Deutsche Wirtschaft Diese Branchen müssen den Brexit fürchten

BMW produziert in Oxford, die Deutsche Bank hat Tausende Mitarbeiter in London: Wichtige deutsche Branchen sind eng mit Großbritannien verflochten. Neue Berechnungen zeigen nun, wen der Brexit am härtesten treffen könnte.

Mini-Produktion im BMW-Werk Oxford
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Mini-Produktion im BMW-Werk Oxford

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Für deutsche Unternehmer gibt es normalerweise Wichtigeres als britische Parlamentsdebatten zu verfolgen. In diesen Tagen dürfte das in mancher Firma anders sein. Am Dienstag stimmen voraussichtlich die Lords im Oberhaus dem EU-Austritt ihres Landes zu, das Unterhaus soll spätestens übernächste Woche folgen. Der Brexit rückt näher.

Wenn die Briten in zwei Jahren dann tatsächlich die EU verlassen, könnten fünf deutsche Branchen besonders betroffen sein. Das geht aus Berechnungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte hervor, die am Dienstag veröffentlicht werden und dem SPIEGEL vorab vorlagen. Sie zeigen, wie stark deutsche Konzerne nach Umsatz und Mitarbeitern mit Großbritannien verwoben sind.

Für die Studie wurden die Daten von 160 deutschen Unternehmen ausgewertet, die ihren Hauptsitz in Deutschland sowie mindestens eine Tochtergesellschaft und 100 Mitarbeiter in Großbritannien haben. Diese Zahlen wurden auf die jeweiligen Branchen hochgerechnet - es handelt sich also um Schätzwerte.

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Die mit Abstand umsatzstärkste Branche in Großbritannien bilden demnach mit rund 40 Milliarden Euro die deutschen Autobauer. Die Insel ist bislang der wichtigste Exportmarkt für deutsche Autos, BMW betreibt hier gleich mehrere Werke. Deutsche Branchenverbände haben bereits deutlich vor drohenden Einbußen gewarnt.

Stark vertreten sind in der Bankenmetropole London auch deutsche Finanz- und Versicherungskonzerne. Derzeit beschäftigen sie in Großbritannien laut Deloitte gut 59.000 Menschen, allein die Deutsche Bank kommt auf gut 8000 Mitarbeiter. Der Finanzplatz London könnte jedoch stark an Bedeutung einbüßen, wenn dort ansässige Banken mit dem Brexit ihre sogenannten Passporting Rights für den Vertrieb von Produkten im Rest der EU verlieren.

"Die Finanzindustrie hat am meisten zu verlieren", sagt Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte. Unter den fünf besonders betroffenen Branchen seien aber auch solche, über die bislang eher wenig diskutiert werde. "Transport und Logistik waren die größte Überraschung, aber auch Handel und Energie standen bislang wenig im Fokus."

Wie stark die einzelnen Wirtschaftszweige tatsächlich vom Brexit betroffen sind, hängt vom Ergebnis der Austrittsverhandlungen ab. In der Logistikbranche etwa hat das Internetkaufhaus Amazon gerade angekündigt,trotz des Brexit Tausende neue Jobs in Großbritannien zu schaffen. Doch der Onlinehandel könnte Börsch zufolge eine politische Reaktion auf den Brexit zu spüren bekommen. "Wenn die EU ihren digitalen Binnenmarkt vertieft, dann wird Großbritannien auch dadurch mittelfristig Wachstum verlieren."

Sorge um den Datenschutz

Wenig thematisiert würden bislang auch die möglichen Folgen für den Datenschutz, sagt Börsch. "Wenn es zu einem harten Brexit kommt, dann haben wir eine Situation wie mit den USA nach dem Ende des Safe-Harbour-Abkommens." Im Oktober 2015 hatte der Europäische Gerichtshof das transatlantische Datenschutzabkommen gekippt. Bis zum Inkrafttreten eines Nachfolgeabkommens dauerte es ein Dreivierteljahr, in dem Unternehmen keine wirkliche Rechtssicherheit bei Datentransfers hatten.

Ein Thema, das heute schon viele Firmen mit Verbindungen nach Großbritannien beschäftigt, sind die Wechselkurse. Seit dem Brexit-Votum hat das britische Pfund gegenüber dem Dollar bereits um rund 15 Prozent abgewertet. Für deutsche Unternehmen, die in Großbritannien aktiv sind, sinken dadurch die Kosten, aber auch ihre Gewinne.

