Wirtschaft in Großbritannien So kommen deutsche Firmen durch die Brexit-Krise

2500 deutsche Firmen mit 400.000 Mitarbeitern sind in Großbritannien aktiv. Was tun nach dem Brexit-Votum? Unternehmer und Beschäftigte sollten schon jetzt einiges beachten.

Produktion von Mini-Fahrzeugen im Werk Oxford (Großbritannien)
DPA/BMW AG

Produktion von Mini-Fahrzeugen im Werk Oxford (Großbritannien)

Aus London berichtet


Einen "grünen Hafen" baut Siemens in der britischen Hafenstadt Hull, nicht weit vom berühmten Nationalpark Yorkshire Dales. Auf dem Gelände entsteht eine gigantische Fabrik mit 1000 Angestellten, in der riesige Rotorblätter für Hochseewindparks gefertigt werden. 310 Millionen Pfund nehmen die Deutschen dafür in die Hand.

Siemens hatte für den Standort große Pläne - doch aus denen wird nun erst einmal nichts.

"Die Produktion für Großbritannien wird zwar wie geplant fortlaufen", sagt Jürgen Maier, der Großbritannien-Chef von Siemens, zu SPIEGEL ONLINE. "Aber wir wollten von Hull aus auch Windrotoren in die ganze EU, besonders in andere Nordseeländer exportieren."

Nun könnte Großbritannien schlimmstenfalls zum EU-Drittstaat werden, und Siemens müsste schlimmstenfalls Zölle auf seine Ausfuhren in die EU zahlen. "Entsprechend liegen unsere Pläne, eine EU-weite Exportindustrie für Windkraft aufzubauen, vorerst auf Eis", sagt Maier.

Auch Pläne, in Hull Windräder der nächsten Generation zu erforschen, sind zunächst on hold. Denn dafür hatte sich Siemens EU-Fördergelder erhofft. "Nun müssen wir erst einmal sehen, was da noch möglich ist", sagt Maier.

Siemens-Modell für den Standort Hull
Siemens

Siemens-Modell für den Standort Hull

Siemens ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, dem der Brexit das Leben schwer macht. Rund 2500 Firmen aus der Bundesrepublik sind nach Angaben der deutschen Außenhandelskammer (AHK) im Vereinigten Königreich aktiv, rund 400.000 Mitarbeiter beschäftigen sie.

Unter den Firmen finden sich Großkonzerne wie der Anlagenbauer Linde, der rund neun Prozent seines Umsatzes in Großbritannien macht. Oder der Autohersteller BMW, der seinen Kleinwagen Mini auf der Insel produziert. Dazu sind viele deutsche Mittelständler und Kleinunternehmer in Großbritannien aktiv: Hersteller von Biogasanlagen, Rechtsberater, Übersetzungsbüros.

All diese Unternehmen, so unterschiedlich ihre Geschäftsmodelle auch sind, haben eines gemein: Sie fühlen sich verunsichert und verloren. Sie rätseln, wie sehr sich ihre Geschäftsbedingungen durch den Brexit verschlechtern; sie fragen sich, was sie schon jetzt unternehmen können und was mit ihren Angestellten geschieht.

Was deutsche Firmen beachten sollten

Die Außenhandelskammer AHK hat versucht, etwas Orientierung zu schaffen. Sie hat auf ihrer Website (PDF) zentrale Informationen für deutsche Unternehmer veröffentlicht. Die erste Botschaft: don't panic. Bis die Folgen des Referendums greifen, seien noch mindestens zwei Jahre Zeit, schreibt die AHK. Zudem seien vor allem die Aussichten für den Waren- und Güterverkehr gar nicht mal so schlecht.

Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass die EU und Großbritannien nach dem Brexit ein neues Freihandelsabkommen vereinbaren, schreibt die AHK. Darin könnte unter anderem Zollfreiheit für den Güterverkehr vereinbart werden. Es seien aber auch weitergehende Liberalisierungen denkbar, zum Beispiel in den Bereichen Dienstleistungen, Investitionen oder beim Kapitalverkehr.

