Brexit In Großbritannien werden Medikamente knapp

Im Vereinigten Königreich sind etliche Medikamente derzeit nur schwer erhältlich. Die Regierung beharrt darauf, dass der Brexit nicht die Ursache dafür sei - und glaubt das offenbar selbst nicht.
Medikamente im Regal

Medikamente im Regal

Foto: Getty Images/ Bloomberg/ Simon Dawson

Weniger als zehn Wochen vor dem geplanten Brexit-Termin Ende März werden in Großbritannien einige Medikamente knapp. Apotheker haben Berichten zufolge  immer größere Probleme, an zahlreiche häufig verschriebene Arzneien wie Schmerzmittel, Antidepressiva und blutdrucksenkende Pharmazeutika zu kommen.

In England sind 80 Medikamente derartig rar, dass die Regierung sie auf einer "Engpass-Liste" führt. Das ermöglicht es den Behörden, sie zu erhöhten Preisen einzukaufen. Im Oktober standen auf dieser Liste nur 45 Medikamente. Auch aus Nordirland, Wales und Schottland hört man Berichte über ähnliche Schwierigkeiten.

Die genaue Ursache für die Engpässe ist umstritten. Die Rede ist von Schwankungen bei der weltweiten Nachfrage, von sich ändernden Wechselkursen und von Problemen bei den Herstellern.

Briten legen offenbar Vorräte an

Gareth Jones vom Apothekerverband "National Pharmacy Association" sieht jedoch einen Zusammenhang zum Brexit. Er glaubt, die Medikamente würden deswegen knapp, weil viele Briten aus Sorge vor einem chaotischen Brexit angefangen hätten, sie zu horten. Das scheine "ein wesentlicher Faktor" zu sein, sagte Jones der BBC.

Was es bedeuten kann, wenn ein Medikament gar nicht mehr zu bekommen ist, konnte man sich vergangene Woche in der BBC-Sendung "Victoria Derbyshire" anschauen. Dort erzählte eine junge Frau, die am schmerzhaften Fibromyalgiesyndrom leidet, dass seit dem vergangenen Monat ein entzündungshemmendes Medikament nicht mehr verfügbar sei, das ihr sehr helfe.

Stattdessen habe man ihr Ibuprofen verabreicht, ein verbreitetes Schmerzmedikament. Aber das habe nicht dieselbe Wirkung. "Es war schrecklich. Das macht bei meiner Erkrankung einen enormen Unterschied."

Ihr Medikament sei auch schon früher gelegentlich nicht erhältlich gewesen, erzählte die Frau weiter. Doch stets sei es spätestens nach ein paar Tagen wieder in ihrer Apotheke vorrätig gewesen. Nicht so dieses Mal.

Medizinerverband fordert mehr Transparenz

Die Regierung wiegelt ab. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte der BBC, es gebe "keine Belege dafür, dass die gegenwärtigen Probleme bei der Versorgung mit Medikamenten mit den Vorbereitungen für den EU-Austritt im Zusammenhang" stünden.

Ähnlich äußerte sich das Ministerium im Dezember, als es Pläne bekannt gab, wonach es Apothekern in Zukunft erlaubt sein soll, andere Medikamente herauszugeben als diejenigen, die verschrieben worden sind. Gesundheitsminister Matthew Hancock erklärte damals, diese Entwicklung habe "nicht nur mit dem Brexit" zu tun.

Der Medizinerverband Royal College of Physicians (RCP), der Zehntausende Ärzte repräsentiert, möchte sich mit solchen Erklärungen nicht zufrieden geben. Der Verband rief die Regierung zu mehr Transparenz hinsichtlich der landesweiten Vorräte an Medikamenten auf.

Pharmafirmen sollten Vorräte anlegen

Tatsächlich scheint sich die Regierung dessen bewusst zu sein, dass der Brexit eine zentrale Rolle bei den Medikamentenengpässen spielt. So haben die Behörden die Pharmaunternehmen des Landes bereits im Sommer angewiesen, bis zum geplanten Brexit-Termin im kommenden März zusätzliche Vorräte für sechs Wochen anzulegen.

Im Dezember wandte sich Gesundheitsminister Hancock in einem Schreiben erneut an die Pharmaunternehmen  des Landes. Darin informierte er sie darüber, dass die Regierung nun davon ausgehe, dass es im Fall eines "No Deal"-Brexits bis zu "sechs Monate lang" Verzögerung bei Importen über den Kanal geben könnte. Die Anweisung, zusätzliche Vorräte für sechs Wochen anzulegen, blieben "ein wichtiger Teil unseres Notfallplans".

Die Regierung habe darüberhinaus weitere Maßnahmen ergriffen, schreibt der Minister weiter. So sei man dabei, zusätzliche "Frachtkapazität" zu schaffen, damit "lebensnotwendige Produkte" weiter ungehindert nach Großbritannien gelangen könnten.

In mindestens einem Fall ist das allerdings gründlich daneben gegangen. So haben Mitarbeiter des Verkehrsministeriums offenbar nicht gründlich genau hingeschaut, als sie kürzlich ein Startup-Unternehmen damit beauftragten, eine neue Fährverbindung zwischen dem britischen Ramsgate und dem belgischen Ostende einzurichten. Denn die beauftragte Firma, die dafür 13,8 Millionen Pfund erhalten soll, besitzt keine Schiffe, hat keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet und hat ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen offenbar von einem Pizza-Lieferdienst kopiert .

Prepper raten von Medikamentenvorräten ab

Vorfälle wie dieser sorgen für Verunsicherung. "Der Mangel an Kommunikation und Planung durch die Regierung führen dazu, dass die Leute Vorräte anlegen", sagt Joanna Elgarf. Sie ist Moderatorin der Facebook-Gruppe "48 Percent Preppers". Der erste Teil des Namen bezieht sich auf die 48 Prozent der Briten, die (und das wird leicht vergessen) beim EU-Referendum Mitte 2016 für einen Verbleib in der EU gestimmt haben.

"Prepper" sind Menschen, die sich auf chaotische Notfallsituationen vorbereiten, indem sie Vorräte anlegen - an Wasser, Lebensmitteln und in einigen Fällen wohl auch an Medikamenten. Die Gruppe hat heute mehr als 6000 Mitglieder.

"Wir raten unseren Mitgliedern davon ab, Medikamente zu horten", sagt Joanna Elgarf. "Aber das hält Leute nicht davon ab, es zu versuchen. Es herrscht eine große Unsicherheit unter Leuten, die auf Medikamente angewiesen sind." In der Gruppe, die sie moderiert, hätten einige Mitglieder berichtet, dass ihnen Ärzte Medikamente für kürzere Zeiträume als zuvor verschrieben hätten - also für einen Monat statt für drei Monate.

Dass zahlreiche ihrer Landsleute angesichts der politischen Unsicherheit offenbar anfingen, Vorräte an Medikamenten anzulegen, befürworte sie nicht, sagt Joanna Elgarf ein weiteres Mal. "Aber ich kann es verstehen."


Zusammenfassung: In Großbritannien sind mehrere Medikamente nur noch schwer zu bekommen. Die genaue Ursache für die Engpässe ist umstritten. Als Gründe werden Schwankungen bei der weltweiten Nachfragen, von sich ändernden Wechselkursen und von Problemen bei den Herstellern angeführt. Offenbar horten viele Briten aus Sorge vor einem chaotischen Brexit Medikamente.

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