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16. Januar 2019, 11:27 Uhr

Harter Brexit oder neues Referendum

May-Niederlage spaltet Topökonomen in zwei Lager

Nach der Abstimmung im Unterhaus geht die Brexit-Hängepartei weiter. Wirtschaftsexperten sind sich uneins, ob der harte Brexit nun unausweichlich ist - oder die Chancen für ein zweites Referendum steigen.

Am Morgen nach Theresa Mays deutlicher Abstimmungsniederlage im britischen Unterhaus könnten die Meinungen unter Wirtschaftsexperten kaum noch weiter auseinander gehen, was daraus folgen wird. Ein Beispiel: Um 9:43 Uhr verschickt die Analysefirma CMC Markets eine Pressemitteilung, nun lägen endlich wieder "alle Optionen auf dem Tisch". Mit der Abstimmung im Parlament steige die Wahrscheinlichkeit für einen "späteren oder gar keinen Brexit".

Ganz anders sieht das der Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Er schreibt um 10:06 Uhr: "Mit der Ablehnung des ausgehandelten Vertrages ist ein ungeregelter harter Brexit wahrscheinlicher denn je."

Mehr Zeit für einen besseren Deal - oder sogar eine neue Abstimmung?

Die Mehrheit der Topökonomen angesehener Forschungsinstitute und großer Verbände sehen Großbritannien jetzt ungebremst auf den harten Brexit zusteuern.

Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, steht stellvertretend für diese Richtung. Er nennt das Ergebnis der Abstimmung "tragisch", ein Abschied der Briten ohne Abkommen werde jetzt sehr wahrscheinlich. "Ein 'No Deal' bedeutet nicht einfach nur Güterhandel mit Zöllen, sondern dürfte den Handel zwischen der EU und Großbritannien vorübergehend komplett zum Erliegen bringen", warnt Snower.

Ähnlich argumentieren auch DIHK-Präsident Eric Schweitzer, Iris Bethge vom Bundesverband öffentlicher Banken (VÖB) und Bitkom-Präsident Achim Berg. Der Außenhandelsverband BGA sieht Europa und Großbritannien auf dem Weg zum "denkbar schlechtesten Szenario".

Die Einschätzungen vieler Börsenanalysten und anderer Marktbeobachter hebt sich davon allerdings deutlich ab. "Es ist wahrscheinlich, dass die Regierung eine Fristverlängerung des Artikels 50 beantragt", sagt etwa Nigel Green, Chef der Finanzberatung Devere. "Je länger der Brexit-Prozess dauert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines 'No Deal' und desto größer ist die Chance eines zweiten Referendums oder eines sanften Brexit."

"Neuwahlen oder ein erneutes Referendum sind damit wesentlich wahrscheinlicher geworden, aber auch das Risiko eines ungeordneten Ausstiegs ist deutlich gestiegen", glaubt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer dürften sich Großbritannien und die EU darauf einigen, den Austrittstermin um drei Monate auf Ende Juni zu verschieben, um Zeit zu gewinnen.

Börsen reagieren stabil

"Vermutlich reift in dieser Phase in Großbritannien die Einsicht, die Briten ein zweites Mal über den Brexit abstimmen zu lassen. Das halte ich für wahrscheinlicher als einen ungeordneten Brexit, der zu großen wirtschaftlichen Problemen führen würde." Zugleich kritisierte Krämer, dass die EU Großbritannien in der Nordirland-Frage nicht stärker entgegengekommen sei. Es räche sich nun, "dass die EU Großbritannien abstrafen wollte, um andere potenzielle Austrittskandidaten abzuschrecken". Nicht die Angst vor den Folgen eines Austritts, "sondern nur die eigene Attraktivität hält die EU langfristig zusammen".

Auch Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts, appelliert an die EU ebenso wie an die Briten, ihre bisherigen Positionen zu verlassen und weiter zu verhandeln. "Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden", sagt Fuest. Alles andere wäre ein "nicht akzeptables Politikversagen". Ifo-Ökonom Gabriel Felbermayr zeigt Verständnis für das Abstimmungsverhalten des Unterhauses, da Großbritannien sonst zu einer "Handelskolonie" herabgestuft worden wäre. Die EU solle mit ihrem "politischen Dogma" der vier Freiheiten - beim Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen - brechen und in den Verhandlungen Großbritannien etwa zugestehen, die Personenfreizügigkeit einzuschränken, fordert Felbermayr.

So unentschlossen wie die Ökonomen ist bislang auch die erste Reaktion der Finanzmärkte ausgefallen.

beb/dpa/Reuters

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