Wirtschaftliche Folgen Was die Briten mit dem Brexit riskieren

Ein Brexit würde der britischen Wirtschaft schaden - das sagen die meisten Studien. Gäbe es auch Vorteile? Und wie wäre Deutschland betroffen? Die wichtigsten Antworten.

Londoner City
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"Better off out", Großbritannien würde es außerhalb der EU besser gehen: Das ist das Versprechen der Brexit-Befürworter. Aber wäre das wirklich so?

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Heft 24/2016
Warum wir die Briten brauchen. Why Germany needs the British

Es ist schwierig, die Brexit-Folgen zu beziffern. Einen Austritt aus der EU hat es noch nie gegeben (nur Grönland ist 1982 aus der EWG ausgetreten). Und niemand weiß, welchen Status Großbritannien künftig hätte. Gäbe es ein Freihandelsabkommen mit der EU? Müsste das Land weiter in den EU-Haushalt einzahlen?

"Je dramatischer die Scheidung ausfällt, desto größer sind die Nachteile für Großbritannien und die EU", sagt Gabriel Felbermayr, Handelsökonom am Münchner Ifo-Institut. "In allen Bereichen haben wir ein Intervall von Möglichkeiten."

Forscher haben verschiedene Szenarien entwickelt - von ganz pessimistisch bis sehr optimistisch.

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Was kostet der Brexit? Fragen und Antworten im Überblick.


Welche wirtschaftlichen Nachteile hätte der Brexit?


Übereinstimmend sieht die Mehrheit der Ökonomen mittelfristig vier Nachteile:

  • Weniger Handel mit Gütern: Großbritannien würde seinen Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren. Je nach Szenario gäbe es wieder Zölle, auf jeden Fall würde die Bürokratie an der Grenze zusätzliche Kosten verursachen. Natürlich gäbe es weiterhin Handel, aber eben weniger. Ein Beispiel: BMW produziert in England den Kleinwagen Mini. Die EU erhebt auf Autoimporte jedoch einen Zoll von zehn Prozent. Verhandelt Großbritannien kein neues Freihandelsabkommen, würde das den Mini wohl teurer machen. Umgekehrt würden für die Briten Importe von Lebensmitteln und Textilien teurer.
  • Weniger Handel mit Dienstleistungen: Der Finanzplatz London lebt auch davon, dass dortige Finanzprodukte automatisch in der EU zugelassen sind und gehandelt werden können. Auch dieser Handel würde vom Brexit behindert. Einige Banken überlegen sogar, im Falle eines Brexit ihr Geschäft auf der Insel zu verkleinern.
  • Arbeitskräfte aus der EU fehlen: Mit dem Ende der Mitgliedschaft könnten Bürger aus der EU nicht mehr so einfach in Großbritannien arbeiten - die Arbeitnehmerfreizügigkeit würde wegfallen. Diese Arbeitskräfte würden der britischen Wirtschaft fehlen.
  • Weniger ausländische Direktinvestitionen: Großbritannien ist laut der Organisation der Industrieländer OECD in der EU das attraktivste Ziel für ausländische Direktinvestitionen. Das liege am besonders flexiblen Arbeitsmarkt, aber eben auch am Zugang zum EU-Binnenmarkt. Nach dem Brexit würden die Investitionen wahrscheinlich zurückgehen.

Diese Nachteile würden sich über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren voll entfalten und die Wirtschaftskraft Großbritanniens nachhaltig schmälern.

Kurzfristig besteht nach dem Brexit zudem Unsicherheit, wie es weitergeht - zumindest für die auf zwei Jahre angesetzten Verhandlungen mit der EU. Deshalb halten sich Investoren zurück, das britische Pfund würde gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Schon vor dem Referendum ist die Währung im freien Fall. "Die Psychologie der Märkte kann sehr viel teurer sein als die anderen Faktoren", sagt Felbermayr.


Gibt es auch Vorteile?


Ja. "Zunächst gäbe es ökonomische Kosten, aber das Land würde auch Freiheit gewinnen", sagt Stephen Booth vom Thinktank Open Europe.

  • Kein Geld mehr nach Brüssel: Die Briten müssten kein Geld mehr nach Brüssel überweisen - zumindest wenn sie wirklich draußen bleiben. Wollen sie doch wieder Zugang zum EU-Binnenmarkt, müssten sie wohl, ähnlich wie Norwegen und die Schweiz , wieder zahlen, allerdings weniger als derzeit.
  • Deregulierung: Die Briten könnten ihre eigenen Gesetze machen und besser an britische Bedürfnisse anpassen. Open Europe schlägt vor, eine Reihe von Vorschriften abzuschaffen, darunter bestimmte Energiesparziele, Arbeitnehmerrechte, Eigenkapitalvorschriften für Versicherungen, Transparenzrichtlinien für Fonds-Manager und - im "optimistischen Szenario" - auch Klimaschutzziele. Dadurch könnten die negativen Effekte des Brexit ausgeglichen werden und das Land ökonomisch sogar profitieren. Allerdings stellt Open Europe selbst infrage, ob sich das politisch umsetzen ließe. "Jeder ehrgeizige Versuch zu deregulieren würde auf erheblichen Widerstand im Parlament, bei Gewerkschaften und einer Reihe von Lobbygruppen stoßen", schreibt der Thinktank.
  • Sozialleistungen: Die Briten könnten selbst bestimmen, wer ins Land kommt und so Einwanderung begrenzen. Der Staat könnte Sozialleistungen an arbeitslose EU-Einwanderer einsparen, was allerdings auch in der EU möglich wäre. Das hatte Premier David Cameron bei den Brexit-Verhandlungen im Februar ausgehandelt. Dazu kommt: Wollen die Briten Zugang zum EU-Markt, müssten sie die Arbeitnehmerfreizügigkeit wohl doch wieder akzeptieren - so wie Norwegen und die Schweiz es auch tun .
  • Handelsabkommen: Großbritannien könnte alleine schneller Handelsbarrieren mit Nicht-EU-Ländern abbauen und Freihandelsabkommen schließen. Das ist ein Hauptargument der Brexit-Befürworter. Das sei im Prinzip auch möglich, sagt Handelsökonom Felbermayr. "Aber die Briten würden allein wohl nicht die gleichen Bedingungen bekommen, die wir gemeinsam als EU aushandeln können." In Freihandelsverhandlungen diktiere meist der größere Partner die Konditionen.

