Stockende Verhandlungen Deutsche Firmen fürchten Krise bei hartem Brexit

Kosten in Milliardenhöhe, versiegende Handelsströme: In der deutschen Wirtschaft wächst die Nervosität angesichts des bevorstehenden Brexits. BDI-Chef Lang fordert mehr Fantasie bei den Verhandlungen.
Wirtschaftsvertreter zum Besuch in Downingstreet 10

Wirtschaftsvertreter zum Besuch in Downingstreet 10

Foto: Jack Taylor/ Getty Images

Wie wenig Zeit den Unterhändlern aus Brüssel und London noch bleibt, um ein tragfähiges Vertragswerk für die künftigen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien zu entwerfen, stellte Joachim Lang eher in einem Nebensatz fest: Der nächste EU-Gipfel müsse einen Durchbruch in den Verhandlungen bringen. "Sonst läuft Europa Gefahr, in einen ungeordneten Brexit zu schlittern. Eine massive Krise wäre die Folge", sagte der BDI-Hauptgeschäftsführer am Dienstag in Berlin. Der nächste EU-Gipfel - das ist in zwei Wochen.

Nüchtern betrachtet ließen sich alle sachlichen Fragestellungen sinnvoll beantworten, fügte Lang hinzu. "Voraussetzung ist, dass sich endlich Realitätssinn in London durchsetzt. Die Angst vor dem Abgrund muss die Fantasie beflügeln."

Viele Unternehmen müssten in diesen Tagen bereits Vorkehrungen für den Fall einer ausbleibenden Einigung und damit für den harten Brexit am 29. März 2019 treffen, sagte Lang. Einige hätten angekündigt, die Produktion im Königreich ab April ruhen zu lassen, da sie die Lieferwege nicht sicherstellen könnten. Andere verlagerten bereits Hauptquartiere von der Insel, passten Rechtsstrukturen an und suchten neue Transportwege.

Wie weit die Auswirkungen reichen, erklären auch Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft in ihrer jüngsten Studie. Danach könnten sich allein die Kosten für Zölle auf jährlich mehr als drei Milliarden Euro summieren, sollten die Briten die EU ohne Freihandelsabkommen verlassen. Besonders die Autoindustrie dürfte leiden: Auf sie würden rund 60 Prozent der deutschen Mehrkosten entfallen.

Exporte drohen einzubrechen

Deutsche Exporte ins Vereinigte Königreich würden der Studie zufolge mit durchschnittlich 4,3 Prozent belastet. Die EU ihrerseits könnte Zölle von durchschnittlich 2,8 Prozent auf britische Exporte erheben, die Regierung in London sogar von 3,6 Prozent auf Waren aus der Rest-EU. Der Handel zwischen Großbritannien und der EU könnte dadurch um bis zu 50 Prozent einbrechen. Die deutschen Exporte auf die Insel könnten um bis zu 57 Prozent sinken.

"Dieses Horrorszenario sollte die Politik zum konstruktiven Handeln antreiben", sagt IW-Wissenschaftler Markos Jung. Rund fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes würden direkt und indirekt am Handel mit den Briten hängen. Das Königreich sei damit der drittwichtigste Handelspartner für hiesige Unternehmen.

Mit dem Hinweis auf die Folgen für die britische Wirtschaft versucht BDI-Chef Lang aber auch, die Kompromissbereitschaft auf der Insel zu stärken. Dort werfe der Brexit bereits jetzt seine Schatten voraus. Das Vereinigte Königreich sei im ersten Halbjahr nur noch um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gewachsen. Das sei das zweitschlechteste Ergebnis in der EU. So schlecht lief es zuletzt in den Krisenjahren 2009 bis 2011.

Anknüpfungspunkte suchen

Die Chequers-Vorschläge der britischen Regierung aus dem Juli machten der deutschen Wirtschaft Bauchschmerzen. Doch jetzt müsse es darum gehen, aus der verhandlungspolitischen Sackgasse herauszukommen: "Dafür sollte die Politik jetzt nicht auf all das schauen, was nicht möglich ist; sondern dort weitermachen, wo sich Anknüpfungspunkte ergeben."

"Ein harter Brexit wäre ein Desaster, das in Europa Zehntausende von Unternehmen und Hunderttausende von Arbeitnehmern auf beiden Seiten des Ärmelkanals in größte Schwierigkeiten brächte", warnte Lang. Ein solches Fiasko dürfe sich Europa nicht leisten.

"Die Wirtschaft braucht ein vernünftiges Verhältnis im Außenhandel mit dem Königreich. Dazu gehört mindestens ein Verzicht auf Zölle und Quoten auf Einfuhren aus dem jeweiligen Partnerraum. Wir brauchen, mit anderen Worten, ein gutes Handelsabkommen. Dafür muss sich die Politik in den kommenden Wochen einsetzen."

mik/Reuters

mik
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