IW-Ökonom Michael Hüther zur Brexit-Krise "Unternehmer, löst eure Notfallpläne aus!"

Ein harter Brexit ist kaum noch abzuwenden, sagt der IW-Ökonom Michael Hüther. Daran werden auch neue Verhandlungen nichts ändern. Die deutsche Wirtschaft muss sich darauf einstellen.

Banksy-Wandbild in Dover
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Ein Interview von


Zur Person
  • Institut der deutschen Wirtschaft Köln
    Michael Hüther , Jahrgang 1962, ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW Köln). Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Mittleren und Neueren Geschichte war er zunächst Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") und Chefvolkswirt der DekaBank.

SPIEGEL ONLINE: Der Brexit-Deal von Theresa May ist im britischen Parlament klar gescheitert. Worauf muss sich die deutsche Wirtschaft jetzt einstellen?

Hüther: Ich kann den Unternehmen nur raten: Stellt euch auf einen harten Brexit ein, löst die Notfallpläne aus! Es gibt in der britischen Politik ja überhaupt keine Mehrheit mehr für eine bestimmte Option, sondern nur negative Mehrheiten: gegen den ausgehandelten Deal, gegen einen EU-Austritt ohne Deal, gegen ein zweites Referendum. Auch die Europäer haben klargemacht, dass es nicht mehr viel zu verhandeln gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind deutlich pessimistischer als viele andere deutsche Ökonomen, die darauf verweisen, dass das britische Parlament einen harten Brexit in jedem Fall verhindern möchte.

Hüther: Die Geschichte zeigt: Häufig sind Dinge geschehen, obwohl niemand sie wollte. Ich fühle mich an das Buch "Die Schlafwandler" von Christopher Clarke erinnert, der beschreibt, wie die europäischen Mächte in den Ersten Weltkrieg getaumelt sind. Was soll die EU denn tun? Mit May jetzt noch viele Wochen verhandeln, obwohl das britische Parlament völlig unberechenbar ist? Selbst wenn es zu einem Regierungswechsel käme: Auch die Labour-Partei und ihr Chef Jeremy Corbyn wissen nicht, was sie wollen. Ob es nun am Ende doch noch wie durch ein Wunder zu einem Deal kommt oder nicht: Als Unternehmer müssen Sie jetzt die Notfallpläne ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts, fordert vehement neue Verhandlungen, weil ein harter Brexit unbedingt vermieden werden müsse. Und Ifo-Ökonom Gabriel Felbermayr appelliert sogar an die EU, das Prinzip der vier Freiheiten für den Binnenmarkt zu brechen - konkret also die Personenfreizügigkeit aufzugeben.

Hüther: Wenn überhaupt, hätte das bereits in der zwei Jahre langen Verhandlungsphase geschehen müssen, aber nicht in dieser Drucksituation. Bei der Brexit-Debatte muss man als politischer Ökonom argumentieren, ökonomisches Wunschdenken hilft da nicht. Und: Die Staaten der EU haben sich diese vier Freiheiten - beim Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen - bewusst gegeben, aufgrund der historischen Erfahrungen. Diese nun in einer Nacht- und Nebelaktion einfach aufzugeben, geht an die Grundfesten der europäischen Integration. Im Übrigen: Worüber soll denn jetzt noch verhandelt werden? Die EU als Ganzes müsste ihre Position der vergangenen zwei Jahre revidieren. Ein Gewinn an Glaubwürdigkeit wäre das nicht. Wir müssen einfach irgendwann akzeptieren: Wenn die Briten austreten wollen, wollen sie eben austreten.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Schaden droht der deutschen Wirtschaft durch einen harten Brexit?

Hüther: Er trägt zu der bereits prognostizierten Konjunkturabkühlung bei, die aber auch durch den Protektionismus von Donald Trump, den Handelsstreitigkeiten und der wirtschaftlichen Schwäche Chinas verursacht wird - diese Dinge sind insgesamt bedeutsamer. Wie es einzelne Unternehmen treffen wird, hängt stark von der Branche ab. Die Autobranche etwa ist zwar stark durch Zölle und drohende Lieferverzögerungen durch Grenzkontrollen betroffen. Sie wird damit aber umgehen können. Schwieriger ist das etwa in der Chemiebranche: Hier könnten Produkt-Zertifizierungen nach der EU-Chemikalienverordnung für den Import in die EU von einen Tag auf den anderen ungültig werden. Wenn ein deutscher Konzern nun eine Fabrik in Großbritannien hat, deren Produkte er in der EU weiterverarbeitet, hat er ein großes Problem.

