SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. April 2019, 19:45 Uhr

Möglicher Aufschub

Deutsche Industrie verlangt verbindlichen Brexit-Fahrplan

Theresa May kämpft in Europa um eine Fristverlängerung für den EU-Ausstieg. Nun fordert die deutsche Industrie Klarheit und einen Plan, auf den sich die Unternehmen wirklich verlassen könnten.

Die unklare Lage beim Brexit führt derzeit zu einer massiven Verunsicherung der Unternehmen. Die deutsche Industrie hat deshalb abermals Klarheit und einen verbindlichen Fahrplan von Theresa May verlangt. "London muss gegenüber Brüssel verlässlich erklären, wie es einen No-Deal-Brexit ausschließen will", sagte Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI, dem SPIEGEL. Jede weitere Verschiebung sei nur mit einem verbindlichen Fahrplan machbar, auf den sich Deutschlands Unternehmen wirklich verlassen könnten.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hält derzeit eine Brexit-Verschiebung bis Ende 2019 oder Anfang 2020 für möglich. Beim EU-Sondergipfel am Mittwoch werde es um eine "Flextension"-Erweiterung des Austrittstermins gehen, sagte die Kanzlerin laut Teilnehmern in einer Sitzung der Unionsfraktion im Bundestag. Zuvor hatte sie eineinhalb Stunden lang mit May im Kanzleramt über die Lage beraten. Eine flexible Verlängerung um bis zu zwölf Monate, auch als "Flextension" oder "Flexi-Brexit" bekannt, hatte zuerst EU-Ratspräsident Donald Tusk ins Spiel gebracht.

"Es gäbe lange Schlangen an den Grenzen"

BDI-Chef Lang drängt die Politik zur Eile: "Die Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals verlangen schnelle Antworten. Für die deutsche Wirtschaft ist entscheidend, dass der Binnenmarkt in der EU-27 keinen Schaden nimmt." Es sei erforderlich, möglichst enge Beziehungen zum künftigen Drittstaat Vereinigtes Königreich zu erhalten. "Aus meiner Sicht ist das Austrittsabkommen nach wie vor der Weg, um diesem Ziel näher zu kommen. Zielführend ist eine Zollunion zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich", so Lang.

Ein ungeordneter Brexit träfe auch die deutsche Wirtschaft hart. Wenn es schlecht läuft, könnte laut Ifo-Chef Clemens Fuest sogar eine Rezession in Deutschland kommen - er plädierte deshalb für weitere zwei Jahre Übergang. Ein EU-Abschied Großbritanniens ohne Vertrag würde wohl den Handel beeinträchtigen. "Es gäbe lange Schlangen an den Grenzen", sagte Fuest. Viele Unternehmen seien nur auf Unterbrechungen von wenigen Wochen eingestellt. Als größten Verlierer sieht der Wissenschaftler aber Großbritannien, auch wenn es dem Land gelänge, neue Freihandelsabkommen abzuschließen - etwa mit den USA oder Australien.

hej

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung