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03. August 2017, 15:09 Uhr

EU-Austritt

Britische Wirtschaft fürchtet Chaos-Brexit

Von , Brüssel

Die Brexit-Verhandlungen laufen - doch die Regierung in London hat noch immer keinen klaren Plan. Der britischen Wirtschaft gehen die Zeit und die Geduld aus. Das Risiko eines unkontrollierten EU-Austritts wächst.

Der britische Finanzminister Philipp Hammond gab wie gewohnt die Stimme der Vernunft. Wenn man im März 2019 die EU verlasse, solle eine bis zu dreijährige Übergangsphase beginnen, schlug Hammond vor wenigen Tagen vor: EU-Bürger dürften weiterhin in Großbritannien leben und arbeiten, die Briten behielten dafür freien Zugang zum EU-Binnenmarkt.

Der Hintergrund: Kaum ein Insider glaubt noch daran, dass bis zum Ablauf der Frist im März 2019 ein Abkommen mit der EU gelingt, das den Brexit im Detail regelt. Wirtschaftsverbände wie etwa die Industrievertretung CBI fordern deshalb schon seit Langem Übergangsregelungen, um den Sturz von einer "Brexit-Klippe" im März 2019 zu vermeiden.

Doch am Sonntag erklärte Handelsminister Liam Fox, von Hammonds Idee wisse er nichts - und schon gar nicht habe er "sich mit irgendetwas in dieser Art einverstanden erklärt". Die Begrenzung der Zuwanderung nach dem Brexit sei ein Kernversprechen des Referendums gewesen, das einzuhalten sei, sagte Fox der "Sunday Times". Innenministerin Amber Rudd forderte dagegen, einen abrupten Stopp der Zuwanderung von EU-Arbeitskräften unbedingt zu vermeiden - während ihr Staatssekretär Brandon Lewis gleichzeitig von der "simplen Tatsache" sprach, dass der Brexit die freie Zuwanderung aus der EU beenden werde.

Drei Tage ließ Premierministerin Theresa May dem Chaos freien Lauf, ehe sie am Montag bestätigen ließ: "Die Personenfreizügigkeit wird im März 2019 enden."

Das bizarre Schauspiel dürfte die letzten Zweifel daran ausgeräumt haben, dass die britische Regierung dem Brexit trotz bereits laufender Verhandlungen mit den EU-Partnern noch immer weitgehend planlos entgegenstolpert. Klar ist nur eines: London will mit der EU auch deren Binnenmarkt und die Zollunion verlassen. Ein solcher harter Brexit wäre für die restliche Union schmerzhaft.

Die britische Wirtschaft aber ist nach Ansicht von Experten besonders anfällig für die Folgen eines solchen Szenarios, und das gleich aus mehreren Gründen.

Die britische Industrie schwächelt seit Jahrzehnten. Große heimische Firmen, etwa in der Autobranche, wurden nach und nach von ausländischen Konkurrenten geschluckt. Die produzieren zwar auf der Insel, aber vor allem deshalb, weil sie wie ein Flugzeugträger vor der EU liegt und Zugang zu deren Binnenmarkt mit rund 500 Millionen Menschen bietet. Sollte dieses Privileg wegfallen, könnte das für viele Branchen verheerende Folgen haben, insbesondere für solche, die komplexe grenzüberschreitende Lieferketten nutzen.

Beispiel Autoindustrie: Weniger als die Hälfte der Teile, aus denen in Großbritannien ein durchschnittliches Auto zusammengebaut wird, werden dort hergestellt. Der Rest wird über Grenzen geschickt, mitunter mehrfach. Die Briten lieferten 2014 Vorleistungen im Wert von rund 200 Milliarden Dollar in die EU-Staaten - allein für 36 Milliarden Dollar nach Deutschland, wie ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft besagt. Sollten diese Waren künftig bei jedem Grenzübertritt kontrolliert und mit Zöllen belegt werden, könnte Großbritannien als Standort für ausländische Investoren uninteressant werden.

Im Warenhandel ist Großbritannien meilenweit entfernt vom Status des "globalen Anführers", den Premierministerin May anstrebt. In keinem großen EU-Land ist der Anteil am globalen Warenaustausch von 1980 bis 2016 so stark gesunken wie in Großbritannien; laut Zahlen der Welthandelsorganisation (WTO) hat er sich von 5,41 auf 2,57 Prozent mehr als halbiert. Der Dollarwert der Exporte Großbritanniens liegt nur noch knapp über dem von Belgien.

Ein harter Brexit dürfte die Lage kaum verbessern. 53 Prozent der britischen Importe kommen aus der EU, 44 Prozent der Ausfuhren Großbritanniens gehen dorthin. Weitere 18 Prozent wandern in Staaten, mit denen die EU Freihandelsabkommen hat.

Wollten die Briten mit diesen Ländern und der EU künftig weiterhin ohne Zölle und andere Hemmnisse handeln, müssten sie neue Abkommen schließen - was üblicherweise Jahre dauert. Zudem dürfte sich die britische Regierung schwertun, mehrere Verträge gleichzeitig zu verhandeln. Denn dafür, lästern EU-Beamte, haben sie weder die Expertise noch das Personal, da die Kompetenz für derartige Verhandlungen seit Jahrzehnten in Brüssel liegt.

