Britische Bürger im Ausland "Alles ist außer Kontrolle"

Rund 1,2 Millionen Briten leben im EU-Ausland. Der Brexit macht ihr Leben teurer und komplizierter - für manche geht es um die Existenz. Fünf Betroffene erzählen.
Foto: Franck Prevel / Getty Images

Sie werden Verlierer des Brexits sein. Das ist so ziemlich das einzige, was die Auslandsbriten über den Tag X wissen. "Wir sind verunsichert, viele von uns haben Angst vor der Zukunft", sagt Jane Golding. "Der Brexit bedroht das Leben, das wir uns mit unseren Familien in anderen EU-Ländern aufgebaut haben." Die 54-jährige Wahl-Berlinerin ist die Vorsitzende von British in Europe, der größten Bürgerplattform für britische Expats auf dem Kontinent.

Mindestens 1,2 Millionen britische Staatsbürger leben in den übrigen 27 EU-Staaten. Schon bei einem Austritt mit dem von Theresa May ausgehandelten Abkommen würden ihnen gravierende Nachteile drohen: beruflich wie privat. Schon jetzt hat der niedrige Wechselkurs des Pfunds das Leben im Ausland für alle Briten teurer gemacht. Und noch viel schlimmer könnte alles werden, sollte Premier Boris Johnson einen harten, ungeregelten Brexit durchsetzen.

"Wir leben seit drei Jahren in Unsicherheit", sagt Golding. Aber seit Johnson und die Brexiteers an der Macht seien, sei die Nervosität noch einmal stark gestiegen. " Viele Menschen in Großbritannien haben das Vorurteil, dass wir alle Rentner sind, die es sich hier gut gehen lassen", sagt Golding. "Tatsächlich sind fast 80 Prozent von uns im arbeitsfähigen Alter oder jünger. Viele müssen grundlegende Entscheidungen für ihr Leben treffen. Aber sie können es nicht. Denn niemand weiß, was passieren wird."

Im SPIEGEL erzählen fünf Auslandsbriten, wie der bevorstehende Brexit ihnen das Leben schwer macht.

Helen Mallaburn, 42, Catering-Unternehmerin, lebt in Saint-Jean-de-Belleville, Frankreich

Helena Mallaburn

Helena Mallaburn

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"Wenn der Brexit kommt, werden mein Mann Duncan und ich vielleicht die Hälfte unseres Einkommens verlieren. Wir haben in den französischen Alpen ein Catering-Unternehmen. Im Winter haben wir immer gut zu tun: dann beliefern wir Gruppen von Wintersportlern, die in den 'Trois Vallées' Skifahren gehen. Unsere Kunden kommen aus ganz Europa: Briten, Franzosen, Türken, Belgier oder auch mal Deutsche. Aber im Sommer ist hier nicht viel los. Deswegen ziehen wir dann immer in andere Länder, zum Beispiel nach Griechenland oder Italien, um dort für Urlauber zu kochen.

Das geht künftig nicht mehr so einfach. Wenn es einen Brexit mit dem Deal gibt, den Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, verlieren wir bald unsere Freizügigkeit. Wir können dann zwar noch in Frankreich arbeiten, aber in anderen EU-Ländern können wir nicht mehr ohne weiteres einen Job annehmen. Dann brauchen wir ein Arbeitsvisum, das ist wahrscheinlich nicht so leicht zu bekommen.

Und wenn es einen harten Brexit gibt? Dann haben wir gar keinen Schutz. Dann müssen wir darauf hoffen, dass uns die französischen Behörden gut behandeln. Immerhin haben wir gerade unsere Aufenthaltserlaubnis gekriegt. Wir haben auch die französische Staatsbürgerschaft beantragt. Aber das dauert wahrscheinlich noch mindestens zwei Jahre, und man muss einen guten Verdienst vorweisen. Wenn wir jetzt die Hälfte unseres Einkommens verlieren, schaffen wir das nicht.

Wir haben beim Referendum für 'Remain' gestimmt. Damals war ich geschockt über das Ergebnis. Dann habe ich mir angeschaut, welche Lügen einige Politiker über den Brexit verbreitet haben, und ich habe verstanden, warum viele Wähler damals auf sie hereingefallen sind. Aber ich verstehe nicht, warum so viele Briten heute immer noch einen harten Brexit wollen. Wir haben hier in Frankreich unser Haus und unser Unternehmen, wir haben uns ein Leben aufgebaut. Wir wollen nicht nach Großbritannien zurück. Erst recht nicht gerade jetzt."

