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28. Juni 2010, 14:53 Uhr

BIZ-Jahresbericht

Super-Notenbank warnt vor neuer Finanzkrise

Es ist eine deutliche Warnung, und sie kommt von Experten, deren Urteil Gewicht hat: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Gefahr einer neuen Finanzkrise. "Was wir erlebt haben, könnte sich wiederholen", schreibt das Institut, das schon die vergangene Krise früh vorausgesehen hat.

Basel - Die Konjunktur zieht wieder an, Deutschlands Unternehmen blicken schon wieder optimistisch in die Zukunft. Doch nach Ansicht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist der Jubel nicht nur verfrüht: Sie warnt ausdrücklich vor der Gefahr einer neue Finanz- und Wirtschaftskrise.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten in der ersten Jahreshälfte hätten die geringe Stabilität des Finanzsystems in der industrialisierten Welt deutlich gemacht, schreibt das Institut in seinem am Montag veröffentlichten Jahresbericht. "Was wir Ende 2008 und Anfang 2009 erlebt haben, könnte sich durch einen Schock beliebiger Größenordnung wiederholen."

Die BIZ gilt als "Notenbank der Notenbanken". Ihre Experten sammeln und analysieren Daten von den internationalen Finanzmärkten, die ihnen von den angeschlossenen Zentralbanken übermittelt werden. Daraus destillieren sie ein Bild der Weltwirtschaft und der Lage an den Märkten. Die BIZ hat ein gutes Frühwarnsystem für internationale Krisen. Bereits Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 hatte sie vor einer Überhitzung am US-Immobilienmarkt gewarnt.

Umso besorgniserregender ist ihre Analyse der internationalen Finanzmärkte - zumal sich laut dieser nicht nur die Krise jederzeit wiederholen könnte: Im Falle eines neuen Crashs wären die Staaten weitgehend machtlos. "Sollte es zu einer weiteren Krise kommen, wären Mittel und Möglichkeiten für erneute Eingriffe begrenzt", sagte BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana in seiner Rede vor der Jahreshauptversammlung. Gefordert seien deshalb eine rasche Sanierung der Staatshaushalte und eine geldpolitische Kehrtwende der Notenbanken.

"Immenser Vertrauensverlust"

Der Kreditversicherer Euler Hermes warnt genau davor - er hält das Risiko, durch zu starkes Sparen den Aufschwung abzuwürgen, für sehr hoch. "Die von einigen Staaten angekündigten Konsolidierungspläne drohen den Rhythmus des europäischen Aufschwungs vor allem 2011 spürbar zu bremsen", erklärte Karine Berger, Chefvolkswirtin von Euler Hermes. In der Euro-Zone würden die Investitionen 2010 weiter um drei Prozent schrumpfen, um sich 2011 leicht um 1,2 Prozent zu erholen.

Die BIZ drückt dennoch aufs Tempo: "Wir können mit der Normalisierung der Wirtschaftspolitik nicht warten, bis wieder ein kräftiges Wirtschaftswachstum eingesetzt hat", sagte Caruana.

Welche Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte und für die Wirtschaft durch ausufernde Schuldenberge drohten, hätten die Probleme in der Euro-Zone und namentlich in Griechenland gezeigt, schreiben die Baseler Experten. "Die griechische Staatsschuldenkrise gefährdet ohne Zweifel die beginnende Erholung der europäischen Konjunktur von der tiefen Rezession, in die die letzte Krise geführt hat." Der Vertrauensverlust sei immens, die Staatsverschuldung habe in vielen Industrieländern "ein nicht mehr tragbares Niveau" erreicht.

Deshalb müssten die Regierungen nun sparen und mit Strukturreformen die Wirtschaft wetterfest machen - auch um den Preis kurzfristiger Wachstumsverluste. "Die Alternative - ein plötzlicher Vertrauensverlust an den Märkten - wäre weit schlimmer."

Die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer hatten sich am Wochenende in Toronto auf einen Zeitplan für den Abbau der Schuldenberge geeinigt, die Reform des Weltfinanzsystems jedoch bis zum nächsten Gipfeltreffen im Herbst in Seoul vertagt.

Die BIZ warnt davor, es bei Reparaturarbeiten an der Finanzarchitektur zu belassen und eine Renovierung des beinahe zusammengebrochenen Systems auf die lange Bank zu schieben. Nach rund drei Jahren Krise seien die kurzfristig wirksamen Gegenmittel von Regierungen und Notenbanken erschöpft. Die Ursachen des Übels müssten endlich an den Wurzeln gepackt werden: "Der Abschluss der Reformen des Finanzsystems ist noch dringlicher geworden."

ssu/dpa/Reuters

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