Umweltsorgen bei Brexit Die Angst vor der Rückkehr des Dirty Man

In den Siebzigern galt Großbritannien als Dirty Man of Europe, weil die Regierung Umweltstandards nicht einhielt. Nach dem Brexit fürchten Naturschützer einen Rückfall in die düsteren Zeiten.
Luftverschmutzung in London (Archivbild)

Luftverschmutzung in London (Archivbild)

Foto: Keystone/ Getty Images

Eine der lebhaftesten Erinnerungen an seine Jugend ist der Gestank. Im Sommer 1974 machte Tony Juniper mit seiner Familie Ferien in einer Kleinstadt in der Nähe von Cornwall. Mit seiner Oma spazierte er die felsige Küste entlang, und unbekümmert, wie Heranwachsende so sind, sprang Tony an einer Flussmündung einfach ins Wasser.

Als er ein paar Züge geschwommen war, stieg ihm ein beißender Geruch in die Nase. Das Wasser war bräunlich und trüb, kleine weiße Stückchen trieben darin umher. Tony ekelte sich und schwamm schnell wieder an Land.

Später erfuhr der heutige Umweltaktivist, dass die weißen Stückchen im Fluss Toilettenpapier gewesen waren. Seine Oma hatte am Ufer Miesmuscheln gesammelt, sie bekam schweren Brechdurchfall, eine Lebensmittelvergiftung, wie der Doktor sagte. Das Wasser, stellte sich heraus, war voller Fäkalien gewesen, sie wurden an der Flussmündung direkt aus der Kanalisation ins Meer geleitet.

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Geschichten wie diese gibt es in Großbritannien viele. Denn das Land gehörte in den Siebziger Jahren zu Europas schwersten Umweltsündern. Die Städte erstickten im Smog, auf den Stränden klebten Ölfilme, das Trinkwasser war mit Nitraten verseucht, und um die Industriegebiete herum zerstörte der saure Regen die Bäume.

Als das Vereinigte Königreich 1973 der EU beitrat, hatte es den Spitznamen The Dirty Man of Europe . Es brauchte die Europäische Union, um mehr Umweltschutz in Großbritannien zu erzwingen: EU-Direktiven für sauberes Trink- und Badewasser, für saubere Luft, für Naturschutz und Vogelschutz, Verbote für besonders schädliche Pestizide und vieles mehr.

85 Prozent der britischen Umweltgesetze gehen nach Angaben der Naturschutzorganisation Friends of the Earth auf EU-Direktiven zurück. Doch die Vorgaben aus Brüssel stießen in Großbritannien selten auf Begeisterung. Teils wehrte sich die Regierung gegen sie  (Pestizide), teils setzte sie Vorgaben erst nach Jahrzehnten um  (Badewasser). Manchmal handelte Downing Street Number 10 sogar erst, nachdem Umweltschützer gegen den Verstoß von EU-Regeln Klage eingereicht hatten  (Luftqualität).

Nun droht der Brexit, der mögliche Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Und es werden Forderungen laut, die lange erarbeiteten Umweltstandards wieder zu senken, weil sie angeblich die Entwicklung der britischen Wirtschaft behindern. Umweltschützer fürchten ein Comeback des Dirty Man of Europe. Tatsächlich wären ohne die EU einige der schönsten britischen Naturschutzgebiete bedroht.

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Hythe ist eine typische Kleinstadt an der südenglischen Küste. Es gibt einen langen Pier, eine mit bunten Wimpeln überspannte Fußgängerzone und einen kleinen Strand. Vor der Küste wächst Seegras, von dem sich zahlreiche Zugvögel ernähren. Um das Städtchen herum erstrecken sich ausgedehnte Wiesen und Wälder. An Flussufern blühen wilde Rosen, am Himmel kreisen Bussarde. Es gibt uralte Bäume, in deren Borke seltene Moose wachsen.

Falls Großbritannien die EU verlässt, könnte es mit der Idylle bald vorbei sein. Denn die Firma Associated British Ports (ABP) will mitten im Naturschutzgebiet einen Superhafen für Containerschiffe errichten. Das Land hat die Firma schon vor Jahren erworben, doch bislang durften ihre Bagger nicht loslegen: Weil die Gegend unter die EU-Direktive zum Schutz wilder Vögel fällt, erhielt ABP keine Baugenehmigung.

In ihrem Masterplan für künftige Projekte  hält die Firma an ihren Bauplänen fest. Im Falle eines Brexit dürften die Chancen auf eine Genehmigung deutlich steigen. Landwirtschaftsminister George Eustice hat angekündigt, nach dem EU-Austritt die Vogel- und Naturschutzgesetze umkrempeln zu wollen . Er sagt, dass sie den "Geist des Unternehmertums ersticken".

Auch Schatzminister George Osborne hat mehrfach erwähnt, dass er die Kosten für den von der EU verordneten Umweltschutz für zu hoch hält. "Die Rettung des Planeten wird das Land noch in den Ruin stürzen", sagte er .

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Die Naturreservate sind nicht die einzige Sorge der Umweltschützer. Die Zement- und Stahlindustrie hofft auf das Ende des EU-Emissionsrechtehandels. Hersteller von Pestiziden hoffen, dass die britische Regierung nach dem EU-Austritt bald die Auflagen für Chemikalien lockert, gegen die sie in Brüssel ohnehin protestiert hat. Die Fracking-Industrie hofft auf weniger Vorgaben beim Einsatz von Chemikalien und beim Wasserschutz.

Die Forderungen der Lobbyisten und Brexit-Befürworter beunruhigen mittlerweile auch die Politik. "Ich fürchte, dass ohne Druck der EU die alte Obsession eines möglichst unregulierten Markts wieder aufleben würde", sagt Barry Gardiner, Schattenumweltminister der Labour-Partei, SPIEGEL ONLINE. Die Folge wäre eine "neue Welle der Umweltverschmutzung".

Andere sind hoffnungsvoller. Nicht alle Umweltregeln könnten so einfach aufgeweicht werden, heißt es in einer 158-seitigen Studie  der Universitäten York und East Anglia zu den möglichen Umweltfolgen eines EU-Austritts. Denn selbst wenn es zum Brexit käme, sei Großbritannien weiter am Zugang zum europäischen Markt interessiert und müsste Zugeständnisse machen.

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Foto: Mike Birkin/Friends of the Earth

Eine besonders wichtige EU-Vorgabe würde allerdings wegfallen: das sogenannte Vorsorgeprinzip. Laut diesem müssen Firmen erst beweisen, dass ihre Projekte gemäß der EU-Vorgaben unbedenklich für die Umwelt sind, ehe sie eine Genehmigung erhalten. Vorhaben von Unternehmen dürfen demnach selbst dann verboten werden, wenn noch nicht nachgewiesen ist, dass sie wirklich der Umwelt schaden - es reicht der Verdacht, dass sie schädlich sein könnten. Im britischen Gesetz ist dieses Prinzip so nicht verankert.

Für Großbritanniens Naturschutzgebiete sind das düstere Aussichten. An den Stränden organisieren Umweltschützer dieser Tage schon Partys . Als Würdigung, was die EU für das Land getan hat. Aber auch als Mahnmal dafür, was auf dem Spiel steht.

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