Verarmte Fischer in England: Geblieben ist nur die Sehnsucht nach dem Meer
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Verarmte Fischer in England: Geblieben ist nur die Sehnsucht nach dem Meer

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari

Verarmte Fischer in England Der Stolz der Abgehängten

Tiefer Frust und eine Sehnsucht nach dem Leben von früher: In der englischen Hafenstadt Grimsby wird deutlich, warum so viele Menschen für den Brexit stimmten.
Der "Square": Im Herzen des verarmtem Viertels East Marsh in der nordenglischen Hafenstadt Grimsby wohnen bis zu 20 frühere Fischer in einem Sozialwohnblock; ihre Miete wird von zwei Hilfsorganisationen für verarmte Fischer bezuschusst. Der junge Londoner Fotograf Faraz Pourreza-Jorshari besuchte die Bewohner über einen Zeitraum von acht Monaten. Er beobachtete nicht nur ihr Elend, sondern auch die Sehnsucht nach dem, was sie einmal waren: Stolze Fischer in Grimsby, früher das globale Zentrum der Hochseefischerei. Ihr Niedergang war steil, ebenso der von Grimsby.

Der "Square": Im Herzen des verarmtem Viertels East Marsh in der nordenglischen Hafenstadt Grimsby wohnen bis zu 20 frühere Fischer in einem Sozialwohnblock; ihre Miete wird von zwei Hilfsorganisationen für verarmte Fischer bezuschusst. Der junge Londoner Fotograf Faraz Pourreza-Jorshari besuchte die Bewohner über einen Zeitraum von acht Monaten. Er beobachtete nicht nur ihr Elend, sondern auch die Sehnsucht nach dem, was sie einmal waren: Stolze Fischer in Grimsby, früher das globale Zentrum der Hochseefischerei. Ihr Niedergang war steil, ebenso der von Grimsby.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
"Diese Ex-Fischer verbringen ihre letzten Jahre damit, in ihren Vorgärten zu trinken", sagt Fotograf Pourreza-Jorshari. Früher, auf den Hochseefisch-Trawlern, während der langen Zeit auf dem Meer, gehörte die Flasche Rum und der Kasten Bier ebenfalls zum Alltag. Nun aber, so der Fotograf, ist es vorbei mit der Fischerei, nur der Alkohol ist geblieben.

"Diese Ex-Fischer verbringen ihre letzten Jahre damit, in ihren Vorgärten zu trinken", sagt Fotograf Pourreza-Jorshari. Früher, auf den Hochseefisch-Trawlern, während der langen Zeit auf dem Meer, gehörte die Flasche Rum und der Kasten Bier ebenfalls zum Alltag. Nun aber, so der Fotograf, ist es vorbei mit der Fischerei, nur der Alkohol ist geblieben.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
In der Gemeinschaft des "Square" nimmt John Green - genannt Chukka - eine herausgehobene Stellung ein. 1974 fing er als Fischer an, nun lebt er bereits seit sechs Jahren in der Sozialsiedlung. Bei den anderen Bewohnern ist sein Ruf als harter Kerl unter den Fischern lebendig geblieben - einer, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt. "Chukka ist enorm stolz auf die Geschichte seiner Stadt, auf das Erbe der Fischerei", sagt Pourreza-Jorshari. Und Chukka sieht in diesem Stolz das entscheidende Bindeglied zwischen den Bewohnern des "Square"; er gebe der Gemeinschaft Stärke.

In der Gemeinschaft des "Square" nimmt John Green - genannt Chukka - eine herausgehobene Stellung ein. 1974 fing er als Fischer an, nun lebt er bereits seit sechs Jahren in der Sozialsiedlung. Bei den anderen Bewohnern ist sein Ruf als harter Kerl unter den Fischern lebendig geblieben - einer, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt. "Chukka ist enorm stolz auf die Geschichte seiner Stadt, auf das Erbe der Fischerei", sagt Pourreza-Jorshari. Und Chukka sieht in diesem Stolz das entscheidende Bindeglied zwischen den Bewohnern des "Square"; er gebe der Gemeinschaft Stärke.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Chukka ist harter Trinker, wie die meisten Bewohner des "Square". Bereits in der Zeit auf See gehörte Alkohol zum Alltag, nachdem sie arbeitslos wurden, wurde er zur einzigen Flucht, sagt Fotograf Faraz Pourreza-Jorshari. Chukka wacht in der Regel um fünf Uhr morgens auf und startet mit Bier aus der Dose und Whiskey in den Tag. Gemeinsam mit Carla, die hier neben ihm auf dem Sofa sitzt, und "dem Rest der Gang", trinkt er durchgehend bis Mitternacht, erzählt der Fotograf. "Chukka ist komplett abhängig. Die Ärzte haben ihm noch zwei Jahre gegeben, seine Leber ist irreversibel geschädigt. Aber er hat sich dazu entschieden, sich weiter selbst zu zerstören." Drei der Bewohner des "Square" starben binnen sechs Monaten an den Folgen ihrer Alkoholsucht.

