Hermann-Josef Tenhagen

Zweiklassenmedizin in Deutschland Krankes System

Die SPD kämpft für ein Ende der Zweiklassenmedizin, aus gutem Grund. Denn das bisherige System ist weder für Kassen- noch Privatpatienten ideal. Wo es ungerecht zugeht - und was man dagegen tun kann.
Foto: Patrick Pleul/ dpa

Die Frage, wie das Krankenversicherungssystem von morgen aussehen kann, bewegt viele Menschen. Millionen Kassenpatienten schimpfen über zu lange Wartezeiten beim Arzt, ein großer Teil der Privatpatienten sorgt sich, ob er in Zukunft seinen gewählten Gesundheitsschutz noch bezahlen kann . Mehr als 100.000 sind dazu schon heute nicht mehr in der Lage.

Die Mehrheit der Bürger in Deutschland spricht sich einer Umfrage des Instituts für Versicherungswesen in Köln dafür aus, dass jeder beim gleichen Gesundheitsproblem die gleiche Leistung bekommt und einen Versicherungsbeitrag nach seiner Leistungsfähigkeit bezahlt. Neun von zehn Befragte wollen, dass Krankenversicherer verpflichtet sein sollen, jeden Patienten anzunehmen. Sieben von zehn sind der Meinung, dass alle Bürger abhängig vom Einkommen für die Krankenversicherung zahlen sollen. 70 Prozent lehnen es ab, dass Versicherte mit einer genetischen Vorbelastung einen höheren Beitrag zahlen sollen .

Das alles deutet darauf hin, dass die SPD eine Mehrheit hinter sich hat, wenn sie ein Ende der Zweiklassenmedizin fordert und in den aktuellen Koalitionsverhandlungen mit der Union dafür kämpft.

Doch ich habe so meine Zweifel, ob allein eine solidarische Finanzierung die aktuell drängenden Probleme der Versicherten löst.

Eine Frage der Bezahlung

Es geht nämlich weniger um die Frage, wer wie viel ins System einzahlt. Sondern viel banaler darum, wer aus dem System wie viel für welche Leistung erhält.

  • Gesetzlich Versicherte warten wochenlang auf einen Termin, weil ihr Arzt das Budget für Kassenleistungen schon aufgebraucht hat. Für alle Untersuchungen, die über das Kontingent hinausgehen, erhält er weniger Geld. Daher wartet der Mediziner lieber auf das nächste Quartal, wo er für die gleiche Leistung wieder mehr bekommt. Der Arzt wird für das Abarbeiten des Kontingents bezahlt.
    Auf dem Land ist es noch schlimmer als in den Städten. Dort schrumpft die Zahl der Hausärzte , von Fachärzten ganz zu schweigen.
  • Während Kassenpatienten auf ihre Untersuchung warten, sind viele Privatpatienten überversorgt. Sie werden bemerkenswert oft geröntgt und durchs MRT geschoben , selbst wenn die Untersuchung unnötig ist. Aber es lohnt sich finanziell für den Arzt. Die Versicherung zahlt, und zwar mehr als die gesetzliche Krankenkasse.
  • Auch die Pharmaindustrie verdient gut an den Deutschen. Arzneimittelpreise sind hierzulande besonders hoch und fressen überproportional große Teile des Budgets, das für die Behandlung von Patienten zur Verfügung steht. In den Niederlanden, in Frankreich oder Großbritannien kosten die Pharmaka 20 Prozent weniger, in Schweden sogar gut 30 Prozent weniger.
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Manche der Probleme könnten schon heute im parteiübergreifenden Konsens gelöst werden. Der geschäftsführende Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will seit Jahren die Terminvergabe bei Ärzten für gesetzliche Patienten verbessern . Und Volker Leienbach, der Cheflobbyist des Verbands der privaten Krankenversicherer, räumte im Januar ein, dass mehr Wettbewerb und bessere Wechselmöglichkeiten zwischen den privaten Krankenversicherungen ermöglicht werden müssen.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Die meisten der Probleme aber haben schlicht mit der Verteilung des Geldes zu tun. Die sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles hat das auf dem SPD-Parteitag auf den Punkt gebracht: Es könne doch nicht sein, dass ein Arzt für die Behandlung einer Privatpatientin zweieinhalb mal so viel Geld bekomme wie für die gleiche Behandlung des AOK-Mitglieds Nahles.

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Der chirotherapeutische Eingriff bei einer Blockade im Rücken eines Privatpatienten kann schon mal 130 Euro kosten - pro Termin. Der Orthopädenverband hingegen rechnet pro Kassenpatient im Quartal mit rund 50 Euro von der gesetzlichen Krankenkasse .

Nahles spricht damit den wunden Punkt an: Ärzte müssten Heilige sein, wenn derartige Unterschiede in der Bezahlung keine Auswirkungen auf die Bereitschaft hätten, für alle die gleiche Leistung zu erbringen. Sind sie aber nicht, und das kann man von ihnen auch nicht verlangen.

Wie groß die Verwerfungen bei der Bezahlung insgesamt sind, hat PKV-Cheflobbyist Leienbach auch erklärt. Die privaten Versicherer würden aktuell pro Jahr rund 13 Milliarden Euro mehr für ihre neun Millionen Privatversicherten ausgeben als die gesetzlichen Kassen für eine vergleichbare Zahl ihrer Kunden - ein ziemlich guter Anlass für Ärzte und Krankenhäuser, Privatpatienten bevorzugt zu behandeln.

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Mit diesen Milliarden könnte man für alle Versicherten die Beiträge zur Krankenkasse und Krankenversicherung senken. Dann würden Ärzte für Privatversicherte nur noch so viel erhalten wie für gesetzlich Versicherte. Auch Pharmakonzerne müssten verzichten.

Oder die addierten Beiträge von privat und gesetzlich Versicherten blieben insgesamt auf der bisherigen Höhe, Ärzte und Krankenhäuser würden aber für gesetzliche Patienten mehr Geld bekommen und für Privatpatienten entsprechend weniger. Das ergäbe für das System insgesamt nicht notwendig weniger Geld und gleichzeitig für Ärzte und Krankenhäuser keinen Anlass mehr, bei der gleichen Behandlung eine Patientengruppe vorzuziehen.

Der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger nach einem gerechteren Gesundheitssystem, bei dem jeder nach seiner Leistungsfähigkeit einzahlt, wäre damit allerdings noch nicht erfüllt.

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