BP-Chefökonom Rühl "Hoher Ölpreis macht Amerika verwundbar"

Das gab's sonst nur bei Kriegen und Katastrophen: Die Industriestaaten zapfen ihre strategischen Reserven an, um den Ölpreis zu drücken. BP-Chefökonom Rühl wertet das als Konjunkturstütze. Im Interview erläutert er, wie das Kostenhoch schon jetzt den Aufschwung bedroht - vor allem in Amerika.

Raffinerie in Kanada: EU-Länder holen sich Teile der hohen Kosten durch Exporte zurück
REUTERS

Raffinerie in Kanada: EU-Länder holen sich Teile der hohen Kosten durch Exporte zurück


SPIEGEL ONLINE: Herr Rühl, wie viel Benzin schluckt Ihr Auto?

Rühl: Ich habe kein Auto. Zu teuer in London.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen ausgerechnet Sie als Chefökonom von BP, einem der größten Ölkonzerne der Welt? Sie und Ihre Konkurrenten erhöhen den Benzinpreis doch immer munter vor Feiertagen.

Rühl: Benzinpreise werden maßgeblich an den Rohölmärkten entschieden, der Einzelhandel und das Raffineriewesen sind sehr wettbewerbsintensiv und haben damit wenig zu tun. Aber den Rohölpreis können selbst die größten privaten Ölkonzerne nicht beeinflussen - dazu ist der Markt zu groß.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Ölpreis zu hoch?

Rühl: Wenn die Preise für den Rest des Jahres bleiben wie sie sind, steuern wir im Jahresdurchschnitt 2011 auf einen neuen Rekord zu. Die Ölpreise könnten deutlich niedriger sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das Kostenhoch zustande?

Rühl: Weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Es gab 2010 einen Nachfrageschub, als sich die Wirtschaft in den Industrieländern erholte. Hinzu kommt der Boom in den Schwellenländern. Der Energiebedarf insgesamt wuchs im Jahresdurchschnitt schneller als die Weltwirtschaft. 2011 ist dann die Ölförderung in Libyen eingebrochen. Trotz dieser Vorfälle hat die Organisation erdölexportierender Länder ( Opec) ihre Förderung nicht erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hat nur sie überhaupt die Reserven, um das Angebot auszuweiten. Warum weigert sich die Opec?

Rühl: Die meisten ihrer Mitgliedstaaten produzieren bereits am Limit. Außerdem brauchen viele Opec-Länder im Nahen Osten derzeit mehr Geld, um die Bevölkerung ruhigzuhalten. Auch Saudi-Arabien, das Land mit den größten Reserven, hat Angst vor politischen Unruhen. Die Regierung versucht, die Bevölkerung mit teuren Sozialprogrammen zu beschwichtigen - und finanziert diese über den hohen Ölpreis.

SPIEGEL ONLINE: Wer leidet am stärksten unter dem Ölpreishoch?

Rühl: Die USA. Weil die Benzinsteuer dort sehr niedrig ist, machen sich Preissteigerungen beim Öl deutlicher bemerkbar als etwa in Deutschland. Autofahrer sparen das Geld an anderer Stelle, das schadet dem Konsum, der rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht. Ein hoher Ölpreis verstärkt zudem die Inflation und erhöht den Druck auf die Notenbank, die Zinsen zu erhöhen. Kredite werden teurer - was den ohnehin fragilen Aufschwung belastet. Die Kombination von steigenden Zinsen und hohen Ölpreisen macht Amerika verwundbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das Preishoch in Europa aus?

Rühl: Hohe Steuern bewirken, dass Rohölpreisschwankungen schwächer auf Benzin- oder Heizölpreise durchschlagen. Viele EU-Länder exportieren zudem mehr Waren in die Staaten, die vom höheren Ölpreis profitieren - und die zu Hochzeiten mehr Güter nachfragen. So holen sich diese EU-Länder einen größeren Teil der gestiegenen Kosten zurück als die USA.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Signale, dass die Weltwirtschaft schon unter dem hohen Ölpreis leidet?