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Fotostrecke: Das Scheitern des Brexit-Deals

SPIEGEL ONLINE: Wie gut sind deutsche Unternehmen auf einen harten Brexit vorbereitet?

Hüther: Alle Großunternehmen haben für ihre Lieferketten - und damit also auch für die mittelständischen Zulieferbetriebe - durchdeklinierte Notfallpläne, alles andere wäre ja fahrlässig. Das gilt auch für die Banken. Allerdings haben sie diese Pläne aus guten Gründen bisher nicht öffentlich gemacht. Es ist also unklar, wie die Unternehmen im Einzelnen agieren werden.

SPIEGEL ONLINE: Laut Umfrage Ihres Instituts haben aber selbst viele Unternehmen, die nach Großbritannien exportieren, noch nicht vorgesorgt.

Hüther: Wer ausschließlich nach Großbritannien exportiert, hat überschaubare Probleme. Dann erhöhen sich durch Zölle in der Regel nur die Preise, die die Briten zahlen müssen. 60 Prozent der deutschen Exporteure rechnen nicht mit signifikanten Effekten, nur drei Prozent befürchten spürbare Einschnitte.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen wir Sie richtig? Ein harter Brexit wäre zwar höchst bedauerlich, zumindest ökonomisch aber eigentlich nur für die Briten ein großes Problem?

Hüther: Selbstverständlich wird ein harter Brexit Konsequenzen für den Standort Großbritannien haben und damit auch für britische Arbeitsplätze. Aber um ehrlich zu sein, ist das nicht das größte Problem der Briten. Das besteht nämlich darin, die Spaltung der Gesellschaft irgendwie wieder zu heilen. Die eine Hälfte wird der anderen Hälfte vorwerfen, ihr diesen Mist eingebrockt zu haben. Und die Führungsfiguren dieser anderen Hälfte - Boris Johnson, Nigel Farage - haben noch nicht mal einen Plan für ihren Brexit. Die sind ja auch jetzt alle im Gebüsch. Meine Prognose ist: Eine Versöhnung der britischen Gesellschaft ist kurzfristig schlicht unmöglich. Das erschwert heute politische Lösungen. Deshalb bringt ein Uhrenanhalten oder ein Verschieben auch wenig. Ein zweites Referendum würde deshalb ebenfalls nicht helfen, es erscheint zunehmend naiv darauf zu setzen - aus demokratiepraktischen Gründen, aber vor allem wegen der tiefen gesellschaftlichen Spaltung.