Auch der Wertverfall des Pfunds - er verlor gegenüber Euro und Dollar seit dem Brexit-Referendum rund 15 Prozent - konnte die Exporte zuletzt kaum ankurbeln, obwohl er britische Produkte auf dem Weltmarkt verbilligt. Zugleich verteuert er aber Konsumgüter und bremst dadurch den privaten Verbrauch, der seit der Finanzkrise von 2008 der Motor des britischen Wachstums ist. Das britische Statistikamt konstatierte vergangene Woche, dass die heimische Wirtschaft "in der ersten Jahreshälfte eine beträchtliche Verlangsamung durchlebt hat". Ein schlechteres Ergebnis im ersten Halbjahr habe es zuletzt 2012 gegeben.

Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft geht in seinem aktuellen Konjunkturbericht davon aus, dass die Abwertung des Pfunds "die Konjunktur im Vereinigten Königreich belastet". Zwar glauben die Experten, dass die britische Wirtschaft sich 2018 stabilisieren könnte - aber nur unter der Voraussetzung, "dass es den politischen Akteuren gelingt, eine massive Verunsicherung der Wirtschaft über die zukünftigen Rahmenbedingungen abzuwenden". Allein: Davon ist derzeit wenig zu sehen.

Die Londoner Finanzbranche droht diese Unsicherheit besonders hart zu treffen. "Der Zugang zum EU-Binnenmarkt ist für die Londoner City von entscheidender Bedeutung", sagt Nicolas Véron vom Think-Tank Bruegel und dem Peterson Institute in den USA. Ohne ihn würden die britischen Finanzinstitute ihre sogenannten Passporting-Rechte für den Vertrieb von Produkten im Rest der EU verlieren.

Zwar halten es Optimisten immer noch für möglich, dass Großbritannien im Binnenmarkt bleibt. Das Problem ist aber, dass die Firmen nicht ewig warten können. "Der späteste Zeitpunkt ist wahrscheinlich Ende 2017", meint Véron. "Gibt es dann keine Klarheit, müssten die Unternehmen notgedrungen davon ausgehen, dass Großbritannien aus dem Binnenmarkt ausscheidet - und entsprechend planen."

Zum gleichen Urteil kommt die Unternehmensberatung Oliver Wyman in einer am Dienstag veröffentlichten Studie. "Solange die Ergebnisse der Brexit-Verhandlungen unvorhersehbar sind, müssen die Banken sich so verhalten, als ob es einen harten Brexit gibt", heißt es darin. Der Austritt würde allein im Kapitalmarktgeschäft wie etwa dem Investmentbanking zur Verlegung von 35.000 bis 40.000 Stellen aus Großbritannien in die restliche EU führen.

2016 waren die Wyman-Experten noch von der Abwanderung von lediglich 12.000 bis 17.000 Kapitalmarkt-Jobs ausgegangen. Ein Niedergang der City wäre laut Véron "für Großbritannien insgesamt katastrophal, denn für die britische Wirtschaft ist sie lebenswichtig".

Die Unsicherheit über den Ausgang der Verhandlungen bedroht auch den britischen Arbeitsmarkt. So ist die Zahl der Einwanderer in Großbritannien schon 2016 netto um rund ein Viertel zurückgegangen. Dabei sind sowohl hoch- als auch geringqualifizierte Ausländer für die britische Wirtschaft wichtig. Britische Wirtschaftsverbände fordern deshalb vehement von der Regierung, endlich für klare Verhältnisse zu sorgen. Sollte Premierministerin May dagegen Ernst machen mit ihrem Plan, die Einwanderung auf unter 100.000 Personen pro Jahr zu drücken, drohen nach Meinung von Experten massive Personalengpässe, sowohl bei Dienstleistern als auch beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS.

Welche Rolle EU-Ausländer für die britische Wirtschaft spielen, will Innenministerin Rudd jetzt von unabhängigen Experten untersuchen lassen. Die Studie soll im September 2018 vorliegen - ein halbes Jahr vor dem Brexit-Termin.

Dabei wäre ein harter, aber geregelter Brexit nicht einmal der schlimmste Fall. Angesichts des Chaos in der britischen Regierung befürchten immer mehr Beobachter einen Ausstieg ganz ohne Abkommen. Laut einem Bericht der renommierten London School of Economics wäre ein solcher "chaotischer" Brexit "ein politischer Schlamassel, ein juristischer Sumpf und ein wirtschaftliches Desaster". Selbst wenn sie Zeit zur Vorbereitung hätten, würden große Wirtschaftsbereiche "einen plötzlichen und zerstörerischen Wandel erleben".

Doch vom Glauben, dass bis März 2019 ein Austrittsabkommen steht, ist inzwischen offenbar selbst der Erzbischof von Canterbury abgefallen. Angesichts der innenpolitischen Streitereien, sagte Justin Welby, das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, sei die Chance für eine rechtzeitige Einigung mit Brüssel "verschwindend gering".

Zusammengefasst: Die britische Regierung hat offensichtlich noch immer keinen klaren Plan für die Brexit-Verhandlungen, doch die Unsicherheit nimmt vor allem für die britische Wirtschaft immer bedrohlichere Züge an. Ein harter Brexit würde sie nach Meinung von Experten hart treffen; selbst ein ungeregelter Brexit ohne Austrittsabkommen mit der EU gilt inzwischen als möglich.

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