Was kostet es denn nun?


Rechnet man Vor- und Nachteile zusammen, erhält man die wirtschaftliche Bilanz für den Brexit - und die ist bei fast allen Studien schlecht. In fast allen Szenarien sinkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), je nach Annahmen und Szenario unterschiedlich stark. Nur Open Europe kann durch die optimistischen Annahmen zur Deregulierung einen positiven Effekt errechnen. Die BIP-Veränderung liegt zwischen -3000 Euro pro Kopf und +600 Euro pro Kopf, wie die Grafik zeigt:

In Prozent der Wirtschaftskraft sind das zwischen +1,6 Prozent des BIP bei Open Europe und -7,7 Prozent bei der OECD.


Welche gesellschaftlichen Schichten wären betroffen?


Alle Einkommensschichten hätten nach dem Brexit einen geringeren Lebensstandard, hat die renommierte London School of Economics ausgerechnet. Einerseits geht das reale Einkommen der Haushalte zurück, weil die Wirtschaft weniger wächst. Andererseits steigen die Preise für Importprodukte wie Lebensmittel und Textilien. Vergleicht man dann noch, welche Schicht welche Waren kauft, zeigt sich: Entgegen dem Vorurteil, dass die "einfachen Bürger" von der EU nichts haben, verlieren ohne EU alle Schichten prozentual gesehen etwa gleich viel.


Sind sich alle Ökonomen einig?


Fast. Zumindest bei der Richtung sind sich die großen Institute einig. Ob Internationaler Währungsfonds, OECD, Ifo-Institut, London School of Economics oder britisches Finanzministerium: Sie alle sehen den Brexit insgesamt negativ.

Acht Ökonomen in Großbritannien argumentieren hingegen für den Austritt aus der EU. Die "Economists for Brexit" werfen den anderen Ökonomen vor, für den Brexit ungeeignete volkswirtschaftliche Modelle zu verwenden, und setzen ebenfalls auf umfassende Deregulierung. Großbritannien könne außerhalb der EU schneller wachsen als innerhalb.

Der Widerspruch ist allerdings deutlich leiser als zum Beispiel bei der Frage, ob Griechenland im Euro bleiben sollte. Beim Grexit gab es wesentlich mehr kontroverse Meinungen.


Könnten sich die Deutschen über einen Brexit freuen?


"Lasst sie doch gehen, wenn sie unbedingt wollen", hört man immer wieder. Allerdings würde auch Deutschland einen Brexit spüren. Am stärksten würde der Ifo-Analyse zufolge die Automobilbranche leiden. Profitieren könnte die chemische Industrie und die Finanzbranche.

Insgesamt müsste Deutschland mittelfristig mit einer geringeren Wirtschaftskraft rechnen. Die Verluste liegen laut Ifo-Institut zwischen -0,1 und -0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - bei einem Wachstum von aktuell rund 1,5 Prozent.

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roger_woters 16.06.2016
1. Der Brexit kommt nicht
wie bei der Österreichische Wahl wird es ein 50 zu 50 Ergebnis geben und die Briefwähle werden den Ausschlag für den Verbleib ausmachen; oder so ähnlich. Diese ganze Show raus oder nicht, ist doch nur Theater fürs Volk. Lächerlich. Was nicht sein darf, das kommt auch nicht!
swandue 16.06.2016
2.
Politiker und Konzerne haben es verbockt und nun geht's dahin. Schade! EU richtig gemacht wäre selbstverständlich mit GB besser dran.
mottasvizzera 16.06.2016
3. Wenn ich die englische Presse mit der in Deutschland vergleiche....
... dann komme ich zum Schluss, dass der BREXIT eher ein Problem Deutschlands ist.
Nick Selter 16.06.2016
4.
Bei jedwedem Problem, das in Deutschland auftritt, wird uns eingehämmert "wir müssen die Chancen sehen und nicht nur die Risiken". Warum ist das beim Brexit auf einmal anders? Warum gibt es da nur Risiken und keine Chancen? Ist es die schiere Angst, die Brexit-Befürworter könnten Recht haben und es geht den Briten ohne EU tatsächlich besser?
Darknessfalls 16.06.2016
5. Mumpitz
Wenn man die Argumente der EU-Befürworter hört, fragt man sich schon, wie um Himmels Willen die ganzen Staaten vor der EU existieren konnten... Höchstwahrscheinlich geht es wie üblich um den Erhalt der Pfründe der Ober- und Spitzenklasse aus Wirtschaft und Finanzwelt - die kleinen Dussel werden weder vom Verbleib, noch vom Austritt profitieren. Nur braucht man pro forma ihre Stimmen. Bin gespannt, wie die Auszählung der Stimmzettel abläuft...
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