Wirtschaftliche Folgen des Brexit Das ist ein Erdbeben

Stürzende Aktienkurse, überall Verluste: Nach der britischen Brexit-Entscheidung sind die ersten Reaktionen der Börse nur ein Vorgeschmack. Noch gefährlicher könnten die langfristigen Folgen sein.

Börse in New York nach dem Brexit
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Börse in New York nach dem Brexit

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Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Im ersten Schock über das Brexit-Votum griff Sebastian Kurz ebenso wie viele andere Beobachter zu einem beliebten Bild. "Ein Dominoeffekt auf andere Länder ist nicht auszuschließen", sagte Österreichs Außenminister. Tatsächlich waren in den Stunden nach Bekanntwerden des knappen Ja zu Großbritanniens EU-Austritt viele Kettenreaktionen zu beobachten: Pfund und Aktien stürzten ab, Premier David Cameron kündigte seinen Rücktritt an, Separatisten in anderen Ländern triumphierten und meldeten eigene Ansprüche an.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Doch Dominosteine fallen in eindeutiger Reihenfolge, mit absehbarem Ende und der Möglichkeit, die Kettenreaktion durch einen einzigen Stein zu unterbrechen. Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit für Großbritannien und den Rest der Welt könnten dagegen eher einem Erdbeben gleichen: Ein Schock, der sich ohne vorhersehbare Richtung in mehreren Wellen verbreitet. Und schwer zu stoppen ist.

Das liegt zum einen an der Ungewissheit darüber, welche Form von Wirtschaftsbeziehung Großbritannien künftig mit dem Rest Europas pflegen will. Die Brexit-Befürworter waren in dieser Frage bemerkenswert vage, die Gegner wollten über einen Plan B erst recht nicht nachdenken. Nun droht jahrelanges Gerangel über komplizierte Fragen wie einen neuen Freihandelsvertrag oder die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Das dürfte viele Unternehmer und Kunden verunsichern, die deshalb Investitionen und Einkäufe verschieben.

Zu unerwarteten Schockwellen könnte der Brexit aber auch führen, weil bislang gar nicht alle wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten bekannt sind. So war es erst vor wenigen Jahren mit der Finanzkrise.

Als im September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, beschwichtigte der damalige Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) im Bundestag noch, die USA seien "Schwerpunkt der Krise. Es ist nicht Europa, und es ist nicht die Bundesrepublik Deutschland". Wenige Tage später mussten Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits Milliardenkredite für die Hypo Real Estate organisieren und sogar öffentlich für die Einlagen deutscher Sparer garantieren. Denn auch deutsche Institute hatten sich in großem Stil mit US-Schrottpapieren verzockt.

Auswirkungen von München bis Tokio

So dramatisch muss es heute nicht kommen. Doch dass die wirtschaftlichen Konsequenzen auch diesmal weit über ein Land hinausreichen, zeigte sich schon in den ersten Stunden nach Bekanntwerden der Entscheidung - etwa in Japan. "Wir sind höchst besorgt über die negativen Auswirkungen, die das haben wird", sagte dort Kosei Shindo, Chef des Stahlkonzerns Nippon Steel & Sumitomo Metal. "Nicht nur in Großbritannien und der EU, sondern auch für die Weltwirtschaft."

In Indien verbuchte der Autokonzern Tata Motors deutliche Kursverluste - ihm gehören die urbritischen Marken Jaguar und Land Rover. Auch in Deutschland gehörten neben Banken Autokonzerne wie BMW Chart zeigen und Daimler Chart zeigen zu den größten Verlierern. Wie anfällig die Branche durch ihre hohe globale Verflechtung ist, zeigte sich schon bei der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Damals kam es bei deutschen Automobilzulieferern und anderen Unternehmen wegen des vorausgegangenen Tsunamis zu erheblichen Produktionsengpässen, weil Teile aus Japan fehlten.

Neben logistischen Problemen drohen weitere politische Schocks. So könnte der Brexit EU-kritischen Kräften in Spanien helfen. Das Land versucht am Sonntag zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten, eine regierungsfähige Mehrheit zu finden. Im November wird möglicherweise Brexit-Fan Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten gewählt, im kommenden Jahr könnten Populisten auch bei den Wahlen in Deutschland und Frankreich an Einfluss gewinnen. "Meine Angst gilt nicht der unmittelbaren Zukunft - schließlich hat der Markt in den letzten zehn Jahren so viele Krisen erlebt", sagte ein Londoner Banker. "Ich habe eher große Angst vor der langfristigen Zukunft."

