Technischer Wandel Umweltverband befürchtet Verlust von 360.000 Jobs in der Autoindustrie

Der technische Wandel in der Autoindustrie könnte deutlich mehr Arbeitsplätze kosten als bislang angenommen. Laut einer Modellrechnung des Naturschutzverbands BUND sind in Deutschland Hunderttausende Jobs bedroht.

VW-Werk in Wolfsburg: Eine Mitarbeiterin schraubt am neuen Golf 8
Julian Stratenschulte/ DPA

VW-Werk in Wolfsburg: Eine Mitarbeiterin schraubt am neuen Golf 8

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Der Umbruch in der Autobranche wird Arbeitsplätze kosten, darin sind sich Manager, Politiker und Wissenschaftler weitgehend einig. Allerdings gehen die Prognosen, wie hoch die Verluste tatsächlich ausfallen, weit auseinander. Laut einer neuen Modellrechnung des Pforzheimer Wirtschaftsprofessors Rudi Kurz im Auftrag des Naturschutzverbands BUND drohen in den nächsten zehn Jahren 360.000 Jobs in der deutschen Vorzeigeindustrie verlorenzugehen.

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Heft 45/2019
Über echte und gefühlte Grenzen des Sagbaren

Das Szenario ist nach SPIEGEL-Informationen erheblich pessimistischer als etwa die Prognose des Fraunhofer-Instituts IAO, die von einer Schrumpfung um maximal 125.000 Arbeitsplätze bis 2030 ausgeht. Zwischen 2020 und 2030, so kalkuliert Kurz, würden 150.000 der derzeit insgesamt ungefähr 800.000 Jobs allein durch Fortschritte bei der Produktivität verschwinden. (Eine ausführliche Analyse zum Zustand der deutschen Autoindustrie lesen Sie hier in der SPIEGEL-Titelstory aus der vergangenen Woche.)

Weitere 160.000 Stellen würden hinfällig, weil Elektroautos aus weniger Teilen bestünden als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor - und damit auch weniger Beschäftigte nötig, die diese zusammenzubauen. 50.000 Stellen dürften der Modellrechnung zufolge außerdem durch öffentliche Verkehrsmittel und neue Mobilitätsdienste wegfallen. Von der Politik fordert Kurz deshalb, sie müsse "Voraussetzungen schaffen, damit auf lange Sicht neue Jobs jenseits des Mobilitätssektors entstehen".

Der Wirtschaftsprofessor plädiert nicht dafür, den technischen Wandel aufzuhalten. Er fordert, dass Wissenschaft und Politik sich besser darauf einstellen. Zunächst müsse man gezielt ermitteln, in welchen Zukunftsbereichen neue Stellen entwickelt werden könnten.

Die Autoindustrie will der Wirtschaftsprofessor aber noch nicht abschreiben. Was neue Arbeitsplätze angeht, sieht er durchaus Potenziale im Mobilitätssektor und auch bei den etablierten Automobilunternehmen - "soweit sie sich erfolgreich zu Mobilitätsdienstleistern wandeln."

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insgesamt 94 Beiträge
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aggro_aggro 01.11.2019
1. Okay
360.000 Jobs in 10 Jahren. Das ist keine besonders beeindruckende Zahl, das wird allein durch den demographischen Wandel überkompensiert. Technik braucht die Menschheit auch in Zukunft noch, die Jobs werden in IT, Energietechnik und Unterhaltungselektronik neu entstehen. Deutschland darf nur nicht vergessen auch dort zu investieren. Vor allem in Menschen.
theuwe 01.11.2019
2. Ergebnis jahrzehntelanger Anti-Auto-Kampagnen
Diese Zahlen sind ja nicht zuletzt das Ergebnis einer jahrzehntelangen Hetze gegen das Automobil und die Verteufelung privater/individueller Mobilität durch Umweltorganisationen wie dem Bund. Der sollte nun auch nicht heuchlerisch von einem "befürchteten" Verlust von Arbeitsplätzen reden sondern im dogmatischen Kontext eher von einem "Erfolg unserer gezielten Kampagnen"
manni.baum 01.11.2019
3. Umweltverband befürchtet...
der Umweltverband sollte begrüßen wenn 360.00 Arbeitskräfte weniger Autos zusammenschrauben die die Umwelt belasten.
thoms1957 01.11.2019
4. Dazu kommt selbstverschuldete Dummheit
Ausruhen auf Verkaufserfolgen, zuletzt krimineller Großbetrug am Kunden, Aussitzen des Skandals mit Hilfe von CSU Verkehrsministern und dem KBA. Währenddessen wird China zum weltweit größten Autoproduzenten. Hat man hier noch immer nicht wirklich realisiert. Die Musik spielt woanders. Dort fahren bereits 10 Tausende Elektrobusse. In jeder der dortigen Megastädte. Und während sich hierzulande mit selbstgefälliger Bräsigkeit auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht wird, wird in China strategisch für die nächsten Jahrzehnte geplant. Hierzulande fallen durch diese Bräsigkeit wohl hunderttausende Jobs weg. Die sind dann in China. Zusammen mit den Jobs in Solarenergie, den Jobs in Windenergie, den Jobs in der Telekommunikation usw. usw. Wie will diese lahme Republik eigentlich in 20 Jahren ihr Geld verdienen. Mit chinesischen Touristen als Industriemuseum des ausgehenden 20. Jahrhunderts????
immerfroh 01.11.2019
5.
Zitat von theuweDiese Zahlen sind ja nicht zuletzt das Ergebnis einer jahrzehntelangen Hetze gegen das Automobil und die Verteufelung privater/individueller Mobilität durch Umweltorganisationen wie dem Bund. Der sollte nun auch nicht heuchlerisch von einem "befürchteten" Verlust von Arbeitsplätzen reden sondern im dogmatischen Kontext eher von einem "Erfolg unserer gezielten Kampagnen"
Die Kampagnen pro Automobil und Individualverkehr mit Verklärung als Freiheit sind doch exponentiell größer als diese vermeintliche Antiautomobilbewegung. Der Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell. Die deutsche Automobilbranche muss dringends ihre Prioritäten ändern, sonst ergeht es ihr ähnlich wie z.B. NOKIA, der einstmals unangefochtenen Nr.1 bei Mobiltelefonen.
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