Warnungen vor Wirtschaftscrash Die Brexit-Schrecken

Die britische Regierung und die Bank of England haben untersucht, welche dramatischen Folgen ein harter Brexit hätte. Was dem Königreich droht und wie man es verhindern könnte - die Analyse.
Westminster Bridge in London

Westminster Bridge in London

Foto: TOBY MELVILLE/ REUTERS

Mark Carney, der Chef der Bank of England, ist bei den Brexit-Unterstützern nicht gerade beliebt. Immer wieder warnt der 53-jährige Zentralbanker - Staatsangehörigkeit: kanadisch - vor den potentiell schweren wirtschaftlichen Folgen des Brexits. Und dabei nimmt er nur selten ein Blatt vor den Mund. Auch deshalb wurde die am Mittwoch veröffentlichte Brexit-Studie der Bank of England  mit großer Spannung erwartet.

Das Warten hat sich gelohnt. Denn die Studie hat es in sich:

Sollte es zu einem ungeordneten Brexit kommen, bei dem das Land die EU ohne ein Abkommen und ohne eine Übergangszeit verlässt, dann könnte die Folge ein Wirtschaftscrash sein, der schlimmer wäre als die Finanzkrise von 2008. Laut der Studie würde dann:

  • das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um 8 Prozent einbrechen,
  • die Hauspreise könnten um rund ein Drittel nachgeben,
  • das Britische Pfund könnte ein Viertel an Wert verlieren,
  • die Arbeitslosigkeit könnte sich von 4,1 auf 7,5 Prozent beinahe verdoppeln
  • und es könnte eine Inflation von 6,5 Prozent geben.

Der Brexit-Deal, den die Regierung mit der EU ausgehandelt hat, könnte dagegen zu einem moderaten Zuwachs beim Wirtschaftswachstum führen. Das allerdings nur, wenn Großbritannien möglichst enge Handelsbeziehungen zur EU aufrecht erhalten würde. Dann wäre in den kommenden Jahren ein Wachstum in Höhe von 1,75 Prozent möglich, heißt es in der Studie.

Ein Abkommen, bei dem es keine harte Grenze zwischen dem britisch verwalteten Nordirland und der Republik Irland gäbe, dafür aber Zollkontrollen zwischen Großbritannien und der EU, könnte dagegen zu einem Schrumpfen der Wirtschaft um 0,75 Prozent führen.

Die Krise könnte sich noch verschlimmern, weil sich bislang nur ein Bruchteil der britischen Unternehmen auf einen harten Brexit vorbereitet hat. "In einigen Fällen ist es für diese Unternehmen sehr schwierig, sich auf Reibungen an den Grenzen vorzubereiten", sagte Carney bei der Vorstellung des Berichts.

Mark Carney

Mark Carney

Foto: WILL OLIVER/EPA-EFE/REX

In jedem Fall würde Großbritannien bei jedem untersuchten Szenario schlechter dastehen, als wenn es in der EU bleiben würde, heißt es in der Studie weiter.

Zumindest eine gute Nachricht hatte Carney parat: Die Bank of England selbst und auch die sieben größten Banken des Landes sollten sogar den härtestmöglichen Brexit-Crash überstehen. Das habe ein Stresstest  ergeben.

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Darauf angesprochen, ob Carney mit seiner Erklärung nicht Angstmacherei betreibe, antwortete er: "Unser Job ist es nicht, auf das Beste zu hoffen, sondern uns auf das Schlimmste vorzubereiten." Die Schlussfolgerungen in der Studie seien allesamt "Worst case"-Szenarien.

Auch die Regierung warnt vor einem No-Deal-Brexit

Dabei war der Bericht der Bank of England nicht die einzige Studie, in der an diesem Tag vor den potentiell schwerwiegenden Konsequenzen eines No-Deal-Brexits gewarnt wurde. Die Regierung kommt in einer ebenfalls am Mittwoch veröffentlichten Studie  zu dem Schluss, dass Großbritannien unter jedem vorstellbaren Brexit-Szenario schlechter dastehen wird, als wenn es in der EU bliebe.

Die Regierung räumt damit ein, dass sich der Brexit auf jeden Fall negativ auswirken wird.

Theresa May

Theresa May

Foto: LIAM MCBURNEY/ AFP

Der Studie zufolge würde das Bruttoinlandsprodukt bis 2035 um 7,7 Prozent kleiner ausfallen, wenn Großbritannien die EU ohne ein Abkommen verlässt. Sollten dann auch noch EU-Bürger zum Arbeiten nicht mehr nach Großbritannien kommen (ein inniger Wunsch vieler Brexit-Unterstützer), würde sich das Bruttoinlandsprodukt um 9,3 Prozent verringern - das wäre das Worst-Case-Szenario.

