Unter 1,20 Dollar Britisches Pfund verliert stark an Wert

Der Brexit-Streit belastet die britische Wirtschaft zunehmend. Das Pfund ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als zweieinhalb Jahren gesunken - und auch die Verbraucher sind zutiefst verunsichert.

Finanzdistrikt in London: Risiko für Rezession steigt
Simon Dawson/ REUTERS

Finanzdistrikt in London: Risiko für Rezession steigt


"Get ready for Brexit" heißt die Kampagne, mit der die Menschen in Großbritannien sich auf den EU-Austritt ihres Landes vorbereiten sollen. Für die damit verbundenen Hamsterkäufe ist ihr Geld aber immer weniger wert. Denn die Unsicherheit belastet das britische Pfund.

Die Währung ist nun erstmals seit Januar 2017 unter die Marke von 1,20 Dollar gefallen, der Tiefststand liegt bei 1,1994 Dollar. Gegenüber dem Euro hält sich das Pfund allerdings besser.

In Großbritannien will sich eine Gruppe Parlamentarier gegen den harten Brexit-Kurs von Premierminister Boris Johnson stellen. Mit einer Gesetzesinitiative soll eine abermalige Verschiebung des Brexit-Termins erzwungen werden, soweit keine neue Austrittsvereinbarung mit der Europäischen Union gefunden wird. Es wird über Neuwahlen spekuliert.

Mehr Konserven und Tiefgefrorenes?

Diese Hängepartie belastet die Menschen in Großbritannien. Jeder fünfte Haushalt in Großbritannien kauft einer Umfrage von Barclaycard zufolge verstärkt Güter des täglichen Bedarfs, um sich auf Engpässe nach dem Brexit einzustellen. Wie zuverlässig diese Umfragedaten sind, ist unklar. Ganz oben auf der Liste stünden Konserven, Haushaltsgüter und getrocknete Lebensmittel.

Klar ist: Schlimmstenfalls könnte der freie Warenverkehr zwischen Großbritannien und der EU einbrechen. Um Probleme bei der Lieferkette zu überbrücken, hätten viele Unternehmen bereits ihre Lager aufgefüllt, sagte Logistik-Professor Christian Kille der "Süddeutschen Zeitung" - darunter die Pizzakette Dominos. "In England wird gerade jeder Hühnerstall angemietet, um Produkte zu horten." Trotz aller Vorkehrungen müssten sich, so sagte Kille es der Zeitung, die Menschen darauf vorbereiten, auch bei Lebensmitteln unvorbereitet zu sein. "Sie müssen sich darauf einstellen, künftig mehr Konserven und Tiefgefrorenes zu essen."

Nicht dringend notwendige Anschaffungen zurückgestellt

Die britischen Verbraucher waren seit dem Brexit-Referendum 2016 eine Stütze für die Wirtschaft des Landes und machten mit ihrem Konsum einen Teil der wegfallenden Unternehmensinvestitionen wett. Inzwischen aber, so legen es die Zahlen zu den Ausgaben der Verbraucher im Einzelhandel nahe, verzichten viele Briten auf nicht dringend notwendige Anschaffungen.

Das Umsatzwachstum sei im August auf null gefallen, nachdem es bereits im Juli mit nur 0,3 Prozent den für diesen Monat niedrigsten Anstieg verzeichnet hatte, teilte der Einzelhandelsverband mit. Über die vergangenen zwölf Monate betrachtet verlangsamte sich das Umsatzwachstum auf 0,4 Prozent, den geringsten Wert, seit der Verband 1995 mit der Datenerhebung begann.

Die Zurückhaltung der Haushalte erhöht nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten das Risiko einer Rezession. Die britische Wirtschaft ist im zweiten Quartal bereits geschrumpft. Kommt es auch im laufenden Sommerquartal zu einem weiteren Rückgang, steckt Großbritannien in einer Rezession. Die Industrie steuert zwar nur etwa zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, doch hängen auch andere Branchen von ihr ab, darunter unternehmensnahe Dienstleister.

Das Wirtschaftsklima in Großbritannien ist wegen des drohenden harten Brexits so schlecht wie seit fast sieben Jahren nicht mehr. Der entsprechende Index fiel im August um 1,8 auf 92,5 Punkte, wie die EU-Kommission ermittelte. Bei Dienstleistern, Einzelhändlern und Verbrauchern trübte sich die Stimmung merklich ein. In der Industrie hellte sie sich zuletzt zwar etwas auf. Bei einem EU-Abschied Großbritanniens ohne Scheidungsvertrag droht den Unternehmen allerdings die Unterbrechung wichtiger Lieferketten.

apr/Reuters/dpa



insgesamt 229 Beiträge
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rosinenzuechterin 03.09.2019
1.
Wäre vom niedrigsten Stand des Pfundes seit zweieinhalb Jahrzehnten die Rede gewesen, wäre es eine Meldung wert gewesen. Vor zweieinhalb Jahren war kurz vor der Brexit-Abstimmung. Wenn das Pfund jetzt wieder genau so viel wert ist wie damals, ist eher davon zu sprechen, dass in der Zwischenzeit eingefahrene Kursgewinne in Erwartung des Brexits nun wieder korrigiert wurden. Man ist finanzwirtschaftlich also da, wo man war, als man den Hexentanz angefangen hat. Das ist nicht dramatisch. Die Zukunft vielleicht schon.
urbanism 03.09.2019
2. der Euro steht auch nicht besser gegenüber dem USD
Naja, ich bin um den EURO auch zutiefst beunruhigt. Aktuell bekomme ich für 1 EUR nur 1,09 USD. Somit steht das britische Pfund gar nicht so schlecht da.
hausfeen 03.09.2019
3. Da ist eine unfreiwillige Komik: mit ca. 1:1 haben die ...
... Briten irgendwie den Euro bekommen.
herhören 03.09.2019
4. Warum ?
Immer wieder fragt man sich, warum ?, Weil eine korrupte, an der Macht hängende "Elite" vor Jahren unglücklicherweise und unter massiver Fehleinschätzung zum Machterhalt ein schwachsinniges Referendum vom Zaun gebrochen hat und sich die ewig gestrigen, meist alten und zukunftslosen Wähler teils geblendet durch falsche Versprechungen, teils aus jahrzehnte gepflegter Angst vor allem und jedem für ein idiotisches Vorgehen ausgesprochen hat. Ja, so ist das in einer Demokratie, dennoch sind Lernen und Vernunft auch in einer solchen Staatsform nicht verboten. Also, Neuwahlen, Johnson und Konsorten weg und Ende mit Brexit. JETZT !!!!!!!!!!!!!
merk! 03.09.2019
5. Pfund / Dollar ?
Verlust des Pfunds zum Euro in den letzten 3 Jahren nur 9%. Auf 1-Jahres-Sicht nur 1,1% verloren. Also lohnt es sich immer noch nicht, England aufzukaufen (für Euroland-Bürger). Höchstens für den Donald wird die Insel interessant.
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