Banker und Brexit Unter Geiern

Europas Finanzplatz Nummer eins könnte am Brexit zerbrechen. Aber wäre das wirklich so schlimm? Banken-Kenner Joris Luyendijk sähe auch Vorteile, wenn die Raubtierkapitalisten London verließen.

Joris Luyendijk auf der Dachterrasse des Coq d'Argent in Londons Finanzdistrikt
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Joris Luyendijk auf der Dachterrasse des Coq d'Argent in Londons Finanzdistrikt

Aus London berichtet (Text und Fotos)


Der Mann, der Londons Bankenszene in und auswendig kennt, ist leicht zu finden. Joris Luyendijk, 44, der für ein Buch über die Ursachen der Finanzkrise rund 200 Londoner Banker interviewte, steht auf einem Platz mitten im Finanzviertel, und er ist, abgesehen von einigen Schülern, der Einzige weit und breit ohne Schlips und Anzug.

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Heft 24/2016
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"Je näher das Brexit-Votum rückt, desto mehr sind die Banker in Aufruhr", sagt Luyendijk. Und das aus gutem Grund. "Bei einem Brexit dürfte das Pfund abstürzen, die Zinsen dürften steigen", sagt Luyendijk. Dadurch könnte die Immobilienblase platzen, der Handel mit dem EU-Binnenmarkt könnte zurückgehen. "Großbritanniens Wirtschaft könnte in ein tiefes Loch fallen."

Sollte Großbritannien wirklich aus der EU austreten, dürften zudem die Banken ihre sogenannten Passporting Rights verlieren - das Recht, von London aus Finanzprodukte in ganz Europa zu verkaufen. Geldhäuser wie Goldman Sachs und die Deutsche Bank drohen, ihre Londoner Sparten zu verkleinern, falls es so weit kommt. Der britische Bankenverband TheCity warnt, Europas Finanzplatz Nummer eins könnte in mehrere Teile zerbrechen und sich überall über den Kontinent verteilen.

Luyendijk fragt sich, ob das wirklich so schlecht wäre. Er lädt zu einem Stadtrundgang der besonderen Art ein. Einer Tour, die zeigen soll, dass es für London vielleicht ein Segen wäre, wenn die Finanzgeier die Stadt verließen.

Bank Junction
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Bank Junction

Luyendijk steht an der Bank Junction, einem trubeligen Ort vor der Bank of England, an dem neun Straßen zusammenlaufen. Einige Kilometer westlich liegt der Stadtteil Mayfair, dort residieren die meisten Hedgefonds. Östlich liegt der Stadtteil Canary Wharf mit seinen Bankentürmen. Hier aber, vor der Zentralbank und der alten Börse, hier liegt das Machtzentrum von Londons Finanzindustrie. Hier stehen einige ihrer wichtigsten Gebäude.

Rund um den Platz herrscht hektisches Treiben. Die Leute eilen nicht nur, sie rennen fast. Oder sie rennen wirklich. Ein Mann zieht seinen Rollkoffer so schnell hinter sich her, dass dieser aufröhrt wie ein Rennauto. Der Lebensrhythmus wirkt hier noch stärker beschleunigt als in Metropolen wie Tokio oder New York. Luyendijk sagt, das hänge mit der Arbeitskultur zusammen.

Bei den meisten Londoner Banken gibt es keine Kündigungsfristen. Luyendijk hat Banker interviewt, die von ihrem Vorgesetzten eine Aufgabe übertragen bekamen - und am selben Tag vom Vorgesetzten ihres Vorgesetzten gefeuert wurden. Hingerichtet wurden, wie es im Banker-Sprech heißt. Und er kennt andere Banker, die aus Karrieregründen alle paar Monate den Arbeitgeber wechseln.