Würde Großbritannien dem norwegischen Modell folgen und sich dem Europäischen Wirtschaftsraum anschließen, würde sich das auf das Bruttoinlandsprodukt mit minus 1,4 Prozent auswirken. Mit einem Abkommen im Stil des EU-Kanada-Freihandelsabkommens würde Großbritanniens Wirtschaft um mindestens 4,9 Prozent schlechter dastehen. Das ist das Wunschszenario vieler Brexit-Hardliner.

Die Studie ist insofern ein wenig verwirrend, als sie nicht explizit auf das Brexit-Abkommen eingeht, das Premierministerin Theresa May kürzlich mit der EU ausgehandelt hat und für das sie gerade intensiv wirbt. Der Studie liegt vielmehr ein nicht mehr aktueller Vorschlag Mays für einen Brexit-Deal aus dem Sommer zugrunde. Man kann aus ihr aber lesen, dass der derzeitige Brexit-Deal wohl ein um 3,9 Prozent kleineres Bruttoinlandsprodukt zur Folge hätte im Vergleich zu einer fortgesetzten EU-Mitgliedschaft.

Schatzkanzler: Der Brexit führt zu Einbußen

Der britische Schatzkanzler Philip Hammond räumte ein, dass der Brexit wohl zu Einbußen führen wird. "Es ist wahr, wenn wir uns nur die wirtschaftlichen Vorteile anschauen, dann würde es zu einem etwas besseren Ergebnis führen, wenn wir in der EU bleiben würden", sagte er ein einem BBC-Interview. Aber der Deal, den May mit der EU ausgehandelt hat, komme einem Verbleib in der EU "bemerkenswert nahe".

Der Zeitpunkt, zu dem die Regierung ihre Studie vorgestellt hat, dürfte nicht ganz willkürlich sein. Denn Theresa May tourt gerade durch das Land und wirbt für das fast 600-seitige Scheidungsabkommen und die 26-seitige politische Willenserklärung, die sie aus Brüssel mitgebracht hat. So möchte sie offenbar Druck auf die Abgeordneten erzeugen. Denn bislang sieht es nicht danach aus, als hätte May eine realistische Chance, das Abkommen durchs Parlament zu bekommen.

Am 11. Dezember sollen die Abgeordneten darüber abstimmen. Dabei hat nicht nur die gesamte Opposition angekündigt, gegen den Deal zu stimmen. Auch die Democratic Unionist Party (DUP), eine nordirische Regionalpartei, auf deren zehn Abgeordnete Mays Regierung angewiesen ist, plant, gegen das Abkommen zu stimmen. Ärger droht May aber vor allem in den eigenen Reihen: Mehr als 90 konservative Abgeordnete haben angekündigt, gegen den Deal zu stimmen.

Rees-Mogg beschimpft Notenbankchef Carney

Wie zu erwarten war, haben die Brexit-Hardliner die Warnungen der beiden Studien umgehend in den Wind geschlagen. Der ehemalige Brexit-Minister David Davis etwa bezeichnete die Studie der Regierung als "Projekt Angst 2.0". In einer Rede vor der Pro-Brexit-Gruppe "Economists for Free Trade" sagte Davis: "In einem verzweifelten Versuch, das Ergebnis des Referendums von 2016 umzukehren, werden wir ohne Zweifel die haarsträubendsten und unwahrscheinlichsten Vorhersagen hören."

Auch die Studie der Bank of England stieß auf Verärgerung. Der konservative Abgeordnete Charlie Elphicke legte nahe, dass es sich eher "um eine politische als um eine wirtschaftliche" Vorhersage handeln könnte. Ex-Entwicklungsministerin Priti Patel sagte, die Bank of England untergrabe "ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit", indem sie "solchen extremen wirtschaftlichen Vorhersagen und Szenarien" so viel Raum gebe.

Der Chef der Brexit-Hardliner in der konservativen Fraktion im Unterhaus, Jacob Rees-Mogg, vergaß offenbar, dass er sich gerne als traditioneller britischer Gentleman gibt. In einem Radiointerview polterte er, Carney sei ein "zweitklassiger gescheiterter kanadischer Politiker", der das Ansehen der Bank of England mit "hysterischen und falschen Prognosen" zerstört habe.