Brexit-Verhandlungen Wirtschaftsverbände fordern harte Linie gegenüber Briten

Keine Milde für Großbritannien: Das ist die Haltung führender deutscher Wirtschaftsvertreter. Die Einheit der EU müsse geschützt werden - trotz möglicher kurzfristiger Verluste.

Von , Brüssel


Die Präsidenten zweier großer deutscher Wirtschaftsverbände, des DIHK und des ZDH, befürworten eine harte Haltung der restlichen EU gegenüber Großbritannien. In den anstehenden Brexit-Verhandlungen sollten die anderen 27 EU-Staaten London keinesfalls gestatten, die Zuwanderung aus der EU zu begrenzen und trotzdem Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt zu erhalten.

Die vier Grundfreiheiten der EU - der freie Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr - "gehören unmittelbar zusammen", sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), am Mittwoch in Brüssel. "Man kann nicht sagen: Bei drei Themen bin ich dabei und bei einem nicht", so Schweitzer. Wenn man das Paket der Grundfreiheiten aufschnüre, "besteht die große Gefahr, dass uns Europa auseinanderfällt".

Würde man bei den Briten eine Ausnahme machen, könnten andere Länder ebenfalls verlangen, sich die Grundfreiheiten "beliebig zusammenstellen". Das wäre ein "erheblicher Rückschritt, wenn nicht der Anfang vom Ende" des EU-Binnenmarkts. "Die wirtschaftlichen Folgen wären dramatisch", warnte Schweitzer. "Der Binnenmarkt hat einen hohen Anteil daran, dass wir Wachstum und Wohlstand in Europa haben." Um ihn zu schützen, müsse man notfalls auch kurzfristige Verluste durch einen harten Brexit in Kauf nehmen. Damit widerspricht Schweitzer anderen deutschen Wirtschaftsvertretern, die zuletzt Zugeständnisse an London gefordert hatten.

Potenzieller Schaden für deutsche Exportwirtschaft

Die britische Premierministerin Theresa May hatte vergangene Woche auf dem Tory-Parteitag klar gemacht, dass sie die Zuwanderung aus der EU auf jeden Fall beschränken will. Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Frankreichs François Hollande und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker stellten daraufhin erneut klar, dass es in diesem Fall keinen Zugang zum Binnenmarkt geben könne. Sollte es in den anstehenden Austrittsverhandlungen keine Einigung geben, droht ein harter Brexit: Großbritannien würde in den Status eines normalen Drittstaats zurückfallen, der nach WTO-Regeln mit der EU Handel betreibt - mit allen damit verbundenen Zöllen.

Das könnte nicht nur die britische, sondern auch die deutsche Wirtschaft hart treffen. Rund 750.000 Arbeitsplätze hängen laut Schweitzer in Deutschland vom Export nach Großbritannien ab, das Vereinigte Königreich sei drittgrößter Exportpartner Deutschlands. Doch auch Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), befürwortet ungeachtet potenzieller Verluste eine konsequente Linie gegenüber London. "Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten gebe ich Herrn Schweitzer voll Recht", so Wollseifer.

Allerdings müsse man dafür sorgen, dass Großbritannien nicht "zu weit abdriftet". "Großbritannien tritt aus der EU aus, nicht aus Europa", sagte Wollseifer. Dabei spielten auch andere Faktoren wie etwa die Sicherheitspolitik eine Rolle. Europa müsse aus dem Brexit lernen und "sich vielleicht ein wenig zurückhalten mit Reglementierungen und Gesetzgebungen, die sich bis in den kleinsten Betrieb hinein auswirken."



insgesamt 131 Beiträge
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okav 12.10.2016
1. Fachkräfte
Wenn wir weniger nach GB exportieren, werden wieder ein paar Facharbeiter für andere Branchen frei.
volker_morales 12.10.2016
2. Der Austritt Großbritanniens
ist tatsächlich eine große wirtschaftspolitische Chance für Deutschland. Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, dass deutsche Politiker wüßten, wie aus einer solchen Chance Kapital geschlagen werden könnte. Dies erfordert wirtschaftspolitischen Weitblick und diplomatisches Geschick. Beides scheint mir nur äßerst unterdurchschnittlich vorhanden zu sein.
Zehetmaieropfer 12.10.2016
3. Wirtschaftsverbände
In so vielen Fällen haben diese Damen und Herren in den letzten 20 Jahren nur egoistische Interessen durchgesetzt, dass dies oftmals zum Schaden für diese Gesellschaft war und sich die Folgen auf ganz Europa ausgewirkt hatten. Eine Folge des Verhaltens der deutschen Wirtschaftsverbände ist der Brexit. Aber anstatt sich in Zurückhaltung zu üben, wie es ihnen nach allem gut zu Gesicht stehen würde - ätzen und geifern sie weiter - widerlich.
traurigeWahrheit 12.10.2016
4. Tja,
wenn die Bevölkerung nicht so abstimmt, wie das die Elite erwartet (am liebsten ist dieser Elite natürlich, dass das Volk gar nicht gefragt wird), dann muss Strafe sein. Anstatt Respekt vor der mutigen Entscheidung zu haben (ganz nebenbei sind bisher alle Katastrophenszenarien ausgeblieben), holt man die Keule raus. Großbritannien wird nicht untergehen, auch wenn sich das ein bestimmter Zirkel wünscht. Das Land hat nur seine Souveränität wieder, das passt selbstverständlich nicht jedem Globalisten.
SchmidtPe 12.10.2016
5. Wirtschaft sollte den beiderseitigen Nutzen suchen
DIHK-Präsident Eric Schweitzer scheint ein Polit-Ideologe zu sein, wenn er die Interessen der deutschen Wirtschaft nachrangig betrachtet. Die Deutschen sollen jetzt auch für den Brexit Opfer bringen und sich völlig ruinieren, damit "Europa" nicht auseinander fällt.
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