Louise Saberton, 50, Einkäuferin. Lebt in Pembroke, Malta.

Louise Saberton

Louise Saberton

Foto: Privat

"Wir haben 2008 geheiratet und unsere Flitterwochen auf Maltas Nachbarinsel Gozo verbracht. Danach haben wir hier jedes Jahr Urlaub gemacht. Als ein maltesisches Krankenhaus dann meinem Mann eine Stelle als Manager angeboten hat, sind wir Ende 2014 hergezogen. Wir haben unser Haus in Großbritannien verkauft, um auf Malta ein Haus zu kaufen. Aber dann kam das Brexit-Referendum, das Pfund stürzte ab - und über Nacht war das Geld auf unserem Konto viel weniger wert. Plötzlich konnten wir uns kein Haus mehr leisten. Und die Miete frisst seither unsere Ersparnisse auf.

Mein Mann hat seine Arbeit verloren, er findet keine neue. Von Personalagenturen haben wir gehört, dass viele maltesische Unternehmen zurückhaltend sind, Briten einzustellen. Sie fürchten, dass nach dem Brexit unser Status ungeklärt ist. Ich selbst importiere für einen großen maltesischen Supermarkt Produkte von Tesco aus Großbritannien: drei LKW-Ladungen jeden Monat. Der Supermarkt hat mich damit beauftragt, weil ich selbst jahrelang Tesco-Mitarbeiterin war und noch immer gute Beziehungen zu dem britischen Unternehmen habe. Aber wenn die Lebensmittel künftig verzollt werden müssen oder die LKW wegen der Kontrollen zu spät hier ankommen, dann gerät das Geschäft in Gefahr. Und vielleicht auch mein Job.

Ich war nie ein zorniger oder aggressiver Mensch. Doch das Verhalten unserer Regierung macht mich wütend. Anstatt ständig zu lügen, müssten die Politiker jetzt Lösungen für die Probleme suchen. Aber das wollen sie gar nicht. Beim Referendum hieß ihr Slogan: 'Taking Back Control'. In Wahrheit ist jetzt alles außer Kontrolle geraten."

Emily Dobson, 20 Jahre, Studentin. Lebt in Linazay, Frankreich und Rotterdam, Niederlande.

Emily Dobson

Emily Dobson

Foto: Privat

"Unsere Familie ist nach Frankreich gezogen, als ich drei Jahre alt war. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe mich dann kurz vor dem Referendum an der Universität Rotterdam eingeschrieben, um Internationale Betriebswirtschaft zu studieren. Es war immer mein Traum, für ein multinationales Unternehmen in verschiedenen Ländern zu arbeiten. Jetzt habe ich meinen Bachelor geschafft. Aber ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Nach dem Brexit wird unsere Bewegungsfreiheit innerhalb der EU eingeschränkt. Ich habe zwar jetzt vom französischen Staat eine Aufenthaltserlaubnis für zehn Jahre bekommen. Aber die verliere ich, wenn ich länger als zwei Jahre außerhalb Frankreichs lebe. Außerdem kann ich künftig in anderen EU-Ländern wohl nicht ohne weiteres arbeiten; dafür brauche ich dann wahrscheinlich ein spezielles Visum.

Wegen dieser Probleme könnte es auch bei der Job- oder Praktikumssuche ein Nachteil für mich sein, dass ich Britin bin. Daher werde ich jetzt in alle meine Bewerbungen hineinschreiben, dass ich eine Aufenthaltserlaubnis für zehn Jahre in Frankreich habe. Wenn ich die französische Staatsbürgerschaft annehmen würde, wäre ich viele Probleme los. Aber zurzeit habe ich keine Chance, sie zu kriegen, weil man dafür ein gutes Einkommen benötigt.

Gerne würde ich weiter studieren und einen Master machen. Aber ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann. Denn an vielen Hochschulen in Europa hängen die Studiengebühren davon ab, ob man als EU-Bürger betrachtet wird oder nicht. In Rotterdam etwa müssen EU-Bürger etwa 2000 Euro bezahlen, Nicht-EU-Bürger aber rund neunmal so viel. Ich weiß nicht, ob es nach dem Brexit Sonderregelungen für Fälle wie mich geben wird. Wir wissen gar nichts. Die britischen Behörden informieren uns nicht."

