Bundesbank-Studie Steigende Zinsen könnten Lebensversicherer ruinieren

Die deutschen Lebensversicherer klagen über die dauerhaften Niedrigzinsen. Doch eine Studie der Bundesbank zeigt: Auch ein plötzlicher Zinsanstieg könnte die Unternehmen ins Wanken bringen - mit drastischen Auswirkungen für die Kunden.
Statistisch gesehen hat jeder Deutsche mindestens eine Lebensversicherung

Statistisch gesehen hat jeder Deutsche mindestens eine Lebensversicherung

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Den deutschen Lebensversichern könnten steigende Zinsen mehr Probleme bereiten, als bisher gedacht. In einem Diskussionspapier der Deutschen Bundesbank  schlagen die beiden Forscher Mark Feodoria und Till Förstemann Alarm. Laut ihren Berechnungen würde bereits ein Zinsanstieg um gut zwei Prozentpunkte viele Versicherer in arge Schwierigkeiten bringen.

Dahinter steckt die Annahme, dass bei stark steigenden Zinsen viele Kunden, die in den vergangenen Jahren eine Lebensversicherung abgeschlossen haben, ihre schlecht verzinsten Verträge kündigen und das Geld lieber höher verzinst bei der Bank anlegen würden. Dort würden sie direkt von den gestiegenen Zinsen profitieren.

Die Versicherer hingehen könnten nicht so schnell nachziehen. Sie haben sich in der noch anhaltenden Niedrigzinsphase vor allem Wertpapiere mit sehr langer Laufzeit in ihre Bilanzen geholt, um überhaupt noch Zinsen zu bekommen. Sollte das allgemeine Zinsniveau nun deutlich steigen, blieben die Versicherer auf den alten, schlecht verzinsten Papieren sitzen, die dann an Wert verlieren.

Feodoria und Förstemann haben anhand von Daten aus den Jahren 2005 bis 2013 in einer Art Stresstest untersucht, ab welchem Zinsniveau es für die rund 60 größten deutschen Versicherer gefährlich würde. Ihr Urteil: "Das Aggregat größerer deutscher Lebensversicherer wäre Ende 2013 bei einem Zinsanstieg von mehr als 2,1 Prozentpunkten von einem Run bedroht gewesen." Das heißt: Bei einem Anstieg in dieser Größenordnung wären die Kapitalpuffer bei der Hälfte der großen Versicherer aufgebraucht. Auf diese Gefahr hatte die Bundesbank auch in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2014 hingewiesen.

Grüne fordern die Finanzaufsicht zum Handeln auf

In der Politik sorgt die aktuelle Studie, die Ende Juni veröffentlich wurde, aber bisher weitgehend unbeachtet blieb, nun für Wirbel. "Ein Zinsanstieg von 2,1 Prozentpunkten ist historisch gesehen nicht so ungewöhnlich", sagte Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, SPIEGEL ONLINE. Er fürchtet, dass im Ernstfall die Versicherten zur Kasse gebeten und die Auszahlungen gekürzt würden. "Um das zu verhindern, muss die Finanzaufsicht schon jetzt eingreifen", fordert Schick. "Bei Kapitalgesellschaften müssen die Dividenden gestrichen werden." Auch die Kosten für den teuren Vertrieb müssten deutlich sinken.

Bisher dreht sich die Diskussion um die Stabilität der Lebensversicherer vor allem um die Gefahren der dauerhaften Niedrigzinsen. Weil die Unternehmen das Geld ihrer Kunden nicht mehr so lukrativ anlegen können, bekommen einige von ihnen zunehmend Schwierigkeiten, ihre vollmundigen Zinsversprechen früherer Jahre zu erfüllen.

In den vergangenen Wochen hatten deshalb internationale Organisationen wie die OECD oder der Weltwährungsfonds IWF Alarm geschlagen. Sie fürchten Insolvenzen unter den deutschen Lebensversicherern, wenn die Niedrigzinsphase weiter anhält.

Auch die Finanzaufsicht BaFin hat die Gefahr des dauerhaften Zinstiefs erkannt und will sich bestimmte "Wackelkandidaten" genauer ansehen. Man werde mit diesen Versicherern reden und "ihnen klarmachen, was bis wann geändert werden muss", sagte BaFin-Chef Felix Hufeld SPIEGEL ONLINE. Dass in den nächsten Jahren Versicherer die versprochene Garantieverzinsung nicht mehr zahlen können, halte er aber "derzeit für unwahrscheinlich", sagte Hufeld. In den Bilanzen gebe es "noch ausreichend Puffer". Am Ende hänge aber vieles davon ab, wie lange die aktuelle Niedrigzinsphase andauere.

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