Chancen der Blockchain Wie eine neue Technologie Afrikas Wirtschaft umkrempelt

Wer in Afrika Land kaufen möchte, steht oft vor einem riesigen Problem: Im Grundbuch ist mitunter nicht der Verkäufer als Eigentümer eingetragen. Eine neue Technologie soll das Problem lösen - und viele weitere.
Registrierung für einen Gesundheitsdienst in einem Krankenhaus in Uganda (Symbolbild): Durch Blockchain-Technologie werden solche Prozesse transparent

Registrierung für einen Gesundheitsdienst in einem Krankenhaus in Uganda (Symbolbild): Durch Blockchain-Technologie werden solche Prozesse transparent

Foto: Andrew Aitchison/ Getty Images

Als Michael Kiberu Nagenda sich ein Stück Land in Uganda kaufen wollte, machte er eine Erfahrung, die in vielen Entwicklungsländern zur Lebenswirklichkeit gehört: Der Verkäufer des Grundstücks war gar nicht der Eigentümer. Jedenfalls nicht laut Grundbucheintrag.

"Die Land Offices sind die einzige Quelle für die Registrierung von Landverkäufen", sagt Kiberu Nagenda, Chef der Blockchain-Beratungsfirma Bit2Big , als er die Geschichte vom verunglückten Landkauf erzählt. In Afrika sei die Bestechung von Beamten ein großes Problem. Strittige Besitzverhältnisse würden dort oft unter der Hand mit Zuwendungen an die zuständigen Sachbearbeiter geklärt. So kann sich ein Käufer nie sicher sein, ob der Verkäufer wirklich der Eigentümer ist, oder ob das Land mehrfach verkauft wurde. Auch die genaue Fläche und Lage geht nur aus dem Grundbuch hervor, das oft noch analog in Papierform vorliegt.

Ministerium für Land, Wohnungswesen und Stadtentwicklung in Kampala, Uganda

Ministerium für Land, Wohnungswesen und Stadtentwicklung in Kampala, Uganda

Foto: Privat

In Kiberu Nagendas Fall stellte sich heraus, dass der Vorbesitzer aus Kostengründen auf einen Grundbucheintrag verzichtet hatte. Aktuell hat der Unternehmer noch keinen Nachweis, ob der Vorbesitzer oder sogar dessen Vorgänger das Grundstück eventuell ein weiteres Mal verkauft hat.

Mehrere Länder mit ähnlichen Problemen setzen nun auf eine technische Plattform, die für alle Stellen transparent und rechtssicher Grundbucheinträge digitalisiert: die Blockchain.

So gibt es laut Kiberu Nagenda beispielsweise in Uganda, Ghana oder Nigeria einige Projekte, die die Landregistrierung mit Blockchain-Technik sicher machen wollen. Die Initiative geht dabei oft von Start-ups aus. Allerdings sind diese auf staatliche Hilfen angewiesen: "Wenn die Regierung nicht mitspielt, dann wird es nichts", sagt Kiberu Nagenda. So wurde Anfang des Jahres im Disktrikt Wakiso in Uganda das Grundbuchamt auf das digitale Lands Information System umgestellt .

Auch Dirk Siegel, der beim Beratungsunternehmen Deloitte das Blockchain-Institut leitet, sagt, dass die Blockchain-Anwendungen ohne Konsens nicht funktionieren. "Projekte, die nur auf die Technik schauen und das Ökosystem der Beteiligten nicht berücksichtigen, werden scheitern."

Riesige Chance für Entwicklungsländer

Bisher gibt es wenige konkrete Anwendungsfelder für Blockchain-Technik. Dabei dürfte sie irgendwann so alltäglich werden wie E-Mail. Oft wird Blockchain mit Bitcoin gleichgesetzt. Doch die Digitalwährung ist nur ein Beispiel dafür, was man mit der Technik machen kann.

Bei der Blockchain handelt es sich um eine Art digitales Register. Darin werden die kompletten Daten einer Transaktion gespeichert, die für alle in Echtzeit einsehbar sind und nicht verändert werden können. So sind beispielsweise bei Kryptowährungen wie Bitcoin Zahlungen jederzeit nachvollziehbar. Die Blockchain-Technologie bildet auch die Basis für die von Facebook geplante Kryptowährung Libra.

Viele Entwicklungsländer sehen in der Blockchain eine riesige Chance. "Afrika will die vierte revolutionäre Welle nicht verschlafen", sagt Kiberu Nagenda und spielt damit auf die ersten drei Wellen an: die Entwicklung von Computer, Internet und sozialen Netzwerken.

