Börsenturbulenzen EU-Kommission kritisiert Panik an Finanzmärkten

Das Auf und Ab an den Börsen verärgert europäische Spitzenpolitiker. EU-Kommissar Rehn schimpft öffentlich über hektische Investoren, wirft ihnen "Herdenverhalten und Massenpanik" vor. Zugleich drängt er Deutschland, Frankreich und Co. zum Handeln - im Interesse der gemeinsamen Währung.

EU-Währungskommissar Olli Rehn: "Finanzmärkte sind anfällig für Herdenverhalten"
REUTERS

EU-Währungskommissar Olli Rehn: "Finanzmärkte sind anfällig für Herdenverhalten"


Berlin/Düsseldorf - Ignorieren oder abwarten funktioniert nicht mehr: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten zwingen die europäischen Politiker zum Handeln. EU-Währungskommissar Olli Rehn fordert die Euro-Staaten jetzt auf, die Beschlüsse des EU-Gipfels vom Juli schnell umzusetzen. Zugleich machte er seinem Ärger über die Panik der Investoren Luft.

"Die Märkte sind sehr nervös", sagte er der "Bild"-Zeitung. Doch sie wollten "alles auf einmal". Rehn erklärte, er sehe für übertriebene Reaktionen auf den Märkten keinen Grund. "Die Wirtschaftszahlen in der Euro-Zone sind solide und rechtfertigen keine derartigen Marktturbulenzen", sagte der Kommissar. "Aber Finanzmärkte sind anfällig für Herdenverhalten und Massenpanik."

Rehn verteidigte die umstrittenen Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Die jüngsten Eingriffe seien "zur Stabilisierung nötig geworden", sagte er. Um Vertrauen zurückzugewinnen, müsse jetzt auf allen Ebenen gehandelt werden. Die gefährdeten Staaten müssten rigoros sparen.

Zudem forderte Rehn die Euro-Länder auf, die Beschlüsse des EU-Gipfels vom Juli so schnell wie möglich zu verabschieden. Die Änderungen am Euro-Rettungsschirm müssten spätestens im September umgesetzt werden, um die Finanzmärkte zu beruhigen, sagte Rehn. "Beamte in ganz Europa arbeiten jetzt Tag und Nacht an der Umsetzung. Die Detailarbeit ist sehr komplex, aber es handelt sich um Wochen, nicht Monate", sagte der finnische EU-Politiker.

Rehn machte auch deutlich, dass er die deutsche Regierung bei der Lösung der Euro-Krise in einer zentralen Rolle sieht. Als Exportnation profitierte Deutschland stark vom Euro, sagte er. "Wirtschaftserfolg und Verantwortung kann man nicht trennen, und vor beidem habe ich große Achtung." Deutschland habe seinen Haushalt "sehr gut in Ordnung gebracht und zahlt einen sehr niedrigen Zinssatz, das hilft", sagte Rehn. "Unsere Antwort auf die Krise muss maximale Durchschlagskraft haben, denn kein Land sollte eine größere Last tragen, als es kann."

Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Euro-Krise


Angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten werden sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy am Dienstag in Paris treffen. Dann dürfte es auch um das Thema Euro-Bonds gehen. Einige Regierungschefs und Ökonomen sehen in gemeinsamen Schuldscheinen der Euro-Länder den einzig verbliebenen Ausweg aus der Krise. Weil der Zinssatz bei diesen Anleihen für alle Staaten gleich wäre, kämen die Euro-Krisenländer zu günstigeren Konditionen an Geld. Für Länder mit guter Bonität wie Deutschland würde die Kreditaufnahme hingegen teurer.

Das ifo-Institut hat errechnet, dass Deutschland mit seiner jetzigen Staatsschuld einen deutlichen Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten zahlen müsste. Unter dem Strich würde dies jährliche Mehrkosten von etwa 47 Milliarden Euro bedeuten. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger widersprach dieser Rechnung. "Der Zinssatz (von Euro-Bonds) dürfte nur relativ gering gegenüber dem deutscher Staatsanleihen ansteigen", sagte er den "Ruhr Nachrichten". Das Insolvenzrisiko einzelner Staaten falle durch Euro-Bonds weg. Der relevante Maßstab wären deshalb nicht mehr die hohen Risikozinsen der Pleite-Kandidaten in Europa, sondern die Verzinsung der US-Staatsanleihen. Durch Euro-Bonds entstehe ein großer, sehr liquider und attraktiver Markt als Alternative zu den US-Schuldpapieren, sagte Bofinger.

