Bundesbanker Weidmann Der Euro-Fighter

Die Euro-Krise hat Jens Weidmann zu einem der wichtigsten Männer des Kontinents gemacht. Mit aller Macht will der Bundesbank-Chef verhindern, dass Europa seine Krise durch Gelddrucken löst. Noch bekommt er dafür viel Applaus. Doch schon bald könnte die Unterstützung schwinden.
Bundesbank-Präsident Weidmann: Die ganze Welt schaut wieder auf die Bundesbank

Bundesbank-Präsident Weidmann: Die ganze Welt schaut wieder auf die Bundesbank

Foto: dapd

Als Jens Weidmann das Rednerpult verlässt, stürmt Josef Ackermann nach vorne. "Eine phantastische Rede" sei das gewesen, jubelt der Deutsche-Bank-Chef. Und der Applaus der rund 300 Männer in dunklen Anzügen lässt vermuten, dass sie das ähnlich sehen.

Ackermann ist an diesem Freitag Gastgeber eines Bankenkongresses. Er muss freundlich zu den Rednern sein. Doch nach Weidmanns Beitrag überschlägt er sich beinahe vor Begeisterung. Dabei hat der Bundesbank-Präsident doch nur das gemacht, was er seit Wochen tut: Er kämpft dagegen, die Europäische Zentralbank (EZB) zur obersten Krisenfeuerwehr zu machen - und er wettert gegen die europäische Politik.

Das kommt gut an in der Branche. Die meisten hier sind dagegen, dass die EZB in der Euro-Krise Staatsanleihen von Ländern wie Italien oder Spanien aufkauft, um deren Zinssätze zu drücken. Der Einstieg in die Inflationspolitik sei das, fürchten sie. Und Jens Weidmann ist so etwas wie ihr Anführer - die Spitze einer Gegenbewegung.

Seit einem halben Jahr führt der ehemalige Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bundesbank - eine Institution, die viele schon für irrelevant erklärt hatten, weil seit Einführung des Euro die EZB das Sagen hat in der Geldpolitik. Böse formuliert beschränkte sich die Aufgabe der Bundesbank seitdem im Wesentlichen aufs Geldzählen.

Sein Vorgänger hat hingeschmissen, er will bleiben

Doch seit einigen Monaten ist alles anders: Die ganze Welt schaut wieder auf die Bundesbank - und ihr Präsident, mit 43 Jahren der jüngste in der Geschichte, ist zu einem der wichtigsten Akteure in der Euro-Krise geworden. Das liegt weniger an dem, was er tut, sondern daran, was er nicht tut.

Wie schon sein Vorgänger Axel Weber sträubt Weidmann sich dagegen, die Euro-Krise über die EZB zu lösen. Er kann das nicht allein entscheiden. Im Beschlussgremium der Zentralbank, dem EZB-Rat, hat der Bundesbank-Präsident nur eine von 23 Stimmen. Doch die hat Gewicht - zumindest solange sie von der Bundesregierung unterstützt wird.

Bisher ist das der Fall. Das hat Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Freitag noch einmal klargemacht. "Wir werden das nicht machen", sagte Schäuble mit Blick auf ein mögliches Anleihenkaufprogramm der EZB. "Wenn wir das machen würden, gäbe es vielleicht ein paar Monate Ruhe. Dann würden die Finanzmärkte erkennen, dass der Euro keine stabile Währung mehr wäre."

So ähnlich sieht es Weidmann auch. Er formuliert es nur etwas bürokratischer: "Ich bin überzeugt, dass die wirtschaftlichen Kosten jeder Form der geldpolitischen Finanzierung von staatlichen Schulden oder Defiziten deren Nutzen so deutlich überwiegen, dass sie nicht dazu beitragen würde, die aktuelle Situation in nachhaltiger Weise zu stabilisieren."

