Angst vor Chlorhühnchen und Hormonfleisch US-Botschafter spricht von britischer "Schmutzkampagne"

Die USA drängen auf freien Agrar-Handel nach dem Brexit. Die Briten wollen aber weder Chlorhühnchen noch Hormonfleisch. Nun wettert der US-Botschafter per Zeitungsartikel gegen die Bedenken - mit drastischen Worten.

Britischer US-Botschafter Woody Johnson
REUTERS

Britischer US-Botschafter Woody Johnson


Seit Donald Trump Präsident ist, fällt so mancher Botschafter der USA durch eher undiplomatisches Verhalten auf. Das jüngste Beispiel dafür hat nun Amerikas Statthalter in Großbritannien geliefert: Woody Johnson kritisiert in einem Gastbeitrag für den "Daily Telegraph" britische Bedenken vor einem umfassenden Marktzugang für US-Agrarprodukte harsch - und wettert nebenbei gegen die strengeren EU-Standards für Lebensmittel.

Bereits bei den vorläufig gescheiterten Verhandlungen für das Freihandelsabkommen TTIP hatten vor allem die amerikanischen Regelungen zum Gebrauch von Pestiziden in der Landwirtschaft, Chlorbädern für frischgeschlachtete Hühner und Hormonen in der Fleischproduktion die massiven Proteste von Bürgern in vielen EU-Staaten befeuert.

Als am Donnerstag ein Papier der US-Regierung bekannt wurde, in dem sie offensiv einen weitgehend ungehinderten Export von Agrarprodukten als Bestandteil eines künftigen Handelsabkommens mit Großbritannien forderte, weckte das diese Sorgen erneut. Der britische Bauernverband lehnt eine Absenkung der Standards einem Bericht des "Guardian" zufolge ebenso vehement ab wie einer der bekanntesten Gastronomiekritiker des Landes, der Journalist Jay Rayner.

Für den US-Botschafter in London sind die Reaktionen völlig unverständlich, wie er in seinem Gastbeitrag klarmacht: Allein die Bezeichnungen "Chlorhühnchen" und "Hormonfleisch" seien hetzerisch und verleumderisch, schreibt Johnson. Die Begriffe seien gezielt geprägt worden, um die US-Landwirtschaft im schlechtestmöglichen Licht erscheinen zu lassen. Nun sei es an der Zeit, derartige Mythen als das zu bezeichnen, was sie in Wirklichkeit seien: eine Hetzkampagne von Protektionisten, so der US-Botschafter, selbst Multimilliardär und Mitglied der Gründerdynastie des Konsumgüterkonzerns Johnson & Johnson.

EU als "Landwirtschaftsmuseum"

Dann teilt Johnson gegen die relativ strengen europäischen Lebensmittelvorschriften aus: Die EU verfolge den Ansatz eines "Landwirtschaftsmuseums", während US-Farmer alle modernen technologischen Möglichkeiten nutzten, die nötig seien, um eine wachsende Erdbevölkerung zu ernähren, und zwar auf nachhaltige und gesunde Weise. Rinder mit Wachstumshormonen zu behandeln ermögliche es, mehr Fleisch zu geringeren Kosten sowohl für Verbraucher als auch die Natur zu produzieren.

Die Chlorbäder für frischgeschlachtete Hühner, so Johnson weiter, seien ein "public safety no-brainer" - frei übersetzt eine Selbstverständlichkeit beim Konsumentenschutz. Diese Methode sei die effektivste und wirtschaftlichste, um potenziell tödliche Salmonellen und Bakterien abzutöten - zudem gleiche der Vorgang dem, mit dem die Bauern in der EU Gemüse und Früchte behandelten, behauptet der US-Botschafter laut dem "Guardian".

Zumindest was die Chlorbäder betrifft, dürfte Johnsons Suada die wenigsten skeptischen Briten überzeugen. Auf Twitter reagierte der Journalist und Gastrokritiker Rayner postwendend auf die Argumente des US-Botschafters.

