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Braunkohleabbau: Ein Dorf vor der Umsiedlung

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Braunkohleabbau in Sachsen Kämpfen, bis die Bagger kommen

Was wiegt stärker, die Energieversorgung oder das Recht auf Heimat? Das Dorf Pödelwitz in Sachsen liegt auf 20 Millionen Tonnen Braunkohle, die abgebaut werden sollen. Viele Einwohner sind schon weggezogen, sie werden entschädigt. Andere kämpfen verbissen um Haus und Hof.

Maik Kunze beugt sich über die Landkarte auf dem niedrigen Tisch. Die Karte zeigt große, braune Flecken: Tagebaue, in denen Braunkohle gefördert wird. Zu sehen ist die Region rund um die sächsische Kleinstadt Groitzsch. Kunze ist Bürgermeister von Groitzsch. Er fährt mit dem Finger über die Karte, verharrt dann über dem Ortsteil Pödelwitz. Der vom Tagebau bedrohte 700 Jahre alte Ort soll zum Geisterdorf werden, womöglich schon bis 2018. "Die Pödelwitzer wollen es selber so", sagt Kunze. "Die große Mehrheit hat sich für eine Umsiedlung ausgesprochen."

Der Bus nach Pödelwitz tuckert über die B 176, an Feldern und Apfelbäumen vorbei. In der Ferne stehen die Kühltürme des Kraftwerks Lippendorf. Am Tag verschlingt es bis zu 35.000 Tonnen Braunkohle. Die Kohle stammt aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain rund um Pödelwitz, dessen Fläche in den nächsten Jahren noch deutlich größer werden soll. Das bedeutet: Lärm und Staub.

Die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag), die den Tagebau betreibt, hält eine Umsiedlung der Pödelwitzer für die beste Lösung. Der Stadtrat von Groitzsch hat 2012 einem entsprechenden Umsiedlungsvertrag zugestimmt - darin ist die finanzielle Entschädigung der Dorfbewohner durch die Mibrag geregelt. Der Wert von Häusern und Grundstücken wird geschätzt, eine weitere Entschädigungssumme wird obendrauf gelegt. Ein großer Teil der 130 Dorfbewohner nimmt das lukrative Angebot gerne an. Die ersten sind schon weggezogen.

Auf dem Pödelwitzer Dorfplatz herrscht Ruhe an diesem Nachmittag. Kastanienblätter rascheln, zwischen Fachwerkhäusern und Höfen ist kein Mensch zu sehen. Der Hof von Jens Hausner liegt etwa hundert Meter weiter. Das gusseiserne Hoftor steht offen. Hausner sagt, er schlafe schlecht in letzter Zeit. "Ich muss so viele Gedanken bündeln." Der 47-jährige Landwirt wälzt Ordner voller Verträge und Gesetze, tauscht sich mit Bergbaugegnern in ganz Deutschland aus. Hausner hat den historischen Hof, seit 300 Jahren im Besitz der Familie seiner Frau, in den vergangenen Jahren restauriert. Für Hausner steht fest: "Dieser Ort darf nicht zerstört der Nachwelt hinterlassen werden." Hausner und einige andere Dorfbewohner haben die "Initiative Pro Pödelwitz" gegründet. Sie wollen bleiben. Auch wenn das wohl bedeuten würde, auf einer Art Halbinsel mitten im Tagebau zu leben.

Aktuelle und geplante Tagebaue rund um Pödelwitz

Aktuelle und geplante Tagebaue rund um Pödelwitz

Foto: SPIEGEL ONLINE, Google Maps

20 Millionen Tonnen Kohle

Pödelwitz liegt auf 20 Millionen Tonnen Braunkohle. Jens Hausner befürchtet, dass die Mibrag auch deshalb die Umsiedlung unterstützt und die Gegner irgendwann zum Umzug gezwungen werden könnten. "Selbstverständlich würde, wenn alle Bewohner das Dorf verlassen haben, diese Kohle auch abgebaut", sagt Andreas Berkner, Leiter des Regionalen Planungsverbands Leipzig-Westsachsen. Mit der zusätzlichen Kohle könnte das Kraftwerk Lippendorf womöglich noch länger betrieben werden als bis 2040, wie bisher geplant.

Das Menetekel der Umsiedlungsgegner heißt Heuersdorf. Der südlich von Pödelwitz gelegene Ort ist bis 2010 zerstört worden - gegen lang anhaltenden Widerstand eines großen Teils der Bewohner. Im 1998 verabschiedeten "Heuersdorfgesetz" ist Pödelwitz noch als Schutzgut ausgewiesen. 2009 hatte die Mibrag in Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern Schutzpflanzungen rund um den Ort geplant. Heute steht dort allerdings kein einziger Baum.

Hausner sieht die Mibrag in der Pflicht, jene Pödelwitzer zu schützen, die bleiben möchten. Im Braunkohlenplan des Regionalen Planungsverbands findet sich eine entsprechende Passage: Beeinträchtigte Ortslagen seien "rechtzeitig und wirksam durch geeignete Maßnahmen nach dem Stand der Technik zu schützen". Kosten würde das einige Millionen Euro.