Roger Boaden, 79, Pensionär, lebt in Saint-Nicolas Courbefy, Frankreich

Roger Boaden

Roger Boaden

Foto: Privat

"Meine Frau und ich sind 2002 nach Frankreich gezogen. Wir hatten beide lebensbedrohliche Krankheiten hinter uns, und wir konnten es uns nicht leisten, länger in Süd-London zu leben.

Hier auf dem Land geht es uns wesentlich besser. Bevor wir das Haus gekauft haben, habe ich mich genau über die Gesundheitsversorgung informiert. Dank einer EU-Regulierung, die die Sozialsysteme der Mitgliedstaaten untereinander koordiniert, können wir das französische Gesundheitssystem genauso nutzen wie die Einheimischen. Zwei Drittel der Kosten übernimmt der britische Staat, wir haben ja viele Jahre lang daheim unsere Sozialabgaben bezahlt. Ein Drittel bezahlt unsere private Krankenversicherung.

Ich brauche acht Tabletten am Tag, unter anderem einen Blutverdünner gegen Thrombosen. Die Medikamente kosten viel Geld. Bei einem Brexit mit dem von Theresa May ausgehandelten Abkommen würde die Kostenaufteilung erst einmal erhalten bleiben. Aber wenn es einen No-Deal-Brexit gibt, dann geht es nach derzeitigem Stand nur noch sechs Monate so weiter. Das macht mir Angst. Ich könnte mir meine Medikamente alleine kaum leisten. Meine Pension kriege ich in Pfund ausbezahlt, und das Pfund war - in Euro gerechnet - 2015 fast 30 Prozent mehr wert als heute.

Nach einem harten Brexit müsste unsere Regierung ein bilaterales Anschlussabkommen mit Frankreich aushandeln - und mit den 26 anderen EU-Staaten wohl auch. Das kann lange dauern. Ich bin wütend auf die Regierung. Aber wenn es bald Neuwahlen in Großbritannien geben sollte, darf ich nicht daran teilnehmen. Denn Briten, die länger als 15 Jahre lang im Ausland leben, verlieren ihr Wahlrecht. Und hier in Frankreich darf ich nach dem Brexit auch nicht mehr wählen, nicht mal kommunal. Menschen wie wir dürfen nicht mehr mitentscheiden. Wir verlieren eines unserer grundlegenden Rechte. Das ist nicht demokratisch."

Robert Harrison, 57, Patentanwalt, lebt in Zorneding bei München, Deutschland

Robert Harrison

Robert Harrison

Foto: Privat

"Seit 27 Jahren lebe ich in Deutschland, meine Frau ist Deutsche, aber 24 Jahre lang habe ich kein einziges Mal daran gedacht, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen. Dann kam das Brexit-Referendum. Und bald danach habe ich erkannt, dass ich als Brite massive Probleme kriegen werde. Ich bin Patent- und Markenanwalt. Aber damit man hier als Europäischer Markenanwalt arbeiten kann, muss man EU-Staatsbürger sein. Als Brite würde ich nach dem Brexit meine Zulassung als Markenanwalt verlieren.

Das wäre nicht das einzige Problem. Denn ich arbeite nicht nur für deutsche Mandanten, sondern auch in Österreich, Frankreich und anderen Staaten. Das würde künftig schwer werden - selbst bei einem Brexit mit dem von Theresa May vorgeschlagenen Abkommen. Dann können in Deutschland lebende Briten zwar hier in Deutschland arbeiten, aber nicht mehr ohne Weiteres in den übrigen EU-Ländern. Und es ist unklar, ob unsere in Großbritannien erworbenen Qualifikationen überall anerkannt werden.

Ich habe deshalb hier die Einbürgerung beantragt. Habe Dokumente eingereicht, den Einbürgerungstest bestanden - und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Fast alle meine Landsleute hier, die ich kenne, versuchen das jetzt. Die deutschen Ausländerbehörden stehen uns Briten meistens wohlwollend gegenüber. Wie es heißt, hat die Stadt München sogar extra Personal für uns eingestellt. Ich kann jetzt Europäischer Markenanwalt bleiben und mit dem deutschen Pass überall in der EU herumreisen. Meine Probleme sind gelöst, der Brexit kann mir nicht mehr schaden. Aber in anderen Ländern ist es wohl viel schwieriger, sich einbürgern zu lassen."

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