Rühl: Ja. Die Benzinnachfrage ist in mehreren Ländern eingebrochen. In den USA ist die Belastung für Autofahrer so groß, dass die Konsumenten deutlich mehr online einkaufen, um die Fahrt zum Supermarkt einzusparen. In einigen Ländern haben sich in Branchen wie etwa der chemischen Industrie, die stark vom Öl abhängig sind, die Wachstumsprognosen verschlechtert.

SPIEGEL ONLINE: Die westlichen Industrieländer versuchen nun selbst, den Ölpreis zu drücken. Um das Angebot zu erhöhen, zapfen sie ihre strategischen Reserven an - jenen Vorrat, der eigentlich für Katastrophenzeiten gedacht sind. Wie ist das zu bewerten?

Rühl: Dies hat sicher eine neue Qualität. Traditionell wurde die strategische Reserve benutzt, um kurzfristig Versorgungssicherheit herzustellen, zuletzt nach dem Wirbelsturm Katrina. Jetzt sieht es so aus, als sollten die Reserven mittelfristig die Preise beeinflussen und damit auch als Konjunkturstütze dienen - in Zeiten, in denen andere Instrumente wie Zinssenkungen ausgereizt sind.

SPIEGEL ONLINE: Ein strategisches Manöver - oder ein Zeichen blanker Panik?

Rühl: Es ist der Versuch, Druck auszuüben - vor dem Hintergrund einer schwächelnden Wirtschaft vor allem in den USA. Einzelne Opec-Staaten sollen dazu bewegt werden, die Förderung doch noch zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen die Chancen, dass die Opec einlenkt?

Rühl: Das wird davon abhängen, wer den längeren Atem hat. Die strategischen Reserven sind sehr groß, und die westlichen Industrieländer können damit in der Tat die Preise drücken. Doch die Opec kann auch gegensteuern - indem sie die Produktion ihrerseits einschränkt. Allerdings wollen sich viele Mitglieder den damit verbundenen Einnahmeverlust langfristig nicht leisten.

SPIEGEL ONLINE: Schätzungen zufolge haben die Opec-Länder noch eine überschüssige Kapazität von rund 4,5 Millionen Fass pro Tag. Allein in China ist der Ölbedarf im vergangenen Jahr um fast eine Million Fass gewachsen. Wie lange kann die Produktion noch mit der wachsenden Nachfrage Schritt halten?

Rühl: Im Prinzip noch lange. Es ist letztlich eine Frage der Zugangsbeschränkungen: Wo private Investoren willkommen sind, werden neue Felder entdeckt und neue Technologien entwickelt. Wir prognostizieren, dass 2030 etwa 102 Millionen Fass Öl pro Tag verbraucht werden, Biokraftstoffe eingerechnet. Das sind rund 15 Prozent mehr als jetzt. Und das ist machbar.

SPIEGEL ONLINE: Wo soll das ganze Öl herkommen?

Rühl: Da, wo private Investitionen erlaubt sind, tut sich viel. Im Irak steigt die Produktion. Brasilien wird Ölfelder in der Tiefsee erschließen, Russland in der Arktis, China hatte gerade die stärksten Produktionssteigerungen in seiner Geschichte. In Kanada werden Ölsande erschlossen. Unternehmen experimentieren mit Bohrtechniken, um Öl aus Schiefergestein zu pressen. Biosprit wird Benzin zum Teil ersetzen. Nur wo politische Schranken Investitionen verhindern, bewegt sich wenig.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Die Ölvorräte der Welt werden immer schneller aufgebraucht. Wie lange reichen sie noch?

Rühl: Das ist eine uralte Debatte zwischen Geologen und Ökonomen. Seit 150 Jahren haben stets die Ökonomen gewonnen. Denn wenn Sie wirklich wollen, können Sie Öl aus fast allem herstellen - auch hieraus (klopft vor sich auf den Tisch). Es ist letztlich nur eine Frage des Preises - des Geldpreises und der Umweltkosten.