"Wenn du binnen fünf Minuten gefeuert werden kannst, dann beschleunigt das dein ganzes Leben", glaubt Luyendijk. "Du scherst dich nicht darum, ob du einem Kunden schmutzige Finanzprodukte verkaufst. Weil du längst bei einer anderen Bank arbeitest, wenn er das mitbekommt."

Britische Zentralbank
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Britische Zentralbank

Luyendijk blickt auf die Bank of England, einen altehrwürdigen Bau mit antiken Säulen und nackten Statuen. Seit 1734 wird die Geldpolitik des Vereinigten Königreichs von diesem Gebäude aus gelenkt. Die Briten bezeichnen ihre Notenbank auch als The Old Lady of Threadneedle Street, benannt nach der Straße, an der sie liegt. Und nach einer alten Geistergeschichte.

Im Jahr 1811 wurde Philip Whitehead, ein ehemaliger Mitarbeiter der Notenbank, wegen Fälschung verurteilt und hingerichtet. Seine Schwester Sarah soll darüber so entsetzt gewesen sein, dass sie fortan Tag für Tag an der Tür der Notenbank nach ihrem Bruder gefragt habe. Später wurde sie auf einem Friedhof begraben, der noch später der Garten der Notenbank wurde. Seitdem soll die Schwester des Fälschers dort herumspuken.

Luyendijk hält diese Legende für bezeichnend. Er hat im Rahmen seines Buchprojekts zahlreiche Zentralbank-Mitarbeiter interviewt und drei Phänotypen ausgemacht. "Es gibt die Überzeugungstäter, die die Finanzwelt wirklich regulieren wollen", sagt er. Die aber seien in der Minderheit, weil die Regierung Regulierung seit jeher nicht besonders wertschätze. Dann gebe es die Untalentierten, die keinen Job bei einer "ordentlichen" Bank bekämen. Und diejenigen, die bei der Zentralbank Erfahrungen für genau so einen Job sammeln.

"Ich habe Zentralbanker getroffen, die sich schwertaten, ihrer Frau zu erklären, warum sie nicht zur anderen Seite überlaufen und ihr Gehalt vervierfachen", sagt Luyendijk. Viele hätten sich angesichts der bankenfreundlichen Regierung wie unterbezahlte Clowns gefühlt - und letztlich bei Morgan Stanley oder Goldman Sachs angeheuert.

Mansion House
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Mansion House

Luyendijk dreht sich um und deutet auf einen von Abgasen ergrauten Bau. Es ist das sogenannte Mansion House, der offizielle Amtssitz des Lord Mayor of London - nicht zu verwechseln mit dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. In der britischen Hauptstadt hat der Finanzdistrikt seinen eigenen Bürgermeister, zu dessen vornehmsten Aufgaben es gehört, Festbankette für hochrangige Regierungsmitglieder zu veranstalten und für den Londoner Finanzsektor zu werben.

"Viele Städte auf der Welt haben einen Finanzsektor", sagt Luyendijk. "London ist ein Finanzsektor mit einer Stadt drumherum." Rund zwei Millionen Jobs landesweit hängen laut Bankenverband TheCity an der Branche. Die Stadt ist das Hauptquartier einer Branche, die über einen langen Zeitraum sehr viel Macht akkumuliert hat. Und die nun fürchtet, diese zu verlieren.

Coq d'Argent
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Coq d'Argent

Rechts neben dem Mansion House steht ein seltsamer bräunlicher Bau, der entfernt an einen indianischen Totempfahl erinnert. Es ist das Restaurant Coq d'Argent, eine In-Adresse für besonders statusbewusste Banker. Auf der Dachterrasse läuft brasilianischer Lounge-Jazz, der Teller Meeresfrüchte kostet 67 Pfund, im Hintergrund glitzert die Skyline von Canary Wharf.

"Wenn du ein Banker aus der Arbeiterklasse bist, wenn dein Vater vielleicht Postbeamter war, dann führst du deine Trophäenfrau genau hierhin aus", sagt Luyendijk. Das Coq d'Argent sei der Ort, um zu zeigen, was man sich leisten kann. "Wären die Preise niedriger, würden die Leute nicht mehr kommen."

