Schwächere Konjunktur BA-Chef befürwortet Kurzarbeit für Leiharbeiter

Bauarbeiter in Düsseldorf: "Die gefühlten Risiken sind größer als die tatsächlichen"
dapd

Bauarbeiter in Düsseldorf: "Die gefühlten Risiken sind größer als die tatsächlichen"

2. Teil: "Für viele im Niedriglohnsektor fehlt die Perspektive"


SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie mit einer steigenden Altersarmut? Wer heute im Niedriglohnsektor feststeckt, wird es ja immer schwer haben, sich eine auskömmliche Rente zu erarbeiten.

Weise: Die Gefahr ist da. Aber ich gehe davon aus, dass es bald eine politische Lösung für das Problem geben wird und es erst gar nicht so weit kommen muss.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD etwa will die Absenkung des Rentenniveaus zurückschrauben und sie stellt auch die Rente mit 67 auf den Prüfstand. Ist das der richtige Weg?

Weise: Beides ist eine Frage der Finanzierbarkeit, die ich für schwierig halte. Ich sehe die längere Lebensarbeitszeit auch nicht als Bedrohung. In vielen Berufen kann man sicher bis 70 oder 75 arbeiten. In anderen verschleißenden Berufen sollte man dagegen ernsthaft über Alternativen zur Rente mit 67 nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Generell scheinen sich die Sozialdemokraten inzwischen wegen ihrer früheren Maßnahmen - insbesondere der Hartz-Reformen - eher zu schämen als stolz darauf zu sein. Zu Recht?

Weise: Insgesamt sehe ich die Ergebnisse der Hartz-Reformen positiv. Einige sagen zwar: Viele der neuen Jobs sind prekäre Beschäftigungsformen. Ich sage: Damit sind ehemals komplett unproduktive Menschen endlich in Arbeit gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Einer der größten Kritikpunkte der SPD oder auch der Grünen ist, dass die Durchlässigkeit für Geringverdiener nicht gegeben ist. Sie kommen zwar in den Arbeitsmarkt, aber für sie führt kein Weg aus den Billigjobs heraus.

Weise: Ich sehe die mangelnde Aufstiegsmobilität als größtes Problem auf dem Arbeitsmarkt an. Wir haben die Leute in Arbeit gebracht, aber die Perspektive fehlt für viele, die im Niedriglohnsektor, in Teilzeitstellen oder in der Leiharbeit stecken. Das muss sich ändern. Wir setzen da an vielen Punkten an, unter anderem bei der Weiterbildung. Ich sehe die Aufgabe aber auch bei den Unternehmen, die in ihre Leute investieren müssen. Die Arbeitgeber müssen begreifen, dass Arbeitskräfte zu einem knappen Gut werden.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD hat neben der Rücknahme der Rentenreform angekündigt, im Falle einer erfolgreichen Wahl das Betreuungsgeld zu streichen, unter anderem mit der Begründung, dass es wertvolle Fachkräfte vom Arbeitsmarkt fernhält. Was halten Sie vom Betreuungsgeld?

Weise: Im Vorfeld haben wir die Folgen des Betreuungsgelds für den Arbeitsmarkt sehr kritisch bewertet. Aber jetzt ist das nun mal entschieden, und wir nehmen das so hin.

SPIEGEL ONLINE: Ist der derzeitige Zustrom von Arbeitnehmern aus Euro-Krisenländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal in der jetzigen Lage eine Belastung oder ein Segen für den deutschen Arbeitsmarkt?

Weise: Die Zuwanderung ist ganz klar ein Gewinn für uns. Generell könnten wir sogar mehr Menschen gebrauchen. Wir haben ja eine große Zahl offener Stellen, die ohne Zuwanderer unbesetzt bliebe.

SPIEGEL ONLINE: Tun die Unternehmen genug, um gute Leute aus dem Ausland anzuwerben?