Das Bergrecht könnte eine Enteignung ermöglichen

Grundlage von Grundabtretungen wie im Fall Heuersdorf ist das deutsche Bergrecht. Es besagt, dass einem Hauseigentümer nur das Grundstück gehört, nicht aber die Bodenschätze darunter. Diese gehören erst einmal niemandem, können aber vom Staat einem Unternehmen übertragen werden. Eine Enteignung ist dann möglich. Ein entsprechender Fall im Rheinischen Braunkohlerevier wird gerade vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt: Was wiegt stärker - die Energieversorgung oder das Recht auf Heimat?

Das im Herbst erwartete Urteil in Karlsruhe könnte auch Folgen für Pödelwitz haben. Die Hamburger Anwältin Roda Verheyen, die Hausner vertritt, sagt: "Das Bergrecht ist schon lange nicht mehr zeitgemäß." Der Braunkohleabbau werde historisch bedingt privilegiert und über die Rechte einzelner Bürger gestellt.

Hausner pocht darauf, dass der Ausbau des Braunkohleabbaus in Sachsen auch nicht mit der Energiewende vereinbar sei. Wer wisse schon, ob die Kohle unter dem Dorf in einigen Jahren überhaupt noch benötigt werde? Tatsächlich ist Braunkohle der mit Abstand klimaschädlichste Energieträger, der im großen Stil genutzt wird. Zudem lassen sich Braunkohlekraftwerke nicht kurzfristig hoch- und runterfahren. Sie passen nicht in ein Energiekonzept, in dem konventionelle Kraftwerke vor allem dann einspringen sollen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Braunkohle ist vor allem billig, auch weil Ausstoßrechte für Kohlendioxid fast nichts mehr kosten.

Regionalplaner Berkner hingegen hält die Braunkohle auch in der Energiewende für unverzichtbar, weil sie unabhängig vom Wetter Strom liefern kann. Er bestätigt, dass die Dorfbewohner Anspruch auf einen gewissen Schutz haben, solange sie noch in Pödelwitz wohnen. "Es ist aber illusorisch, die Belastungen auf Dauer komplett zu verhindern." Der Anstoß zur Umsiedlung sei aus der Dorfgemeinschaft selbst gekommen, er halte den Umsiedlungsvertrag nun für eine gute Basis. "Die Lebensbedingungen im Ort wären auf Dauer wohl unzumutbar." Es werde niemand zum Umzug gedrängt. Aber: Es sei wohl wenig erstrebenswert, in einem Dorf wohnen zu bleiben, das 90 Prozent der Bewohner verlassen hätten.

Die Gegner wollen bleiben - auch in einem Geisterdorf

Jens Hausner und Thilo Kraneis, ein weiterer Mitstreiter in der Initiative, fürchten dieses Geisterdorf-Szenario nicht. Sie sitzen an Hausners Wohnzimmertisch, auf der Tischdecke sind Karten und Gesetzestexte ausgebreitet. "Es gibt doch viele kleine Dörfer, in denen nur zwanzig Leute wohnen", sagt Hausner. Er sei bereit, Lärm und Staub auszuhalten. Thilo Kraneis möchte das "wunderschöne Fleckchen Erde" Pödelwitz unbedingt erhalten. "Irgendwann könnten dann wieder neue Leute hierherziehen." Früher habe man hier schöne Dorffeste gefeiert, "da gehen wir aber nicht mehr hin", sagt Kraneis. "Mit der Mehrheit der Dorfbewohner verbindet uns nichts mehr."

Hausners Nachbar Roland Gerhardt gehört zu dieser Mehrheit, die schon den Umzug plant. Er hat 1998 ein Haus im Dorf gebaut, mit Kieseinfahrt, Garage und idyllischem Garten. "Natürlich habe ich mir das damals auch anders vorgestellt. Die Mibrag hat uns aber nicht über den Tisch gezogen." Die Konditionen der Umsiedlung seien fair. Ein "Neu-Pödelwitz" wird es nicht geben - einige Familien ziehen gemeinsam in ein von der Mibrag finanziertes Neubaugebiet in Groitzsch, der Rest nimmt das Geld und sucht sich selbst eine neue Bleibe.

2010 ist Pödelwitz von der Sächsischen Landesregierung als Vorbehaltsgebiet ausgewiesen worden. Das bedeutet, dass der Braunkohle in diesem Gebiet besonderes Gewicht zugemessen wird. "Später wird die konkrete Abbauplanung zur Genehmigung eingereicht", sagt die Mibrag-Sprecherin Sylvia Werner. Jens Hausner und Thilo Kraneis planen, dann vor Gericht zu gehen. Werner sagt, die Mibrag sei bereit, mit den Umsiedlungsgegnern Gespräche zu führen und individuelle Lösungen zu finden.

Groitzschs Bürgermeister Maik Kunze sieht die Stadt in der Rolle eines Moderators, der sich letztlich der Mehrheit angeschlossen habe. Allen könne man es leider nie recht machen. "Den Verlust von Heimat und gewachsener Natur bedaure ich natürlich." Insgesamt profitiere die Region vom Bergbau, der viele Arbeitsplätze sichere. Eine große Herausforderung werde die Renaturierung der ausgebaggerten Landschaft sein. Er zeigt nun auf eine Karte, die die Zukunft zeigen könnte: Wo die braunen Flecken waren, sieht man riesige, blaue Seen.