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09. April 2014, 16:59 Uhr

S.P.O.N. - Die Spur des Geldes:

Im Bann des billigen Geldes

Eine Kolumne von

Tief, tiefer, am tiefsten: Seit 30 Jahren sinken die Realzinsen - und werden weiterhin niedrig bleiben. Die Notenbanken tragen daran kaum Schuld. Es stehen schlicht zu viele Ersparnisse zu wenigen Investitionen gegenüber.

Der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Halb-Jahresbericht eine faszinierende Studie veröffentlicht. Sie enthält eine Hiobsbotschaft für deutsche Sparer: Die Zinsen werden sich weltweit kaum noch erholen.

Es geht um die sogenannten Realzinsen. Das sind jene Zinsen, die man in den Geldmärkten bezahlt, minus der Inflation. Lauf IWF lagen diese Realzinsen Anfang der achtziger Jahre bei rund sechs Prozent, bei 3,5 Prozent Anfang der neunziger, bei zwei Prozent im Jahr 2000, bei 1,5 Prozent 2007 und mittlerweile bei nahezu null Prozent. Die Weltwirtschaft erholt sich jetzt zwar langsam von den verschiedenen Finanzkrisen seit 2007. Normalerweise würde man erwarten, dass nun auch der Realzins wieder steigt. Doch laut IWF wird das nicht passieren - oder zumindest nicht in ausreichendem Ausmaß. Der IWF prognostiziert einen Anstieg der Realzinsen auf maximal zwei Prozent, wahrscheinlich aber eher weniger.

An dieser Stelle sollte man mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Die Entscheidung, ob die Zinsen hoch sind oder niedrig, treffen nicht die Notenbanken, sondern der Markt. Der Zins ist ein Marktpreis, der Investitionen und die Ersparnisse im Gleichgewicht hält. Die Notenbank kontrolliert zwar eine Reihe von Zinssätzen für kurze Laufzeiten. Sie kann sich aber nicht grundsätzlich und über lange Zeit gegen den Markttrend stemmen.

Ob die Zinsen für deutsche Sparer hochgehen werden, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble es vor kurzem forderte, hängt also weniger von der EZB selbst ab als von den Markttrends. Auch die Schwerkraft ändert sich schließlich nicht durch den Erlass eines Wissenschaftsministers.

Pathologischer Weg des Totsparens

Warum ist der Marktzins so tief? Wenn ein Zins niedrig ist, dann ist das Angebot an Ersparnissen größer als die Nachfrage nach Investitionskapital. Die Ersparnisse sind zu hoch und die Investitionen zu gering. In Deutschland beobachten wir schon seit Jahren fallende Investitionen des Staates und des Privatsektors. Insofern hätte Schäuble im Grunde sogar mehr Einfluss auf den Realzins als EZB-Chef Mario Draghi. Die Finanzminister der 20 größten Industriestaaten könnten diesen Realzins nach oben drücken, wenn sie gemeinsam Investitionen ankurbelten. Stattdessen schieben sie den Schwarzen Peter den Notenbanken zu.

Warum erwartet der IWF trotz Erholung der Wirtschaft keine Erholung der Realzinsen? Der Grund ist, dass die Schieflage zwischen Ersparnissen und Investitionen wohl bestehen bleiben wird. Es gibt einen weiteren Faktor, der sich ebenfalls nicht ändern wird. Großanleger haben seit der Krise immer mehr in festverzinsliche Staatsanleihen investiert. Damit haben sie die Preise für die Anleihen hochgetrieben, und die Rendite gingen runter.

Härtere Regeln für Banken und Versicherungen haben diesen Trend noch verschärft, indem sie ein Mindestmaß an vermeintlich sicheren Staatsanleihen im Portfolio vorschreiben.

Was für Konsequenzen hat ein weiterhin niedriger Realzins?

Der Realzins ist einer der zentralen Kräfte, die die Wirtschaft treiben. Sein Verfall ist der große Wirtschaftstrend unserer Generation. Ihn zu normalisieren die große übergeordnete Aufgabe der Wirtschaftspolitik dieses Jahrhunderts.

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