Weltbank-Chef warnt vor "gefährlicherer Phase"

Während die deutsche Regierung Euro-Bonds ablehnt, spricht sich das hochverschuldete Italien, das derzeit gegen das Misstrauen von Investoren ankämpft, für gemeinsame Schuldscheine der Euro-Länder aus. Die Regierung in Rom versucht, mit härteren Sparmaßnahmen das Vertrauen von Geldgebern zurückzugewinnen.

Auch Weltbank-Chef Robert Zoellick schaltete sich in die Schuldendebatte ein. Die Sorgen über die europäischen Schulden seien sehr viel größer als die über die Herabstufung der amerikanischen Kreditwürdigkeit, sagte er der Zeitung "The Australian" aus Sydney.

Durch die europäische Schuldenkrise stehe die Weltwirtschaft am Beginn einer "neuen und gefährlicheren Phase". Die EU schöpfe ihre Handlungsmöglichkeiten nicht aus, kritisierte Zoellick. Dabei sei die Lehre aus der vergangenen Finanzkrise: "Je später du handelst, desto mehr musst du tun."

mmq/dpa/AFP/dapd

insgesamt 65 Beiträge
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farview 15.08.2011
1. Freier Markt
Ein freier Markt bedeutet auch freie Preisfindung. Da in den Banken heute mehr Risikomanager sitzen als Investoren, rennen - computergesteuert - alle gleichzeitig zum Ausgang, wenn schlechte Nachrichten drohen. Dass die EU-Kommission am Liebsten jede Art von Zweifel an der fragwürdigen Wirtschafts- und Währungspolitik verbannen möchte, kann ich natürlich verstehen. Ein System, das auf derart tönernen Füßen steht, ist natürlich von Zweifel und sogar Panik ausdrückenden Aktinindizes bedroht, da diese die Unruhe der Investoren sichtbar macht. Am Liebsten wäre der EU sicherlich, wir würden weiterhim im aktuell narkotisierten Zustand gehalten, in dem ewigen (Irr)glauben alles werde schon irgendwie gut.
GerhardFeder 15.08.2011
2. Politik?
Wer hat denn den "Finanzmärkten" ihre Macht verliehen, wenn nicht eine Politiker-Generation, die sich von ihnen treiben ließ und die bis heute nicht in der Lage ist, politisch einzugreifen. Europa hatte immer schon ein Demokratie-Defizit, jetzt zeigt sich, dass die europäische Politik auch noch den "Märkten" hilflos ausgeliefert ist. Die Betrogenen sind die Bürger und besonders die junge Generation, deren Europa-Skepsis wird weiter zunehmen und was steht am Ende? Aber anstelle schnellen politischen Handels werden die alten Spielchen gepflegt. Unnötig zu fragen, wann das Europa-Parlament sich äußern wird, es hat ebenso abgedankt wie die nationalen Parlamente.
Lebkuchen, 15.08.2011
3.
Zitat von sysopDas Auf und Ab an den Börsen verärgert europäische Spitzenpolitiker. EU-Kommissar Rehn schimpft öffentlich über*hektische Investoren, wirft*ihnen "Herdenverhalten und Massenpanik" vor. Zugleich drängt er Deutschland, Frankreich und Co. zum Handeln - im Interesse der gemeinsamen Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,780213,00.html
Genauso gut kann er über das Wetter schimpfen...
mitwisser, 15.08.2011
4. treudoof
Ach der gute Olli spricht von Herdenverhalten und Panik. Ist es nicht genau das, welches das planlose und hektische Agieren und Briefeschreiben in Brüssel kennzeichnet? Herdenverhalten an der Börse ist so alt, wie die Börse selbst und das nennt sich Trend. Immer wenn ich gegen diese Herden anlege, bekomme ich auf die Fresse. Da das von Olli aber gewollt zu sein scheint, kann er ja gerne meine Verluste ausgleichen. Mit dem Bezahlen fremder Rechnungen - mit fremdem Geld - kennen sich die Herren ja aus.
bhayes 15.08.2011
5. Der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB,der EFSF/ESM und Eurobonds sind kriminell
Nicht mehr und nicht weniger. Es soll den unfähigen und unwilligen Parteibonzen mancher Staaten (aller Staaten...) frisches Geld zu unseren Lasten zugeschanzt werden. Genau darum geht es. Und Herr Rehn ist einer der Haupttäter hierbei, er selbst will zusätzlich noch seinen Posten und damit vermutlich sein Gehalt aufwerten, alles zulasten der Steuerzahler. Schließen Sie sich den Initiativen gegen diesen Wahnsinn an, z.B. www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de , dort finden Sie auch eine Menge Infos über das ganze Thema.
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