Spätfolgen nutzen den Brexiteers

Wenn sich viele Folgen des Brexits erst mit Verzögerung zeigen, nützt das seinen Befürwortern. Sobald sich die Börsen etwas beruhigt haben, dürften viele das Austrittsmanöver zu einem Erfolg erklären und die Warnungen als völlig übertrieben verspotten. Doch manche ökonomischen Nachteile könnten so spät eintreten, dass nur junge Briten sie überhaupt erleben - etwa in Form dauerhaft verringerter Wachstumsaussichten, vor denen vorab viele Ökonomen gewarnt haben.

Ob der Zorn darüber dann noch die Brexiteers trifft, ist fraglich. So war die US-Finanzkrise zumindest mitverantwortlich dafür, dass EU-Staaten wie Griechenland oder Spanien in die Rezession schlitterten und sich bis heute nur mühsam erholen. Doch längst gilt die meiste Kritik den angeblich reformunwilligen Regierungen dieser Länder oder EZB-Chef Mario Draghi, der mit Niedrigzinsen gegen die Flaute kämpft. Über die Rolle der US-Finanzindustrie wird dagegen kaum noch gesprochen.

Zusammengefasst: Kurzfristig führt der Brexit zu dramatischen Einbrüchen an den Börsen. Die langfristigen Folgen aber lassen sich angesichts der global vernetzten Wirtschaft noch gar nicht alle abschätzen. Das zeigen die Erfahrungen der Finanzkrise oder auch des Reaktorunglücks von Fukushima.

Mit Material von Reuters



insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
Putin-Troll 24.06.2016
1.
---Zitat--- Stürzende Aktienkurse, überall Verluste ---Zitatende--- Das ist wahrhaft Musik in meinen Ohren. Endlich triffts mal die Richtigen...
diefetteberta 24.06.2016
2. mission accomplished
"Über die Rolle der US-Finanzindustrie wird dagegen kaum noch gesprochen." Genau das ist der springende Punkt. Ansonsten gilt für Frau Merkel als Marionette der USA "mission accomplished"! Sie hat es geschafft dank ihrer alternativlosen Politik den europäischen Karren voll gegen die Wand zu fahren und welch ein Hohn - nun ruft sie zur "Ruhe und Besonnenheit" auf. Die Finanzindustrie der USA applaudiert
gernoedl 24.06.2016
3. Konsequenz aus Brexit:
In der EU häufen sich Schwierigkeiten, die darauf zurückzuführen sind, dass so manch ein Mitglied gerne die Vorteile der EU mitnimmt, aber sich bei den Lasten wegdreht und mit nationalistischem Gehabe und Androhung des Austritts sich um Solidarbeiträge drückt. Und jetzt fängt die afterkriecherische Journallie an, von nötigen EU-Reformen mit mehr Freizügigkeit usw. für die Mitglieder zu schwadronieren. Ja, Reformen sind nötig und zwar ganz zwingend eine Konzentration der Macht beim europäischen Parlament und eine europäische Regierung. Dann hat man wieder demokratische Strukturen und die Möglichkeit auch unbequeme Lasten gerecht zu verteilen (z.B. Aufnahme von Flüchtlingen und Assylanten). Wem das nicht passt, der möge bitte auch den Exit wählen. Keine EU Institution wird jemals die EU zum gemeinsamen Vorteil steuern können, solange die nationalen Regierungen nicht weitgehend entmachtet sind.
shark 24.06.2016
4. Hoffentlich
schließen sich noch mehr Länder an.
Barath 24.06.2016
5.
"Ob der Zorn darüber dann noch die Brexiteers trifft, ist fraglich. So war die US-Finanzkrise zumindest mitverantwortlich dafür, dass EU-Staaten wie Griechenland oder Spanien in die Rezession schlitterten und sich bis heute nur mühsam erholen. Doch längst gilt die meiste Kritik den angeblich reformunwilligen Regierungen dieser Länder oder EZB-Chef Mario Draghi, der mit Niedrigzinsen gegen die Flaute kämpft. Über die Rolle der US-Finanzindustrie wird dagegen kaum noch gesprochen." Ach, schön das sich auch beim Spiegel noch jemand daran erinnert! Warum erinnert man dann nicht öfter daran?
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