Es gibt also zumindest Chancen, dass sich die Geschäftsbedingungen für deutsche Firmen nicht allzu sehr verschlechtern. Der bürokratische Aufwand indes dürfte in jedem Fall steigen. Denn selbst wenn die Firmen keine Zölle zahlen - sie müssten für die Ein- und Ausfuhr von Waren dennoch förmliche Zollanmeldungen abgeben. Unternehmer sollten das schon jetzt im Hinterkopf behalten - und frühzeitig vorsorgen.

Was deutsche Expats tun sollten

Auch den rund 400.000 Mitarbeitern deutscher Firmen raten Experten zu raschem Handeln. "Deutsche Expats sollten möglichst bald zu den zuständigen Behörden gehen und ihre Renten-, Arbeitslosen-, Sozial- und Krankenversicherungsbeiträge dokumentieren lassen", sagt Omer Dotou von der BDAE-Gruppe, die Unternehmen bei der Entsendung von Mitarbeitern ins Ausland berät.

Denn wenn Großbritannien die EU verlässt, fallen auch die einheitlichen Regelungen des EU-Arbeitsmarkts weg. "Wer nicht riskieren will, dass seine Ansprüche verfallen, sollte jetzt besser vorsorgen", sagt Dotou SPIEGEL ONLINE.

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In puncto Aufenthaltsrecht sollten sich Expats ebenfalls auf dem Laufenden halten. Denn mit dem Brexit droht auch die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit zu enden - das Recht eines jeden EU-Bürgers, überall in der Europäischen Union zu leben und zu arbeiten.

Gleichzeitig führt Großbritannien im April 2017 verschärfte Visaregeln ein, denen zufolge Einwanderer zum Beispiel einen Bachelorabschluss und erste Berufserfahrungen nachweisen müssen. "Deutsche, die in Großbritannien arbeiten oder das bald vorhaben, sollten lieber frühzeitig prüfen, ob sie die neuen Visabedingungen erfüllen", sagt Dotou.

Immerhin: Bei der Einkommensteuer dürfte sich vorerst nichts ändern. Denn die ist über ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Großbritannien geregelt. Das bleibt unabhängig vom Brexit bestehen.



insgesamt 26 Beiträge
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spon_3308703 04.07.2016
1. Laßt die erstmal zügig raus
noch nicht mal raus und die gehen einem so was von auf den Sack. Jahrelang hat man von den Engländer außer Gegröhle im Urlaub und Genörgel in der EU nichts gehört und jetzt tun alle so als seien die der Nabel der Welt. Keine Sorge,die können von der Erde nicht weg!
spon_3308703 04.07.2016
2. Was sind Expats?
Ich kann es mir zwar denken aber sollte man trotzdem vorwegschicken!
INGXXL 04.07.2016
3. Das Beispiel Siemens zeigt
was das Schlimmste daran ist. Die fehlende Planungssicherheit. Jetzt soll erst ein Antrag Ende des Jahres gestellt werden. Dann 2 Jahre verhandeln. Vielleicht verweigert das Parlament die Zustimmung zum Austrittsantrag. Was dann? Neuwahlen?
echoanswer 04.07.2016
4. Das schlimmst ist ...
dass die Brexit-Verursacher, die offenbar nur alte Studentenrivalitäten begleichen wollten, spurlos verschwunden sind. Das ist einem EU-Staat, der auch noch ernst genommen werden will, unwürdig.
Ch_Kolumbus 04.07.2016
5. Bitte mehr Informationen
Lieber Spiegel, bitte genauere Informationen, wie man sich als Deutscher in Großbritannien jetzt verhalten soll. Viele Auslandsdeutsche würden es wertschätzen. Zum Beispiel zum aktuellen Beitrag: soll man sich die Versicherungsbeiträge bei den deutschen oder englischen Behörden dokumentieren lassen. Mit ist nur bekannt, dass sich Rentenjahre in Großbritannien in den deutschen Rentenverlauf eintragen lassen.
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