Die EZB soll Geld drucken wie die amerikanische Fed

Ganz durchsetzen konnte sich Weidmann mit seiner harten Haltung bisher dennoch nicht. Die EZB kauft nämlich bereits Staatsanleihen: italienische, spanische, griechische, portugiesische und irische. Fast 190 Milliarden Euro hat sie seit Mai 2010 dafür ausgegeben. Weidmanns Vorgänger Weber ist deswegen zurückgetreten, der deutsche Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, hat seinen Rückzug zum Jahresende angekündigt. Weidmann hat im EZB-Rat zwar gegen die Käufe gestimmt, will aber im Amt bleiben.

Schließlich gilt es aus seiner Sicht Schlimmeres zu verhindern. Weil alle anderen Rettungsversuche bisher fehlgeschlagen sind, drängen einige Euro-Länder die Zentralbank dazu, ein viel größeres Aufkaufprogramm zu starten. Von Billionen Euro ist die Rede. Nach dem Vorbild der amerikanischen Notenbank Fed soll die EZB den Krisenländern ihre uneingeschränkte Unterstützung zusagen - und so Investoren an den Finanzmärkten beruhigen.

Am Donnerstag flehte Spaniens scheidender Ministerpräsident José Luís Rodríguez Zapatero um Hilfe. Und auch Frankreich macht Druck - erst recht, seit die Zinsen für die eigenen Staatsanleihen in die Höhe geschossen sind. Der Kern der Euro-Zone ist damit erreicht. Der Fortbestand der Währungsunion ist akut gefährdet. Das sehen auch viele Ökonomen so - und unterstützen die Forderung nach einem Riesenprogramm.

Die Wahl: Inflation oder Untergang

Weidmann und seine Bundesbanker halten dagegen. Sie fürchten, dass die EZB ihre Unabhängigkeit verliert, wenn sie sich auf die Staatsfinanzierung durch die Notenpresse einlässt. Und noch schlimmer: Die Zentralbank liefe Gefahr, ihren Kernauftrag zu verletzen, die Gewährleistung der Preisstabilität. Denn je mehr Geld die EZB bei den Anleihenkäufen in die Wirtschaft pumpt, desto höher ist das Inflationsrisiko.

Noch ist die Teuerungsrate im Euro-Raum relativ stabil - trotz der laufenden Anleihenkäufe. Das liegt vor allem daran, dass die EZB das Geld, das sie für die Käufe ausgibt, bisher an anderer Stelle wieder aus dem Wirtschaftskreislauf abzieht - "sterilisieren" nennen das die Notenbanker. Doch bei einem Riesenprogramm, wie es etwa die Franzosen fordern, wäre das kaum mehr zu machen. Die Beträge wären schlicht zu groß.

Weidmann plädiert deswegen für eine andere Lösung. Die Euro-Staaten sollen gefälligst Haushaltsdisziplin üben - und ihre Beschlüsse zur Stärkung des Rettungsfonds EFSF endlich umsetzen. Der mangelnde Erfolg bei der Krisenbekämpfung rechtfertige es nicht, "das Mandat der Zentralbank zu überdehnen und sie für die Krisenlösung verantwortlich zu machen", sagt er.

Unterstützung bekommt Weidmann dabei vom neuen EZB-Chef, dem Italiener Mario Draghi. Auch er nahm sich am Freitag die Euro-Politiker vor. Seit die Aufstockung des EFSF beschlossen wurde, seien vier Monate vergangen, seit der Entscheidung, die Schlagkraft des Fonds zu stärken, seien es vier Wochen, sagte Draghi. "Wie steht es mit der Umsetzung dieser seit langem getroffenen Entscheidungen?"

Der EZB-Präsident ist eine der Figuren, von der abhängen wird, ob Weidmann sich mit seiner harten Haltung durchsetzen kann. Bisher sieht es gut aus für den Bundesbanker. Am Freitag ließ Draghi durchblicken, dass er selbst wenig von einem großen Anleihenkaufprogramm hält.

Doch nicht nur bei ihm stellt sich die Frage, wie lange er diese Linie halten kann. Auch Weidmanns Unterstützer in der Bundesregierung stehen immer stärker unter Druck. Sollte sich die Lage an den Finanzmärkten weiter zuspitzen, könnte die Euro-Zone am Ende vor einer schweren Entscheidung stehen: Inflation oder Untergang? Dann könnte es plötzlich sehr einsam werden um Jens Weidmann.

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