"Die Blockchain-Technologie bietet für Afrika großes Potenzial", sagt auch Siegel. Bei Themen wie der Landregistrierung sei eine Digitalisierung der erste notwendige Schritt. Diese müsse Blockchain-kompatibel durchgeführt werden. Dann könnten Grundbücher gleich Blockchain-basiert aufgesetzt werden - ähnlich wie bei der Telefonie, wo Afrika direkt ins Mobil-Zeitalter gesprungen ist und das Festnetz ausgelassen hat.

Das Thema Währung spielt in der Blockchain-Technik eine große Rolle. Vor allem Facebook hat mit seinem Libra-Vorstoß im vergangenen Jahr für viel Aufsehen gesorgt. Libra sollte den ursprünglichen Plänen zufolge vor allem in Entwicklungsländern eine stabile verlässliche Währung schaffen, um auch in Krisen Finanztransaktionen sicherzustellen. "Erste Anwendungsbeispiele für Blockchain in Afrika waren Geldtransfers von Arbeitsemigranten an ihre Familien daheim unter Nutzung von Bitcoin", sagt Deloitte-Experte Siegel.

Furcht vor digitaler Parallelwährung

Allerdings sehen viele Staaten die Gefahr, dass eine Parallelwährung ihre Währungshoheit und damit ihre Machtbasis unterminieren würde. "Die afrikanischen Länder, die eigene Digitalwährungen entwickeln, wollen die Souveränität über ihre Währungen behalten", sagt Kiberu Nagenda. So will beispielsweise die Zentralbank von Ruanda eine eigene Kryptowährung herausbringen.

Dabei stehen die Regierungen in Afrika vor den gleichen Problemen wie Unternehmen anderswo auf der Welt: "Es gibt kaum Techniker, die Blockchain-Token entwickeln können", sagt Kiberu Nagenda. Viele Projekte würden daher ihre eigenen Entwickler schulen, um Token zu programmieren, eine Art digitaler Vertrag, der auf einer existierenden Blockchain aufsetzt. Kiberu Nagendas Unternehmen Bit2Big bietet beispielsweise Konferenzen und Kurse an, um die Technik zu verbreiten. Dadurch entstehen wiederum dringend benötigte Arbeitsplätze im Technologiesektor. 

Höchste Gründungsbereitschaft weltweit

Auch Siegel sieht für den Arbeitsmarkt vieler afrikanischer Staaten durch IT-Technik generell große Chancen. Vor allem die grenzüberschreitende Zusammenarbeit berge Potenzial. "Im Blockchain-Sektor kommt hinzu, dass es sich um eine sehr starke Open-Source-Kultur handelt", sagt Siegel. Auffällig sei, dass es dort keine Monopolisierung wie beispielsweise im E-Commerce gebe. "Die Chancen sind viel verteilter."

Generell gibt es in Afrika eine vergleichsweise große Bereitschaft, unternehmerisch tätig zu werden: Einer OECD-Studie zufolge  würden 22 Prozent der afrikanischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ein eigenes Unternehmen gründen - die weltweit höchste Rate.

Vor allem in Uganda laufen laut Kiberu Nagenda bereits mehrere Blockchain-Projekte: So ziele eine Initiative der Drug Authority darauf, Medikamente sicherer zu machen . Arzneimittel bekämen dabei eine Kennzeichnung und könnten so über die Blockchain nachverfolgt werden. Dadurch ließen sich gefälschte Medikamente leichter aus dem Verkehr ziehen.

Ebenfalls in Uganda wird laut Kiberu Nagenda mit dem Hara-Projekt Kleinbauern der Zugang zu Krediten  ermöglicht. In der Blockchain werden Daten über die bewirtete Landgröße und den Produktionsprozess gespeichert. Auf Grundlage dieser Daten können die Landwirte Kleinstkredite von Finanzinstituten beantragen.

"In Nigeria führt IBM Projekte durch, bei denen Frachtpapiere in die Blockchain überführt werden", nennt Kiberu Nagenda ein weiteres Anwendungsbeispiel. Dadurch sollen die Inhalte von Containern für alle Beteiligten transparent werden und sich der Warenumschlag beschleunigen .

Allerdings seien viele Blockchain-Projekte noch im Prototypen-Status, schränkt Deloitte-Experte Siegel ein. So sei die Landregistrierung beispielsweise in Ghana noch weit entfernt von einer flächendeckenden Abdeckung. Dennoch könne die Technik eine Reihe von Problemen in Afrika lösen, die in der westlichen Welt bereits rechtlich oder technisch bewältigt sind.

Ein Ziel eint alle diese Projekte: Rechtssicherheit und Transparenz für alle Prozessteilnehmer zu schaffen. So können Käufer und Verkäufer auf vertrauensvoller Basis Geschäfte abschließen. Das treibt den Warenhandel und damit die wirtschaftliche Entwicklung. Und für Afrika bietet sich eine weitere Chance: Die Möglichkeit, zum technologischen Vorreiter zu werden.

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