einer Beitragspflicht für die Arbeitgeber. Zudem sollte der Staat dann Geringverdienende gezielt zusätzlich fördern.

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