"Unternehmen müssen sich intensiv mit den schwankenden Wechselkursen beschäftigen", mahnt Börsch. Das gelte auch, wenn nach den Abstimmungen im Parlament Ende März endlich die Austrittsverhandlungen beginnen. "Die Unsicherheit an den Währungsmärkten dürfte vorerst bleiben, weil der Ausgang der Verhandlungen noch völlig offen ist."

Zusammengefasst: Vom Brexit könnten laut der Unternehmensberatung Deloitte fünf deutsche Branchen besonders betroffen sein: Der Automobilsektor, Finanz- und Versicherungskonzerne, Verkehr und Logistik, Handel sowie der Energiesektor. Diese Wirtschaftszweige sind ihren Umsätzen oder Mitarbeitern nach besonders eng mit Großbritannien verflochten. Zwar hängen die konkreten Folgen vom Ausgang der in Kürze beginnenden Austrittsverhandlungen ab. Insbesondere das Problem von Wechselkursschwankungen aber betrifft viele Firmen schon heute.

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
observerlbg 07.03.2017
1. Zwei Staaten werden besonders betroffen sein...
Der Brexit wird UK und die BRD deutlich ausbremsen. Die deutsche Wirtschaft wird flexibler darauf reagieren und die eigentlichen Verlierer der Entwicklung werden die Bürger der Mittelklasse sein. Aber auch Bürger anderer EU-Staaten müssen mit deutlichen wirtschaftlichen Einbußen rechnen, z.B. Polen, Spanien, Portugal.... Aber der deutsche Stammtischbruder jubelt. It is very sad only.
funny-smartie 07.03.2017
2. Wen interessiert schon Amazon?
Also auf Dienstleister wie Amazon, die keinen Cent Steuern in Deutschland bezahlen, kann ich gerne verzichten. Dafür gibt es genug andere Möglichkeiten im Einzelhandel und Internetgeschäft. Auch diverse Versicherungen und Banken können durch die bereits etablierten Banken und Versicherungen abgelöst werden. Selbst BMW kann sich vielleicht das ein oder andere rest-europäische Werk zu sein Eigen machen/kaufen. Die Briten wollen es so, sie haben entschieden, also gibt es aus meiner Sicht nichts zu jammern.
RenegadeOtis 07.03.2017
3.
Zitat von observerlbgDer Brexit wird UK und die BRD deutlich ausbremsen. Die deutsche Wirtschaft wird flexibler darauf reagieren und die eigentlichen Verlierer der Entwicklung werden die Bürger der Mittelklasse sein. Aber auch Bürger anderer EU-Staaten müssen mit deutlichen wirtschaftlichen Einbußen rechnen, z.B. Polen, Spanien, Portugal.... Aber der deutsche Stammtischbruder jubelt. It is very sad only.
Sie betrachten nur eine Seite: Wirkliche Verlierer wird die englische Mittel- und Unterschicht sein. Wir sprechen hier von einem Verbund mit einer halben Milliarde Menschen (EU) gegen Großbritannien. Ich denke der Verbund dürfte die Ausfälle (die zweifelsohne kommen werden) deutlich besser kompensieren können als das zumindest EU-wirtschaftlich gesehene isolierte Drittland UK.
echoanswer 07.03.2017
4. Wenn ich solche Hochrechnungen sehe
dann macht sich bei mir der Verdacht breit, dass wir alle auf Hilfsprogramme aus dem Steuersäckel vorbereitet werden sollen. Noch nie hat irgendein Wirtschaftsexperte mit seinen Voraussagen auch nur annähernd richtig gelegen. Es werden schon jetzt Horrorszenarien entwickelt nur um bei der Politik das große Geheule und die Erpressung mit Arbeitsplätzen anzustimmen. Danach geht es nur noch um die Umleitung von Steuergeldern in private Taschen und mit dem Geld werden die Arbeitsplätze nach Ablauf einer Schamfrist nach China verlagert. Ich gebe überhaupt nichts auf diese Erhebungen. Wenn man den Szenarien glauben würde, dann müsste man sich auch wundern wie der internationale Handel und die Globalisierung überhaupt funktionieren.
globaluser 07.03.2017
5. BMW - na und
Produktionskapazitäten sollten auch in anderen Ländern vorhanden sein, um Spitzen auszugleichen. Die Briten, die einen BMW haben wollen, kaufen sie sich ohnehin.
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