Terror in Belgien Verdächtiges Personal im Atomkraftwerk

Nach den Brüsseler Anschlägen haben Betreiber externe Mitarbeiter aus Belgiens Atommeilern verbannt. Schon einmal hat ein Dschihadist über ein Subunternehmen einen Job in einem belgischen AKW bekommen.
Belgisches Atomkraftwerk Tihange

Belgisches Atomkraftwerk Tihange

Foto: © Thierry Roge / Reuters/ REUTERS

Belgiens Atomkraftwerke gelten schon länger als ein Sicherheitsrisiko. Immer wieder sorgten die sieben Reaktorblöcke an den beiden Standorten Doel und Tihange für beunruhigende Schlagzeilen. Mal ging es um Risse in Reaktorbehältern, mal um einen explodierenden Transformator, mal um Leckagen von Kühlsystemen.

Durch die Anschläge von Brüssel rückt jetzt ein weiteres Sicherheitsrisiko in den Fokus: Doel und Tihange sind auch deshalb eine potenzielle Gefahr, weil Terroristen sie laut französischen und belgischen Zeitungsberichten als Anschlagziele ausgemacht haben könnten.

Nach den Attentaten am Brüsseler Flughafen Zaventem und in der U-Bahn-Station Maelbeek seien "alle für den Betrieb nicht unbedingt notwendigen Mitarbeiter zunächst nach Hause geschickt" worden, sagte eine Sprecherin der Betreiberfirma Electrabel SPIEGEL ONLINE. Am Mittwoch durften Mitarbeiter externer Firmen die Standorte noch immer nur "in dringenden Fällen" betreten. Rund die Hälfte der insgesamt gut 2000 Mitarbeiter seien Angestellte von Subunternehmen.

Offiziell handelt es sich um eine Routinemaßnahme. Tatsächlich tut Electrabel gut daran, das Personal seiner AKW gerade jetzt genauer zu kontrollieren: Denn im AKW Doel, um das in einem Radius von 75 Kilometern rund neun Millionen Menschen leben , hat bereits ein Dschihadist gearbeitet.

IS-Kämpfer arbeitete drei Jahre in Doel

Im Oktober 2014 entdeckten Behörden, dass ein belgischer Dschihadist bis November 2012 für rund drei Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks als Sicherheitstechniker gearbeitet hatte. Ilyass Boughalab, geboren im marokkanischen Tanger, war Zeitungsberichten zufolge  bei der Firma AIB-Vinçotte Belgium angestellt, einem externen technischen Dienstleister.

Boughalab hatte vor seiner Einstellung offenbar alle Background-Checks bestanden. Dabei hatten belgische Sicherheitsbehörden ihn schon damals im Visier. Boughalab gehörte nach Angaben von Ermittlern  zur Sharia4Belgium, einer inzwischen gescheiterten radikalislamischen Terrororganisation, deren Mitglieder regelmäßig vor dem Königspalast in Brüssel dafür demonstrierten, aus Belgien einen islamischen Gottesstaat zu machen .

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Brüssel nach den Anschlägen: Bürger in Trauer, Soldaten in Alarmbereitschaft

Foto: Valentin Bianchi/ AP

Im November 2012 sei Boughalab als Kämpfer für den "Islamischen Staat" nach Syrien gereist, wenige Monate darauf sei er getötet worden. Als Sharia4Belgium der Prozess gemacht wurde, habe Boughalabs Name sogar auf der Liste der Angeklagten gestanden, berichtet die belgische Zeitung "La Libre" .

Der Fall Boughalab zeigt, wie groß die Gefahr ist, dass Dschihadisten in Atomkraftwerken arbeiten - insbesondere über Subunternehmen.

Electrabel dementierte auf SPIEGEL ONLINE, dass Mitarbeiter externer Firmen wegen des Falls Boughalabs derzeit nicht an den Standorten Doel und Tihange arbeiten dürfen. Die vorübergehende Arbeitssperre hänge "ausschließlich mit der Anordnung der zuständigen Atomaufsichtsbehörde FANC zusammen", sagte eine Sprecherin.

Bei der FANC war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Presseabteilung sei wegen der Anschläge zurzeit nicht besetzt, teilte ein Rezeptionist am Telefon mit.

Sabotageverdacht und dubiose Drohnenflüge

Die Enthüllungen über Boughalab sind nicht der einzige beunruhigende Vorfall in einem belgischen Atomkraftwerk. Im August 2014 gab Electrabel eine Störung im Reaktorblock 4 des belgischen Kernkraftwerks Doel bekannt. An einer Dampfturbine im nicht-nuklearen Teil der Anlage hatte es eine Störung gegeben.

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Eine oder mehrere Personen hätten rund 65.000 Liter Öl der Turbine auslaufen lassen, sodass diese sich überhitzt habe und automatisch stehen geblieben sei, hieß es. Der Reaktor musste letztlich für Monate vom Netz genommen werden. Weil der Tank nur manuell entleert werden kann, vermuteten FANC und Electrabel einen Akt der Sabotage. Die Staatsanwaltschaft Dendermonde leitete Ermittlungen ein. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.

Im Dezember 2014 meldete die Staatsanwaltschaft Drohnenflüge über dem Kraftwerk Doel, machte dazu aber keine näheren Angaben.

Verdächtiges Überwachungsvideo

Alarmiert sind die belgischen Behörden auch wegen sonderbarer Videoaufnahmen. Bei einer Hausdurchsuchung in Brüssel hatten Kriminalbeamte am 30. November 2015 eine Art Überwachungsvideo gefunden. Es zeigt den Leiter des SCK-CEN, eines belgischen Forschungszentrums für Kernenergie.

Das SCK-CEN stellt Radionuklide her - nukleares Material, das unter anderem zur Behandlung von Krebs eingesetzt wird. Es kann aber auch zum Bau einer sogenannten schmutzigen Bombe zweckentfremdet werden, mit der Terroristen ganze Stadtviertel nuklear verseuchen könnten. Das SCK-CEN deckt nach eigenen Angaben  20 bis 25 Prozent des Weltbedarfs an Radionukliden ab.

Das Video, das die Ermittler fanden, zeichnet genau nach, wann der SCK-CEN-Chef zu Hause ein- und ausgeht. Es wurde in der Wohnung der Ehefrau des mutmaßlichen Terroristen Mohamed Bakkali gefunden. Französische Ermittler glauben, dass Bakkali an der Vorbereitung der Attentate von Paris am 13. November beteiligt war.

Polizisten hatten in Bakkalis Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck Sprengstoffgürtel gefunden, an denen DNA-Spuren von Salah Abdeslam nachgewiesen worden. Abdeslam gilt als Hauptverdächtiger der Terroranschläge von Paris und war erst vorigen Freitag festgenommenen worden.

Unklar ist, warum ein mutmaßlicher Terrorist ein Überwachungsvideo vom Leiter des belgischen Recherchezentrums für Kernenergie besaß. Eine Sprecherin der belgischen Atomaufsicht verbreitete dazu kürzlich folgende Theorie: Vielleicht habe Bakkali den Forscher erpressen wollen. Er könnte geplant haben, ein Mitglied seiner Familie zu entführen, um den Forscher zur Herausgabe von radioaktivem Material zu zwingen.