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mwroer 16.01.2019
1.
Danke. Endlich mal eine ruhige und sachliche Darstellung der ganzen Sache. Genau so unaufgeregt kann es gehen. Letztlich haben weder das UK noch die EU irgendein gesteigertes Interesse daran sich nach dem Ausstieg das Leben zur Hölle zu machen. Das größte Problem ist doch dass die EU auf dem Druckmittel beharrt das UK ggf noch bis 2022 in die Zollunion zwingen zu können - und während dieser Phase darf das UK keine eigenen Verhandlungen führen. Natürlich ist das für die meisten MP im UK nicht akzeptabel. Es ist nun mal ein erstklassiges Druckmittel und die EU kann und wird es anwenden. Und das alle letztlich weil keiner eine Grenze mit Kontrollen in Irland will - was man verstehen kann aber wo ich letztlich glaube dass die Menschen dort sehr gut unterscheiden können warum dann *diese* Grenze dort ist. Das hat nichts mit dem alten Nord-Irland Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken oder der IRA zu tun. So dämlich ist nun wirklich niemand, mir scheint eher dass das wieder als Ausrede für parteipolitische Spielchen benutzt wird :(
ogg00 16.01.2019
2. Nordirland
Wenn man ehrlich ist, hat der Mann recht. Es wird wirtschaftliche blaue Flecken geben, die aber vermutlich le überlebbar sind. Spannend und gefährlich ist doch nur die Frage, wie man den Frieden in Nordirland aufrecht erhalten wird, wenn da wieder eine spürbare Grenze entsteht. Ein irischer Reporter sagte gestern ganz richtig, dass der Bürgerkrieg nur schläft und alle Täter noch da sind...
ambulans 16.01.2019
3. ich
hätte nie gedacht, dass ich einmal dem IW-chef hüther - eigentlich doch eher als rund-um-die-uhr engagiertes mitglied der "initiative neue soziale marktwirtschaft" (bertelsmann lässt freundlich grüßen!) bekannt - mehr oder weniger vorbehaltlos zustimmen würde, aber: hier trifft er den nagel auf den kopf. wer nach dieser unterhaus-entscheidung (no deal!) immer noch nicht auf "notfall" umgestellt hat und dies möglicherweise auch gar nicht tun will, handelt unverantwortlich (gewissermaßen "grob fahrlässig" - dann also auch kein versicherungsschutz). und nun, der advocatus diaboli: wenn bertelsmann/insm jetzt umschaltet auf "dann bleiben sie halt draußen, bis..." - soll das heißen, man hat sich (als investor, etc.) bereits anderswohin orientiert, lässt sich das möglicherweise als eine gewisse form dieser "bds"-kampagne ("und, wenn sie nicht wollen, dann wend ich gewalt an ...") verstehen? die nächsten wochen und monate werden sicherlich hoch-interessant, to say the least ...
derhey 16.01.2019
4. Wünsche
mir eine solche klare Position auch in Brüssel, Berlin, Paris, auch in Rom, Wien und anderswo. Der Mann hat diesmal ausgesprochen Recht. Die Briten wollen einen Brexit ohne deal, zuminderst die politischen Meinungsmacher. Diese würde selbst eine Mitgliedschaft in der EU ohne Pflichten ausschlagen. Auch ein Referendum würde doch nichts bringen: 51 % hier und auf der anderen Seie 49 %; wo ist denn da die Mehrheit, die eine Versöhnung der zerstrittenen Parteien ermöglichen würde. Also kein deal und aus die Maus am 29. März 2019. Dazu noch wirtschaftlich: Gut bzw. schlecht, es wird Verwerfungen geben und die Waschstumsziele halt weniger, statt 2,5 % dann eben 1 % - das ist doch verdammt noch mal zu verkraften, für alle Volkswirtschaften. In zwei, drei Jahren ist das vergessen. Aber jetzt noch nachverhandeln und Rosinen werfen, dann verliert die Politik an Glaubwürdigkeit und vor allem: Dürfen es zwei Rosinen sein oder drei, und wenn drei nicht gehen dann vier und jetzt ist aber Schluß - ach jetzt ist man sich schon so entgegengekomen jetzt gibt es halt noch die 5. hinterher. Kein Wunder über die Verdrossenheit bei den Bürgern! Verschiebt dann mal lieber auch gleich die Europawahlen.
HerrPeterlein 16.01.2019
5. Hat Recht, aber die Wirtschaft ist labil
Er hat ja Recht, was soll ein Aufschub um mehrere Wochen bringen? Oder soll GB noch an der Europawahl teilnehmen? Oder in welchem Punkt soll die EU noch nachgeben? Aber er übersieht mehrere Dinge. Wie sollen die konkreten Notfallpläne aussehen und sich so schnell umsetzen lassen. Bei den gegenseitigen Verschmelzungen, aber ohne planbare Basis? Sollte es zu einer harten Grenze zwischen Irland und NI kommen, drohen da besonders wirtschaftliche Probleme. In so einer Atmosphäre kommt es noch eher zu einer Unruhe. Praktisch kann es bedeuten, dass jemand aus Nordirland ohne Visum nicht mehr zu seiner Familie nach Irland reisen darf. Weil die EU sagt das es nur etwas gibt, wenn es auch für alle von uns gilt. Dafür müsste aber das britische Unterhaus dem irgendwie mit einer Mehrheit zustimmen.
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