Chukka ist harter Trinker, wie die meisten Bewohner des "Square". Bereits in der Zeit auf See gehörte Alkohol zum Alltag, nachdem sie arbeitslos wurden, wurde er zur einzigen Flucht, sagt Fotograf Faraz Pourreza-Jorshari. Chukka wacht in der Regel um fünf Uhr morgens auf und startet mit Bier aus der Dose und Whiskey in den Tag. Gemeinsam mit Carla, die hier neben ihm auf dem Sofa sitzt, und "dem Rest der Gang", trinkt er durchgehend bis Mitternacht, erzählt der Fotograf. "Chukka ist komplett abhängig. Die Ärzte haben ihm noch zwei Jahre gegeben, seine Leber ist irreversibel geschädigt. Aber er hat sich dazu entschieden, sich weiter selbst zu zerstören." Drei der Bewohner des "Square" starben binnen sechs Monaten an den Folgen ihrer Alkoholsucht.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Chukka umarmt seinen engen Freund Steven. Beide waren bereits auf See als Fischer Kollegen. Ihre Freundschaft wurde in den vielen gemeinsamen Jahren im "Square" noch enger. Viele Bewohner haben einander bei den vielen Problemen des Alltags - kein Geld, kein Essen - unterstützt, erzählt Pourreza-Jorshari. Alle Bewohner des "Square" sind geschieden. Die Arbeitslosigkeit habe ihnen alle Möglichkeiten genommen und auch ihr Selbstachtung, ihr Leben sei unerträglich leer gewesen, das Trinken die einzige Flucht. Ihre Ehen haben das nicht überstanden, sagt der Fotograf.

Chukka umarmt seinen engen Freund Steven. Beide waren bereits auf See als Fischer Kollegen. Ihre Freundschaft wurde in den vielen gemeinsamen Jahren im "Square" noch enger. Viele Bewohner haben einander bei den vielen Problemen des Alltags - kein Geld, kein Essen - unterstützt, erzählt Pourreza-Jorshari.

Alle Bewohner des "Square" sind geschieden. Die Arbeitslosigkeit habe ihnen alle Möglichkeiten genommen und auch ihr Selbstachtung, ihr Leben sei unerträglich leer gewesen, das Trinken die einzige Flucht. Ihre Ehen haben das nicht überstanden, sagt der Fotograf.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Bob hat ein Bein auf hoher See bei einem Unfall verloren, das war bereits 1963. Dennoch heuerte er zwei Jahre später wieder an und blieb 30 weitere Jahre lang Hochseefischer. Unter den Fischern in der Region genieße Bob den höchsten Respekt, sagt Fotograf Pourreza-Jorshari. Für Bob ist der "Square" allerdings nicht der Hort der Geborgenheit, der er für viele andere Bewohner ist. Ihm fehlt es an Privatsphäre, seine Enkel kommen nie zu Besuch, zu sehr ängstigt sie der "Square". Bob möchte die Sozialsiedlung verlassen, nicht zuletzt nach den drei Toten durch den Alkohol. Den "Square" und seine Trinkerkultur verändere die Leute zum Schlechten. Und seine einstmals gute Beziehung zu Chukka habe sich zunehmend verschlechtert, seit Chukka alkoholabhängig sei.

Bob hat ein Bein auf hoher See bei einem Unfall verloren, das war bereits 1963. Dennoch heuerte er zwei Jahre später wieder an und blieb 30 weitere Jahre lang Hochseefischer. Unter den Fischern in der Region genieße Bob den höchsten Respekt, sagt Fotograf Pourreza-Jorshari.

Für Bob ist der "Square" allerdings nicht der Hort der Geborgenheit, der er für viele andere Bewohner ist. Ihm fehlt es an Privatsphäre, seine Enkel kommen nie zu Besuch, zu sehr ängstigt sie der "Square". Bob möchte die Sozialsiedlung verlassen, nicht zuletzt nach den drei Toten durch den Alkohol. Den "Square" und seine Trinkerkultur verändere die Leute zum Schlechten. Und seine einstmals gute Beziehung zu Chukka habe sich zunehmend verschlechtert, seit Chukka alkoholabhängig sei.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Ein typischer Sommer-Nachmittag im "Square": Die Ex-Fischer trinken ohne Pause - morgens Dosenbier, tagsüber dann der Wechsel zum Whiskey -, rauchen und hören AC/DC in voller Lautstärke. Viele von ihnen haben ernsthafte gesundheitliche Probleme.

