Britische Handelskammer zum Brexit "Wir sind frustriert. Wir sind wütend"

Während sich das Londoner Parlament weiter nicht auf einen Brexit-Kurs verständigen kann, wächst der Frust in der Wirtschaft. Die britische Handelskammer greift die Politik ungewöhnlich scharf an.

Anhänger eines zweiten Referendums vor dem Parlamentsgebäude in London
DPA

Anhänger eines zweiten Referendums vor dem Parlamentsgebäude in London


Westminster kann weiter nur klar sagen, was es alles nicht will: Das britische Parlament hat sich auf keine Alternative zum Brexit-Vertrag von Premierministerin Theresa May einigen können. Die Regierungschefin hält an ihrem mit der EU ausgehandelten, vom Unterhaus jedoch bereits zweimal abgelehnten Austrittsvertrag fest und strebt eine dritte Abstimmung an. Sie hat ihren Rücktritt angeboten, sollte das Parlament doch noch zustimmen.

In ungewöhnlich scharfem Ton geht der Vorsitzende der Britischen Handelskammer (BCC), Adam Marshall, die Parlamentarier an: "An die Adresse von Westminster sage ich: Wir sind frustriert. Wir sind wütend. Sie haben die britische Wirtschaft im Stich gelassen."

Es könne nicht angehen, dass "unsere gewählten Repräsentanten weiter Träumen nachjagen." (Im englischen Original sagte er: Stop chasing rainbows.) Sie müssten endlich Entscheidungen treffen. Ein ungeordneter EU-Austritt aber wäre eine "ungeheuerliche Pflichtverletzung".

Unterdessen ist die britische Autoproduktion nach Angaben des Branchenverbands im Februar eingebrochen. Auf das ganze Jahr gerechnet belaufe sich das Minus auf 15,3 Prozent. Es ist der neunte Monat in Folge mit einem Rückgang. Dies sollte ein Weckruf für all diejenigen sein, die immer noch glaubten, die Branche könne einen "No-Deal-Brexit" überleben, ohne ernsthaft Schaden zu nehmen, erklärt Verbandschef Mike Hawes.

Aus der Wirtschaft kommt seit geraumer Zeit Kritik an Londons Brexit-Kurs - wenn auch bislang nie in so deutlichem Ton. Das Problem: Viele britische Unternehmen sind Teil länderübergreifender Lieferketten. Diese könnten durch einen Brexit ohne Folgeabkommen mit der EU zerstört oder deutlich belastet werden.

Darüber hinaus benötigen Firmen eigentlich Planungssicherheit. Viele Industriefirmen haben langfristige Lieferverpflichtungen, auch die Personalplanung ist kaum kurzfristig anpassbar. Doch noch immer herrscht keine Klarheit über die Art und Weise des Ausscheidens aus der EU. Die Folge: Zahlreiche Unternehmen haben massive Sparprogramme verkündet.

Einen Überblick finden Sie hier: Britische Wirtschaft - Ausstieg in den Abstieg

beb/dpa



insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fsteinha 28.03.2019
1. Failed state
Am besten fand ich die Meldung, das Boris Johnson jetzt auch für Mays Plan wäre, weil sie dann zurück tritt und er sie beerben könnte. Ähnlich sieht es vermutlich bei den anderen Clowns im Parlament aus. Morgen wäre es eigentlich soweit gewesen. Und die tun so als hätten sie noch groß die Wahl.
abudhabicfo 28.03.2019
2. Wo war die Handelskammer vor dem Referendum 2016?
Es ist eine traurige Geschichte, aber was für eine Lobby-Arbeit machte die Handelskammer vor dem Referendum? Erst nach drei Jahren kurz bevor der Wagen an die Wand fährt kommt eine klare Stellungnahme. Die Parlamentarier leben in ihrer eigenen Welt: abgehoben und fern der Realität. Aber was für eine Alternative haben die Wähler bei den nächsten Wahlen?
tucson58 28.03.2019
3. Erschreckende Politik, auch für die EU
Nun hat das britische Unterhaus erneut gezeigte was sie alles nicht wollen und im Grunde gar nicht wissen was sie wirklich für das Land und die Bürger wollen ! Selbst wenn nach 8 x Nein für Alternativen, nun mit hoher Wahrscheinlichkeit nochmals das vorhandene Austrittsabkommen von May zur Abstimmung steht und es angenommen wird, so ist das ganze dennoch der pure Horror. Denn diese Politiker werden das Land nach dem EU Austritt endgültig gegen die Wand fahren , da sie sind nicht in der Lage sind in einem Nationalen Alleingang Wirtschaftsabkommen mit anderen Nationen zu beschließen , da fasst sich doch jeder potenzielle Partner gleich an den Kopf ! Schlimmer wird es wenn diese Chaospolitiker in der EU bleiben und den sowieso schon lahmen Entscheidungsprozess des EU Parlamentes dann noch weiter bremsen . Man kann sich nun auch vorstellen wie die Briten in der EU agiert und blockiert haben . Gute Nacht EU wenn die Briten jetzt nicht austreten , dann wird es nichts mit grundlegenden und notwendigen Reformen
helmut.alt 28.03.2019
4. Viele britische Politiker
haben kein Gespür für Realität. "To chase the rain bow" ist eine nette Beschreibung ihres Verhaltens. Nur die Vorteile einer Beziehung einfordern und nicht gewillt sein Zugeständnisse zu machen funktioniert nicht. Die britische Wirtschaft und Industrie sind zu bedauern. Der Schaden wird immens sein, wenn am Ende der Chaos-Brexit erfolgt.
Orthoklas 28.03.2019
5. Viktorianisches Britain
Das britische Volk ist noch immer nicht in der Realität angekommen. Das betrifft vor allem die Abgeordneten. Der Standesdünkel eines ehemaligen Weltreiches wird Milliarden kosten. Eigentlich nicht zu glauben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.