Weise: Im Mittelstand muss noch einiges nachgeholt werden, was in internationalen Konzernen heute schon ganz üblich ist: Auch mittelgroße Unternehmen müssen Rundum-sorglos-Pakete für ihre neuen Mitarbeiter schnüren, um wirklich attraktiv zu sein. Dazu gehören Hilfe bei der Wohnungssuche, Sprachkurse oder auch gute Kindergartenplätze. Ohne diese Unterstützung wird es schwierig für die Unternehmen, gute Leute zu finden.

SPIEGEL ONLINE: In einem früheren Gespräch mit SPIEGEL ONLINE haben Sie Griechenland und anderen europäischen Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit Hilfe angeboten. Wie weit sind Sie gekommen?

Weise: Die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern ist sehr gut. Da sind wir in vielen Fällen weiter als die Politik. Auch nach Griechenland haben wir Mitarbeiter geschickt, damit sie die Lage analysieren und Tipps geben. Sie waren teilweise sehr positiv überrascht von dem Interesse vor Ort. Allerdings fehlt bislang ein geordnetes System der Arbeitsmarktverwaltung. Mein Gegenüber in Griechenland hat zum Beispiel keinen Durchgriff auf die Arbeitsagenturen in den griechischen Städten. Es gibt kaum Fortschritte. Das liegt aber insbesondere an der politisch instabilen Lage. Jede Neuwahl, jede Regierungsumbildung lähmt den Reformprozess auf Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Mangelnden Willen kann man den Betroffenen also nicht unterstellen?

Weise: Nein, das sicher nicht.

Das Interview führten Yasmin El-Sharif und Christian Rickens



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
jamesbrand 28.11.2012
1. oh ja
gleich wieder wenn keine Rekordgewinne zu vermelden sind die Belegschaft mit Steuerkosten bezahlen.
unixv 28.11.2012
2. Jau, fette Gewinne für die Wirtschaft!
Prekäre Jobs für den Menschen, Altersarmut für alle Arbeiter und Angestellten! Da wählt noch jemand SPDCDUGRÜNEFDP?
derweise 28.11.2012
3. Leiharbeiter und der Herr Studienrat mit A13
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur in Deutschland schwächelt - jetzt hält Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sogar eine Ausweitung der Kurzarbeit auf die Leiharbeit für denkbar. Dennoch ist er im Interview zuversichtlich: "Die gefühlten Risiken auf dem Arbeitsmarkt sind größer als die tatsächlichen." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundesagentur-weise-zur-arbeitslosigkeit-hartz-und-griechenland-a-868883.html
Ein Leiharbeiter soll sich mit der Besoldung eines Studienrates nach A13 vergleichen: Gehaltsrechner Öffentlicher Dienst (http://oeffentlicher-dienst.info/c/t/rechner/beamte/ni?id=beamte-nds-2012&matrix=1)
reinerotto 28.11.2012
4. Bull...
> In vielen Berufen kann man sicher bis 70 oder 75 arbeiten.< Sofern man einen Job findet. Hr. Weise, was ich Ihnen anbieten kann: Dipl.Ing. E-Technik, verhandlungssicheres Englisch, Auslandserfahrung, weltweit (Europa, USA, Australien). Das Problem: 40 Jahre Erfahrung im IT-Bereich, für namhafte Auftraggeber gearbeitet (Automobilindustrie, Airlines etc.) allerdings schon seit ca. 35 Jahren ... Daher: Seit 3 Jahren H4.
zynik 28.11.2012
5.
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur in Deutschland schwächelt - jetzt hält Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sogar eine Ausweitung der Kurzarbeit auf die Leiharbeit für denkbar. Dennoch ist er im Interview zuversichtlich: "Die gefühlten Risiken auf dem Arbeitsmarkt sind größer als die tatsächlichen." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundesagentur-weise-zur-arbeitslosigkeit-hartz-und-griechenland-a-868883.html
Neues aus dem Ministerium für Wahrheit. Warum man jemandem, dessen Argumentation auf nachweislich geschönten Statistiken und Zahlen basiert überhaupt noch zuhört, werde ich wohl nie begreifen.
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