Im Gegensatz zu Johnsons Aussagen seien Chlorhühnchen gefährlich, so Rayner. "Wir sollten ihm sagen, wo er sie sich hinstecken kann", fordert er seine mehr als 230.000 Follower auf. Der Journalist verlinkt dann eine Studie Universität Southampton, wonach Chlorbäder tödliche Keime eben nicht zuverlässig unschädlich machten. "In der Studie geht es um Salat, aber der Studienleiter hat mir versichert, dass sie auch auf Hühnchen anwendbar ist", so Rayner.

Auch bei der britischen Regierung hat der US-Botschafter noch einiges an Überzeugungsarbeit vor sich. "Wir haben immer schon sehr deutlich gemacht, dass wir unsere Lebensmittelstandards nicht im Rahmen künftiger Handelsabkommen senken werden", hatte eine Sprecherin von Premierministerin Theresa May als Reaktion auf die US-Forderungen mitgeteilt.

fdi

insgesamt 110 Beiträge
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sven2016 02.03.2019
1. Sehr schön. Sollen die Amerikaner doch
dort den Hunger der Welt stillen, wo er akut ist. Hohe Preise werden sie in den Ländern nicht erzielen, aber das ist angeblich nicht der Hauptzweck. Es gibt eine Menge Produkte auch aus den USA, vor denen europäische Verbraucher geschützt werden sollten, auch aus „Gründen der nationalen Sicherheit“, einige Autotypen und Lebensmittel gehören dazu. Der Begriff „Diplomat“ ist inzwischen auch für dieses Land obsolet.
Havel Pavel 02.03.2019
2. "Europäische" Werte
Die EU versteht sich doch auch als "Wertegeminschaft" und warum sollte man hier ausgerechnet eines der wichtigsten Kriterien, nämlich die Nahrungsmittel schlechthin, davon ausnehmen. Man kennt die begannenen Fehler in aller Regel recht gut und weiss woran man festhalten muss bzw. was zu verändern ist. Sich ausschliesslich von wirtschaftlichen Gesichtspunkten hier leiten zu lassen wäre höchst kurzsichtig und unklug! Auch wenn die Briten bald nicht mehr der EU angehören wissen sie wohl die hohen Standards zu schätzen und werden sie auch überwiegend weiterhin beibehalten.
max-mustermann 02.03.2019
3. Wie rührend...
"Die EU verfolge den Ansatz eines "Landwirtschaftsmuseums", während US-Farmer alle modernen technologischen Möglichkeiten nutzten, die nötig seien, um eine wachsende Erdbevölkerung zu ernähren, und zwar auf nachhaltige und gesunde Weise. " Na dann steht es der USA doch frei diese super tollen Nahrungsmittel an die hungerleidenden Menschen in Afrika usw. zu liefern. Und keine Angst wir Europäer werden trotzdem nicht verhungern.
hellas16 02.03.2019
4. Nur der Anfang!
Gottseidank leben wir in der EU. Das Beispiel zeigt, wie ein Land erpressbar wird, wenn es allein auf weiter Flur steht. Auch Deutschland ist viel zu klein, um sich gegen handelspolitische Machtspiele der USA oder auch Chinas zu behaupten.
Atheist_Crusader 02.03.2019
5.
Das hat man dann davon, wenn man aus albernen Gründen den größten Handelsblock der Welt verlässt und damit 80-90% seines Verhandlungsgewichts aufgibt: die Wölfe spüren Schwäche und deuten schonmal an, dass künftig die Nahrungskette umorganisiert wird. Hätte ich den Briten gleich sagen können. Ich bin sogar sicher, dass eine ganze Menge Leute das im Vorfeld des Referendums schon getan haben. Aber man wollte ja nicht hören. Man glaubte an die Solidarität anderer Nationalisten (generell eine dumme Idee, Egoismus ist keine Basis für Kooperation) - und bevor der Austritt ganz vollzogen ist, lassen die jetzt schon die Maske fallen. Das einzig überraschende ist, dass sie nicht noch einen Monat damit gewartet haben. Mein Mitleid ist wie üblich für jene reserviert, die den ganzen Brexit-Unsinn nie gewollt haben. Für alle anderen ist es exakt das wofür sie gestimmt haben.
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