Ein typischer Sommer-Nachmittag im "Square": Die Ex-Fischer trinken ohne Pause - morgens Dosenbier, tagsüber dann der Wechsel zum Whiskey -, rauchen und hören AC/DC in voller Lautstärke. Viele von ihnen haben ernsthafte gesundheitliche Probleme.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Carla gehört seit mehr als 30 Jahren zu den engsten Freunden von Chukka und Bob. Sie teilen die Erfahrung gescheiterter Ehen, führen aus Überzeugung eine offene Beziehung. Carla ist selbst Tochter eines Fischers, der sein Leben auf hoher See verlor, als sie noch ein junges Kind war.

Carla gehört seit mehr als 30 Jahren zu den engsten Freunden von Chukka und Bob. Sie teilen die Erfahrung gescheiterter Ehen, führen aus Überzeugung eine offene Beziehung. Carla ist selbst Tochter eines Fischers, der sein Leben auf hoher See verlor, als sie noch ein junges Kind war.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Pete ist erst kürzlich im "Square" eingezogen - nach der Trennung von seiner Frau, die er auch auf den Verlust des Fischer-Jobs zurückführt. "Als wir noch zur See fuhren, war ich glücklicher mit ihr", erzählt Pete. "Auf Landurlaub haben wir beide es krachen lassen. Aber als wir dann jeden Tag gemeinsam verbrachten, haben wir es nicht mehr miteinander ausgehalten. Überhaupt nicht mehr." Das zerrüttete Familienleben habe seinen Sohn drogenabhängig werden lassen, er habe das Hab und Gut der Familie verkauft, um sich den Stoff leisten zu können. Am Ende habe Pete seine Frau vor die Wahl gestellt, entweder er verlasse das Haus oder der Sohn. Die Frau habe sich für ihr Kind entschieden. "Gut, habe ich gesagt, dann gehe ich, ich werde dir alles überlassen. Und das habe ich auch getan."

Pete ist erst kürzlich im "Square" eingezogen - nach der Trennung von seiner Frau, die er auch auf den Verlust des Fischer-Jobs zurückführt. "Als wir noch zur See fuhren, war ich glücklicher mit ihr", erzählt Pete. "Auf Landurlaub haben wir beide es krachen lassen. Aber als wir dann jeden Tag gemeinsam verbrachten, haben wir es nicht mehr miteinander ausgehalten. Überhaupt nicht mehr." Das zerrüttete Familienleben habe seinen Sohn drogenabhängig werden lassen, er habe das Hab und Gut der Familie verkauft, um sich den Stoff leisten zu können. Am Ende habe Pete seine Frau vor die Wahl gestellt, entweder er verlasse das Haus oder der Sohn. Die Frau habe sich für ihr Kind entschieden. "Gut, habe ich gesagt, dann gehe ich, ich werde dir alles überlassen. Und das habe ich auch getan."

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
Derrick wird von den anderen Bewohnern Noddy genannt. Er ist mit 67 Jahren der Älteste am "Square". Fischer wurde er 1964, zu den besten Zeiten. Und er hat den drastischen Niedergang der Fischerei in Grimsby miterlebt. Sein Auge verlor er durch einen Tumor, den er nicht behandeln ließ, bis er das Augenlicht verlor. Eines Tages boten ihm die anderen Bewohner im Scherz an, für ein Glasauge zusammenzulegen, erzählt Fotograf Pourreza-Jorshari. Derrick habe abgelehnt, er wolle ja schließlich keine zwei verschiedenfarbige Augen haben. Derartige Frotzeleien helfen den Bewohnern, ihre tiefe Verzweiflung zu überspielen, sagt Pourreza-Jorshari.

Derrick wird von den anderen Bewohnern Noddy genannt. Er ist mit 67 Jahren der Älteste am "Square". Fischer wurde er 1964, zu den besten Zeiten. Und er hat den drastischen Niedergang der Fischerei in Grimsby miterlebt. Sein Auge verlor er durch einen Tumor, den er nicht behandeln ließ, bis er das Augenlicht verlor. Eines Tages boten ihm die anderen Bewohner im Scherz an, für ein Glasauge zusammenzulegen, erzählt Fotograf Pourreza-Jorshari. Derrick habe abgelehnt, er wolle ja schließlich keine zwei verschiedenfarbige Augen haben. Derartige Frotzeleien helfen den Bewohnern, ihre tiefe Verzweiflung zu überspielen, sagt Pourreza-Jorshari.

Foto: Faraz Pourreza-Jorshari
fdi