Brexit-Verhandlungen Deutsche Industrie verschärft Kritik an britischer Regierung

Vorschläge praxisfern, ein klarer Kurs nicht zu erkennen: Kurz vor der dritten Verhandlungsrunde zum britischen EU-Austritt geht die deutsche Industrie hart mit London ins Gericht - es fehlten noch immer klare Aussagen.

Britische, EU-Flagge in Brüssel
DPA

Britische, EU-Flagge in Brüssel


Die Kritik der deutschen Wirtschaft an der Strategie der Regierung in London bei den Verhandlungen über einen Austritt aus der EU wird deutlicher: "Der britischen Regierung fehlt weiterhin ein klarer Kurs", sagte Dieter Kempf der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). An diesem Montag gehen die Gespräche zwischen der EU und Großbritannien in Brüssel in die dritte Runde. Aber mit solch schlechten Voraussetzungen seien dabei kaum Fortschritte zu erwarten, warnte Kempf.

Nach dem Zeitplan steht der Brexit im März 2019 an. Großbritannien und die Europäische Union wollen in dieser Runde noch bis Donnerstag über den Brexit verhandeln, begonnen hatten die Gespräche im Juni. Letztlich ist das Ziel ein Abkommen, um die Folgen des britischen EU-Austritts für Millionen betroffener Bürger und für die Wirtschaft so reibungslos wie möglich zu gestalten.

Die britische Regierung hatte in den vergangenen Wochen einige Positionspapiere veröffentlicht, die jedoch bei der EU auf wenig Zustimmung trafen. Auch BDI-Chef Kempf kritisiert nun die vor einigen Tagen vorgelegten britischen Ideen für ein künftiges Zollabkommen. Sie seien mit unverhältnismäßig hohem, bürokratischem Aufwand verbunden. "Diese Ideen sind für Unternehmen praxisfern. Das Vereinigte Königreich muss endlich klare Aussagen zu den Austrittsmodalitäten treffen", sagte Kempf.

Auch der Brexit-Beauftragte des EU-Parlaments, der Liberale Guy Verhofstadt, rief die Regierung in London auf, konkrete Vorschläge zu Kernelementen eines Brexit-Abkommens vorzulegen. "Wir werden erst über unser zukünftiges Verhältnis reden können, wenn wir auf den drei wichtigsten Gebieten merklich vorangekommen sind", sagte der frühere belgische Regierungschef der "Welt". Dazu gehörten die Rechte der EU-Bürger, die britischen Finanzverpflichtungen und die künftige Regelung an der nordirisch-irischen Grenze.

Die britische Regierung drängt dagegen die EU-Seite, sich flexibler zu zeigen. London will über Fragen der Trennung von der EU und über die künftigen Beziehungen beider Seiten gleichzeitig verhandeln. Die EU-Kommission will dagegen erst ihre Forderungen an Großbritannien durchsetzen, darunter britische Zahlungen von bis zu 100 Milliarden Euro für gemeinsam eingegangene Verpflichtungen.

Die oppositionelle britische Labour-Partei forderte am Sonntag eine Übergangsperiode nach dem EU-Austritt, in der die grundlegenden Regeln der Beziehungen zur Union weitergelten sollen. Das beträfe beispielsweise die Zollunion. Diese Haltung werde von Wirtschaft und Gewerkschaften geteilt, schrieb der Brexit-Experte von Labour, Keir Starmer, im "Sunday's Observer". Eine abrupte Trennung würde der britischen Wirtschaft einen riesigen Schaden zufügen.

fdi/dpa

insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HARK 28.08.2017
1. Problem ist
die Briten haben offensichtlich immer noch nicht verstanden, was es bedeutet, die EU zu verlassen. Für die grüne Grenze in Irland gibt es keine praktikable Lösung. Außer, man führt Grenzkontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien ein. Das ließe sich technisch leicht umsetzen.
ykerniz? 28.08.2017
2. Sie gehen nicht!
Die Briten wollen die EU nicht verlassen, anders ist der Dilettantismus in den Austrittsverhandlungen nicht zu erklären. Am Ende der Verhandlungsperiode wird es in irgendeiner Form einen Rückzieher geben, sei es, dass das Volk den erzielten Verhandlungsergebnissen zustimmen muss oder sei es, dass die Briten ein Verhandlungsergebnis provozieren, dem die verbleibenden EU Länder nicht zustimmen können. Letzteres hätte sogar den Charm, dass es wieder die EU war und die Briten weitere Sonderwürste einfordern werden.
hassowa 28.08.2017
3. Und wo bleibt die Kritik der "Deutschen Industrie" an der deutschen
Regierung? Oder brauchen sie demnächst keinen Strom mehr für ihre Fabriken, oder wollen sie die Produktion von Motoren und Getrieben freiwillig einsellen? Da hört man komischerweise nichts.
SINAN_75 28.08.2017
4. ... Woher denn ...?
Woher soll der klare Kurs für Post-EU-Britain denn kommen? Die Brexiteers hatten nie ein Konzept, wie es nach dem Brexit weiter gehen soll - außer vielleicht "alles wird wie früher". Vielleicht sollte Nigel Farage die Verhandlungen führen.
karlheinz-hesse 28.08.2017
5. Wie Bitte?
Der Pfund um 30% gefallen. Gut für das bisschen Industrie in GB aber eben schlecht für den Normalbürger. Was für eine Bestrafungsmoral meinen Sie? Da gibt es keine. Die Briten wollen aus der EU und haben einen Vertrag mit der. Also müssen die Briten sich an die Verträge halten und keine Sonderwünsche verlangen. Ein bisschen schwanger geht auch nicht. Neue Geschäftspartner werden mit den Briten knallharte Verträge abschließen, weil sehr Zuverlässig sind sie ja wohl nicht mit Verträgen zu erfüllen. Der Rest der Welt wartet auch gerade auf die Insulaner.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.