SPIEGEL-Umfrage Bürger empfinden Deutschland als extrem ungerecht

Drei von vier Deutschen halten die Kluft zwischen Arm und Reich laut einer SPIEGEL-Umfrage für ungerecht groß. Die Ungleichheit wird auf dem Land deutlich anders erlebt als in der Stadt.
Königsallee in Düsseldorf: Unbehagen über Kluft zwischen Reich und Arm

Königsallee in Düsseldorf: Unbehagen über Kluft zwischen Reich und Arm

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Michael Luhrenberg/ Getty Images

Kein Problem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik halten die Deutschen für dringender als die Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Im SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor sehen seit dessen Start im vergangenen Frühsommer regelmäßig die meisten Befragten hier den dringendsten Handlungsbedarf.

Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL unter rund 5000 Menschen in Deutschland verdeutlicht nun erneut: Drei von vier Befragten halten die materielle Ungleichheit in Deutschland für ungerecht. Nur 17 Prozent empfinden sie hingegen als gerecht. Dabei machen sie übrigens keinen Unterschied zwischen der Verteilung von Einkommen und Vermögen - Civey hatte zwei getrennte Fragen dazu gestellt. Die Antworten fallen hingegen fast identisch aus:

Statistisch gibt es hingegen durchaus Unterschiede: Die Einkommen sind in Deutschland bei Weitem nicht so unterschiedlich verteilt wie die Vermögen – allein die 45 reichsten deutschen Haushalte besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Auch im Vergleich mit anderen Industriestaaten ist die Einkommensungleichheit in der Bundesrepublik eher unauffällig (EU-Staaten) oder sogar unterdurchschnittlich (OECD-Staaten) – die Vermögensungleichheit ist hingegen überdurchschnittlich ausgeprägt. In der Wahrnehmung der Deutschen sind sie jedoch gleich ungerecht. Daher werden im Folgenden ausschließlich die Detailergebnisse zur Einkommensungleichheit betrachtet.

Wie gerecht oder ungerecht die Verteilung bewertet wird, hängt offenbar weniger von objektiven und messbaren Lebensumständen ab, sondern vor allem von der politischen Einstellung. Denn bei fast allen Kriterien, nach denen die Befragten unterschieden werden können, fallen die Antworten relativ gleichmäßig aus: ob nach Geschlecht, Alter, Schulbildung, Religion, Ost- oder Westdeutschland, Stadt oder Land – stets sind die Unterschiede recht gering. Etwas stärker weicht die Beurteilung je nach beruflicher Stellung ab: Immerhin 29 Prozent der leitenden Angestellten empfinden die Verteilung als gerecht, aber nur elf Prozent der Arbeiter.

Wirklich ausgeprägte Unterschiede in der Beurteilung finden sich jedoch, wenn die Befragten nach ihrer Wahlabsicht unterteilt werden: Wähler der FDP, der Union und mit Abstrichen der AfD halten die Verteilung noch am ehesten für gerecht, wobei auch bei ihnen jeweils eine Mehrheit anderer Meinung ist. Anhänger der Linken, der SPD und der Grünen empfinden die Verteilung hingegen fast geschlossen als ungerecht. Hier bilden sich die Lager nach dem klassischen Gegensatz zwischen links und rechts.

Aus der Sicht der meisten Deutschen ist die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen fünf Jahren größer geworden – wiederum sind rund drei von vier Befragten dieser Ansicht. 44 Prozent sehen sogar "eindeutig", weitere 29 Prozent "eher" eine Zunahme.

Auch hier weichen Wahrnehmung und Statistik voneinander ab, wobei die aktuellsten Daten der OECD nur die Entwicklung bis zum Jahr 2017 umfassen – bis dahin war die gemessene Einkommensungleichheit im Vergleich zum Jahr 2015 allerdings leicht gesunken.

Doch wo begegnet den Menschen in Deutschland eigentlich die materielle Ungleichheit? Die Befragten konnten drei Bereiche auswählen, in denen sie diese am stärksten wahrnehmen. Mit 44 Prozent zählten die meisten die einzige Option dazu, bei der Ungleichheit nicht unmittelbar selbst wahrgenommen wird: "in den Medien". Knapp ein Drittel (30 Prozent) der Befragten erleben Ungleichheit allerdings in einem sehr vertrauten Bereich, nämlich im Freundes- und Bekanntenkreis. Ein Viertel (25 Prozent) nimmt sie in benachbarten Stadtvierteln beziehungsweise Orten wahr – und jeweils rund ein Fünftel in weiter entfernten Landesteilen, am Arbeitsplatz oder in der direkten Nachbarschaft. Immerhin ein Zehntel der Befragten gab an, überhaupt keine Ungleichheit wahrzunehmen.

Deutliche Unterschiede zeigen sich dabei zwischen Stadt und Land: In sehr dicht und dicht besiedelten Gebieten nahm mit jeweils 34 Prozent ein Drittel der Befragten Ungleichheit im Vergleich zu benachbarten Stadtvierteln ausgeprägt wahr – wo nur sehr wenige Menschen wohnen, hatte hingegen nur ein Siebtel (14 Prozent) diesen Eindruck beim Vergleich mit benachbarten Orten. Das spiegelt die erheblichen sozialen Unterschiede in Großstädten wider.

Eine ganz andere Lagerbildung als bei der Beurteilung der Ungleichheit zeigt sich bei der Antwort auf die Frage, ob sich Leistung in Deutschland lohne. Nur ein knappes Drittel aller Befragten hat dieses Gefühl, 57 Prozent hingegen nicht. Abweichend sehen das allerdings die Wähler der Union, der SPD und der Grünen: Unter ihnen hat jeweils eine knappe Mehrheit durchaus das Gefühl, dass sich Leistung in Deutschland lohnt. Anhänger der FDP, der Linken und besonders ausgeprägt der AfD sind überwiegend gegenteiliger Ansicht.

Hier verläuft der Gegensatz also grob zwischen der politischen Mitte auf der einen und den Rändern auf der anderen Seite. Allerdings liegt nahe, dass etwa die Wähler der FDP und der Linken aus ganz unterschiedlichen Gründen Leistung in Deutschland nicht mehr belohnt sehen. Während die einen dabei vor allem an Steuern und Abgaben denken dürften, die das Bruttoeinkommen schmälern, denken die anderen wahrscheinlich an den großen Niedriglohnsektor und hohe Kapitalerträge.