SPIEGEL ONLINE: Es soll also immer riskantere Bohrungen geben, an ökologisch immer bedenklicheren Orten. Wäre es nicht besser, den Verbrauch zu drosseln?

Rühl: Natürlich. Ich bezweifle aber, dass es gelingt. Denn das würde die Schwellenländer Wachstum und Wohlstand kosten. Auch Länder wie Deutschland bekämen Probleme: Wir haben Teile unserer Produktion in Schwellenländer ausgelagert. Unsere Prognose geht zudem davon aus, dass der Marktanteil von Öl im Vergleich zu anderen Energieträgern zurückgeht - und weiter sinken wird.

SPIEGEL ONLINE: Der CO2-Ausstoß ist so stark gestiegen wie seit 1969 nicht mehr. Müssen wir nicht in allen Bereichen sparsamer mit Energie umgehen?

Rühl: In der Tat: Wir sind meilenweit von den Zielvorgaben der Wissenschaftler entfernt, die uns sagen, wie sich der CO2-Ausstoß verringern müsste, um das Klima zu schützen. Zwar steigt die Energieeffizienz langsam an, auch in den Schwellenländern. Aber der CO2-Ausstoß im Verhältnis zur verbrauchten Energie bewegt sich zu langsam nach unten, besonders wegen des weltweit steigenden Kohleverbrauchs. Es geht darum, den Wohlstand weltweit mit möglichst wenig Energie zu steigern - und den Energiemix zu verändern.

Das Interview führte Stefan Schultz

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wakaba 24.06.2011
1. Trug, Lug 2.0
Zeit die Saudis zu bedrohen und endlich die Konzerne aufzuteilen und zu verstaatlichen.
TheBear, 24.06.2011
2. Hoffnung auf den Nachfolger von Obama
Zitat von sysopDas gab's sonst nur bei Kriegen und Katastrophen: Die Industriestaaten zapfen ihre strategischen Reserven an, um den Ölpreis zu drücken. BP-Chefökonom Rühl wertet das als Konjunkturstütze. Im Interview erläutert er, wie das Kostenhoch schon jetzt den Aufschwung bedroht - vor allem in Amerika. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,769781,00.html
Da der Schwätzer Obama es nicht bringt kann man nur hoffen, dass es sein Nachfolger schafft: Endlich ein DESERTEC in den USA starten. Das hilft zwar nicht in den nächsten Jahren, aber nimmt doch etwas den Druck weg. Wenn dann noch brauchbare Batterien entwickelt würden, brauchte man solche Alarmheadlines nicht mehr zu lesen.
willi9000 24.06.2011
3. Leidensdruck
"...Wer leidet am stärksten unter dem Ölpreishoch? Rühl: Die USA. Weil die Benzinsteuer dort sehr niedrig ist, machen sich Preissteigerungen beim Öl deutlicher bemerkbar als etwa in Deutschland. ..." aha? Eine Preiserhöhung in Deutschland wird durch die erhebliche Steuer potenziert, also merken wir das ja wohl viel eher.
gnoib 24.06.2011
4. Dt
Zitat von TheBearDa der Schwätzer Obama es nicht bringt kann man nur hoffen, dass es sein Nachfolger schafft: Endlich ein DESERTEC in den USA starten. Das hilft zwar nicht in den nächsten Jahren, aber nimmt doch etwas den Druck weg. Wenn dann noch brauchbare Batterien entwickelt würden, brauchte man solche Alarmheadlines nicht mehr zu lesen.
wenn schwaetzer sich informieren wuerde, wuerden sie weniger Mist schreiben.
Michael Kastner, 24.06.2011
5. Konsum ist keine wirtschaftliche Leistung
„… das schadet dem Konsum, der rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht.“ Alleine schon dieser Satz läßt am grundsätzlichen Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge zweifeln. Konsum ist keine Wirtschaftsleistung, sondern das Gegenteil davon: Konsum ist Verbrauch. Produktion, d.h. die Herstellung von Konsumgütern ist eine wirtschaftliche Leistung.
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