Wirtschaftswachstum und Exportüberschuss Neue Zahlen, altes Problem

Gerade wurde Deutschland wegen seiner Exportstärke gerügt, jetzt geht das Wirtschaftswachstum zurück. Ausgerechnet die Ausfuhren schwächeln. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick.

Deutscher Exportschlager Auto: "Wenig Dynamik" bei den Ausfuhren
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Deutscher Exportschlager Auto: "Wenig Dynamik" bei den Ausfuhren

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Hamburg - In der Wirtschaft scheint es gelegentlich so, als sei die Nachricht von gestern am nächsten Tag schon überholt. So ist es auch mit den neuen Zahlen zum deutschen Wirtschaftswachstum. Zwischen Juli und September wuchs das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,3 Prozent. Während die Importe weiter stiegen, zeigten die Exporte laut Statistischem Bundesamt "wenig Dynamik".

Das scheint auf den ersten Blick überhaupt nicht zur Entscheidung der EU-Kommission zu passen. Die hatte erst am Mittwoch angekündigt, den hohen Exportüberschuss Deutschlands kritisch zu überprüfen.

Sind die deutsche Wirtschaft und ihre Exporte am Ende doch nicht so stark? Für den scheinbaren Widerspruch gibt es eine Reihe von Erklärungen:

  • Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zum Wirtschaftswachstum beziehen sich auf das dritte Quartal. Verglichen wurden sie mit den drei Vormonaten, also April bis Mai. In dieser Zeit war die deutsche Wirtschaft mit 0,7 Prozent besonders stark gewachsen. Das lag auch am ungewöhnlich harten Winter, durch den sich Bauarbeiten verzögerten, die dann im Frühjahr nachgeholt wurden. Im Vergleich zu diesem starken Quartal erscheint das Wachstum nun schwächer.
  • In der Euro-Zone, wohin knapp 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen, ist die Wirtschaftslage weiter mäßig, die Nachfrage entsprechend gering. Der Währungsraum wuchs nur um 0,1 Prozent, nachdem er erst im vorvergangenen Quartal aus der Rezession kam. Die nächstgrößeren Euro-Länder nach Deutschland - Frankreich und Italien - verzeichneten in den vergangenen drei Monaten sogar jeweils ein Minus von 0,1 Prozent.
  • Genau wie bei der Untersuchung der EU-Kommission geht es bei den neuen Zahlen zu Deutschland nicht um die Exporte allein, sondern um ihr Verhältnis zu den Importen. Deutschland führt viel mehr Waren aus als ein, erst im September gab es bei den Überschüssen einen neuen Rekordwert. Bezogen auf die neuen Wachstumszahlen teilte das Statistische Bundesamt bislang lediglich mit, dass die Importe im dritten Quartal stärker gewachsen sind als die Exporte - wie stark genau wird im Detail erst am 22. November bekanntgegeben. Das heißt: Der deutsche Exportüberschuss dürfte sich langfristig verringern, es gibt ihn aber immer noch.
  • Leicht positive Konjunkturimpulse kamen im vergangenen Vierteljahr vor allem aus dem Inland. So wurde mehr Geld in Ausrüstungen, etwa Maschinen und Bauten gesteckt. Auch hier ist aber die Ausgangsbasis wichtig: Beide Bereiche waren über lange Zeit rückläufig. Ökonomen fordern von Deutschland deshalb Investitionen in Milliardenhöhe, welche auch den deutschen Handelsüberschuss weiter verringern würden.

Fazit: Der deutsche Export steht nicht mehr ganz so gut da wie bisher - und der Binnennachfrage geht es etwas besser. Das ändert aber nichts an der Ausgangslage: Die Bundesrepublik erzielt nach wie vor einen Exportüberschuss - und erzürnt damit ihre Nachbarn.

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pepe_sargnagel 14.11.2013
1.
Zitat von sysopDPAGerade wurde Deutschland wegen seiner Exportstärke gerügt, jetzt geht das Wirtschaftswachstum zurück. Ausgerechnet die Ausfuhren schwächeln. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bip-deutschlands-wirtschaft-schwaechelt-nur-auf-dem-papier-a-933577.html
Ich muss sagen, dass eine solche Meinung bzw. Einordnung der Ergebnisse mit einem aktuellen Aufhänger schon weit über das normale Angebot von kostenlosen (online) Medien hinausgeht. Ich begrüße das, weil ein solcher Beitrag eine breitere sachliche Debatte anstoßen kann als kostenpflichtige Angebote, die von vielen nicht mehr in Anspruch genommen werden. Ich möchte hier ausdrücklich meine Begeisterung über die Bereitstellung eines solchen Beitrags kund tun (auch wenn man nicht einer Meinung sein muss). Sehr löblich und sehr interessant. Vielen Dank
joG 14.11.2013
2. Das muss man natürlich zusammen mit dem Euro betrachten....
.....da erst der Euro bedeutet, dass Deutschland sein Geschäftsmodell bzw Verhalten vollständig umstellen muss. Das Modell muss im Euro an den Ungleichgewichten scheitern.
nic 14.11.2013
3. optional
... zeigten die Exporte laut Statistischem Bundesamt "wenig Dynamik"... Und jetzt mal kurz überlegt warum. Ist der Import von deutschen KFZ in Spanien, Griechenland, Italien usw. tatsächlich eingebrochen, wieso nur?
senapis 14.11.2013
4. Zahlenspiele
Die in den Medien oft dargestellten Steigerungswerte haben leider NULL Aussagekraft, wenn man nicht die vorhergehende Entwicklung mit betrachtet. "Stagnation" kann positiv oder negativ sein. Z.B. nach einer Talfahrt= die Talsohle ist erreicht, nach einer längeren Talsohle= es geht immer noch nicht aufwärts, nach einem Anstieg= wir können das hohe Niveau halten. Kann man beim Leser immer voraussetzen, dass er voll im Thema ist? Eher nicht. Deswegen sollte so ein Beitrag auch diese Betrachtungen einschließen, und deswegen ist dieser Beitrag zu begrüßen!
ich50 14.11.2013
5. Frage?
Wie sieht die deutsche Bilanz eigentlich bezogen nur auf den Euroraum aus? Ist es so das wir auch innereuropäisch so einen Exportüberschuss haben oder fällt er da evtl. sogar geringer oder höher aus? Und ich glaube der Markt wird das auch so regulieren, die Lohne werden hier einfach schneller Steigen als in den Anderen Euroländern, wenn dem nicht so ist, tragen diese in meinen Augen auch eine mitschuld und tun nichts für ihre Wettbewerbsfähigkeit... ;)
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