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01. September 2010, 16:06 Uhr

BKA-Report

Geldwäscher missbrauchen Konten von Online-Shoppern

Bundeskriminalamt und Bankenaufsicht schlagen Alarm: Betrüger entwickeln immer raffiniertere Methoden, um illegales Geld zu waschen. Die Kriminellen missbrauchen die Konten ahnungsloser Online-Shopper für ihre Geschäfte - vor allem in Deutschland.

Frankfurt am Main - Geld für internationalen Terrorismus, organisierte Kriminalität oder Menschenhandel auf dem eigenen Girokonto? Solche Fälle von Geldwäsche über die Konten von Privatkunden häufen sich in Deutschland, wie das Bundeskriminalamt und die Finanzaufsicht BaFin festgestellt haben.

Die Kriminellen werben demnach gezielt Online-Shopper an, ihr Konto gegen eine Provision für angeblich harmlose Überweisungen zur Verfügung zu stellen. So werden die Käufer unwissentlich zu Komplizen und ihre Konten für die Überweisung illegaler Gelder missbraucht. "Das sind naive Menschen, die ihre Bankkonten für derartige Transaktionen zur Verfügung stellen", sagte BaFin-Präsident Jochen Sanio bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bundeskriminalamt (BKA) an diesem Mittwoch. Anlass: Die Vorstellung des BKA-Jahresberichts 2009 zur Finanzkriminalität (kompletter Bericht als pdf im Kasten links).

BKA-Präsident Jörg Ziercke warnte Bankkunden davor, sich im Internet als sogenannte "Finanzagenten" anheuern zu lassen. Denn so zur Verfügung gestellte Privatkonten würden zur Verschleierung illegaler Geldflüsse verwendet.

Große Gefahr bei internet- und handybasierten Zahlungssystemen

Wegen solcher Machenschaften sei die Zahl der Anzeigen wegen des Verdachts auf Geldwäsche im vergangenen Jahr um fast ein Viertel gestiegen. Rund 9050 Fälle gab es laut BKA, jede vierte Anzeige geht demnach auf Betroffene zurück, die in die Falle von Geldwäschern gingen.

Große Gefahr sehen die Ermittler auch bei internet- und handybasierten Zahlungssystemen, die teils anonymisierte Nutzung zulassen. Die Kriminellen nutzen laut BKA ausländische Zahlungsdienstleister, die in Deutschland Internetcafés, Callshops oder Reisebüros als Stützpunkte installiert haben. Auf diese Weise entziehen sich die Unternehmen gezielt der Aufsicht durch die BaFin, die nur für Finanzinstitute zuständig ist und gegen diese Kleinunternehmen keine Handhabe sieht. Auch machen sich die Drahtzieher vermehrt den schnell wachsenden Bereich der vorab bezahlten Wertkarten (Prepaid) und der Mobiltelefonie zunutze.

"Geldwäscher gehören zu den kreativsten Menschen auf diesem Planeten", sagte Sanio. Der Gesetzgeber sei aber "auf dem Weg", auch solche Unternehmen gegebenenfalls der BaFin-Aufsicht zu unterstellen.

Niedrige Bußgelder

Sanio kritisierte die im internationalen Vergleich eher niedrigen Bußgelder in Deutschland. Sie bewegten sich im "unteren fünfstelligen Bereich" und seien "fast schon ein Witz".

Dabei wurden laut BKA bei 98 von rund 9050 Anzeigen sogar Hinweise auf eine mögliche Terrorismusfinanzierung gefunden. Durch Geldwäsche-Anzeigen wurden im Jahr 2009 zudem mehr als vier Prozent der Verfahren im Bereich Organisierte Kriminalität ausgelöst.

Viele der gewaschenen Gelder stammen laut BKA von illegal abgeräumten Konten oder aus betrügerischen Internetgeschäften. Das Online-Banking werde immer unsicherer, warnte Ziercke. Betroffen seien Hunderttausende Bürger. Es gebe mittlerweile drei Gruppen von Computer-Spionageprogrammen, die in bislang "unvorstellbarem Ausmaß" gezielt das deutsche I-Tan-Verfahren angriffen.

kim/Reuters/afp/ddp

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