Luyendijk blickt hinüber zu einem besonders unförmigen Wolkenkratzer, der oben breiter als unten ist, auf der Fassade spiegelt sich der Himmel. Warum wollen Banker eigentlich immer noch höher hinaus? Luyendijk sagt, die stärkste Triebfeder dafür sei die Angst. "Gier und Ehrgeiz sind letztlich nur Derivate von Furcht", sagt er. "Es geht darum, über allem zu stehen, im Irrglauben, dann unangreifbar zu sein."

Tatsächlich sei es genau umgekehrt: Je höher man aufsteigt, desto verwundbarer wird man. Desto größer wird die Furcht, abgehängt zu werden, und damit der Ehrgeiz und die Gier. Oft kommt irgendwann der Absturz.

Die Dachterrasse des Coq d'Argent ist neuerdings von einem hohen Geländer umrahmt, weil sich mehr als ein halbes Dutzend Gäste von dort aus in die Tiefe gestürzt hat. Ein besonders bezeichnender Suizid ereignete sich Mitte Januar. Als die Polizei eintraf, waren die Gäste noch friedlich beim Essen. Weder sie noch die Bediensteten hatten bemerkt, dass gerade ein Mann vom Dach gesprungen war.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
kimmberlie.67 20.06.2016
1. Es gab eine Zeit
da wurden diese Verbrecher im Nadelstreifen Geteert und Gefedert und aus der Stadt gejagt. Nicht alles von damals war schlecht.
zynik 20.06.2016
2.
"Warum wollen Banker eigentlich immer noch höher hinaus? Luyendijk sagt, die stärkste Triebfeder dafür sei die Angst. "Gier und Ehrgeiz sind letztlich nur Derivate von Furcht", sagt er. "Es geht darum, über allem zu stehen, im Irrglauben, dann unangreifbar zu sein." " Schön, das mal so offen ausgesprochen zu lesen. Das letzte Hemd hat eben keine Taschen.
smokey55 20.06.2016
3. Brexit
Im Grunde bin ich für die EU. Aber die Art wie sie sich entwickelt hat stört mich. Die Quertreiberei der Engländer stört mich noch mehr. Am meißten stört mich das *** der Banker in London. Da kann ich nur auf Brexit hoffen damit sich etwas ändert. Denn sonst wird alels so bleiben wie es ist ...
hman2 20.06.2016
4. Was bedeutet das für uns?
Kann ja sein, dass es gut für London ist, wenn die City stirbt. Was passiert dann aber mit uns, wenn die Bankster von London nach Frankfurt fliehen? Dann geht das Casino bei uns weiter...
Heinrich_Hoert 20.06.2016
5. Keine Gute Idee
Zitat von kimmberlie.67da wurden diese Verbrecher im Nadelstreifen Geteert und Gefedert und aus der Stadt gejagt. Nicht alles von damals war schlecht.
Weder für Bankmitarbeiter noch für den Rest der Menschen. Auch wenn man über diese Branche nicht gerade erfreut ist sollte man sich bei den Strafen nicht am Mittelalter orientieren sondern an der Jetzt Zeit. Diese Leute befriedigen zu großen Teilen nur die Raffgier der vermögenden und sind irgendwie auch Opfer. Das Problem liegt warscheinlich darin, das Sie eine Regierung wählen können und die Reichen sich eine Kaufen können. Würde die Regierung für die Mehrheit da sein, so wären längst Gesetze auf den Weg gebracht, die Steuerhinterziehung etc. strenger bestrafen würden. Und das nicht nur National sondern international. Nur kein Land will das im Wettbewerb um die niedrigsten Steuern und Besten Bedingungen für die wirklich Reichen. Das wußte schon Heinrich Heine "Weltlauf Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben — Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur, die etwas haben".
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