Stefan Schultz

Sozialpsychologie Der unvermeidliche Weg in eine grüne Zukunft

Stefan Schultz
Ein Essay von Stefan Schultz
Deutschland wird nachhaltiger und gleicher – egal, ob die Grünen bald (mit)regieren oder nicht. Denn Gesellschaft und Wirtschaft stehen auf der Schwelle zu einer neuen Entwicklungsstufe.
Demonstration fürs Klima (Archivbild von 2019): Millionen kleine und große Veränderungen lassen sich auf zwei Prinzipien reduzieren

Demonstration fürs Klima (Archivbild von 2019): Millionen kleine und große Veränderungen lassen sich auf zwei Prinzipien reduzieren

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FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Der Münchner Energieversorger Polarstern verkauft nicht nur Ökostrom, er wirtschaftet auch nach der sogenannten Gemeinwohlökonomie: einem recht neuen volkswirtschaftlichen Modell, das nach strengen Kriterien den sozialen Wert von Unternehmen misst. Zum Beispiel den Grad an Diversität und Mitbestimmung, an gerechter Lohnverteilung oder an Fairness gegenüber den Menschen und Firmen in der eigenen Lieferkette.

Das Unternehmen steht für den vielleicht größten sozioökonomischen Trend unserer Zeit: Deutschland hat sich auf den Weg in eine grünere und gleichere Zukunft gemacht. Egal, ob Annalena Baerbocks Grüne demnächst (mit)regieren oder nicht.

Angesichts von Querdenkerprotesten, Dieselaffären und einer kafkaesken Windradbürokratie  mag das nicht immer so aussehen. Doch abseits solcher Probleme und abseits des ritualisierten Gemeckers ist gerade viel Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Coronakrise hat, neben Angst, Trauer und Frust, auch einen Zauber des Neuanfangs entfacht. Eine neue Lust, Probleme zu lösen. Einen Schub kreative Energie.

Das mag daran liegen, dass sich gerade von ganz allein so vieles ändert. Dass wir der Angst vor Veränderung kaum ausweichen können – und deshalb notgedrungen unsere Zukunft gestalten. Oder daran, dass die Krise alte Gewiss- und Gewohnheiten auflöst und so Platz für Neues schafft.

So oder so ist in den vergangenen 16 Monaten viel passiert, wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Und die Richtung der Veränderung scheint fast immer dieselbe zu sein.

Anhängerinnen der Bewegung Fridays for Future: Der zentrale Rahmen unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens ergrünt

Anhängerinnen der Bewegung Fridays for Future: Der zentrale Rahmen unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens ergrünt

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

Die Republik wird, erstens, an vielen Stellen nachhaltiger. Autokonzerne veranstalten ein Wettrennen, wer als erster den Verbrennungsmotor abschafft. Der Stahlgigant Thyssenkrupp will bis 2025 einen der weltweit ersten CO2-freien Hochöfen  bauen. Bio- und Naturkostgeschäfte verzeichnen bis zu 60 Prozent mehr Nachfrage .

Auch das Rechtssystem, der zentrale Rahmen unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens, ergrünt. Ende April zwang das Bundesverfassungsgericht die Regierung zu ambitionierterer Klimapolitik. Der Staat verschärfte darauf die Vorgaben, wie viel CO jeder Wirtschaftssektor noch ausstoßen darf. Seit Juni regelt ein Gesetz den Umbau von Erdgas- zu Wasserstoffleitungen . Fast zeitgleich erließ die Stadt Berlin eine Fotovoltaikpflicht  für Neubauten und künftige Gebäudesanierungen.

Der zweite große Gesellschaftstrend ist die Gleichstellung von immer mehr Gesellschaftsgruppen. Seit März sind medizinisch unnötige geschlechtsangleichende Operationen an intersexuellen Kindern verboten . Im Juni wurde eine erste zaghafte Frauenquote  für Vorstände großer Unternehmen verabschiedet. Die Privatwirtschaft beschäftigt sich mehr mit Diversität , Inklusion und neuen Eigentümerkonzepten .

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Das Konzept der Gleichstellung dehnt sich zudem auf neue Sphären aus. Ab 2023 können große deutsche Unternehmen auch für Kinder- oder Zwangsarbeit in anderen Ländern belangt werden , wenn solche Verbrechen in ihren internationalen Lieferketten nachgewiesen werden. Auch Tiere werden in Deutschland immer besser geschützt . Wir denken nicht mehr nur anthropozentrisch, sondern zusehends auch ökozentrisch.

Nachhaltigkeit und Gleichheit: Millionen kleine und große Veränderungen lassen sich gerade auf diese zwei Prinzipien reduzieren. Als würden wir von zwei unsichtbaren Magneten angezogen. In der Systemtheorie gibt es dazu das Konzept des Attraktors . Es bezeichnet ein höheres Ordnungsprinzip, das so anziehend ist, dass sich ganze Systeme darauf zubewegen und sich dabei teils grundlegend verändern.

Nachhaltigkeit und Gleichheit scheinen zentrale Attraktoren unserer Zeit zu sein. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Demokratien, zu einem gewissen Maß auch auf globaler Ebene. Warum aber zieht es uns so stark in diese Richtung?

Klimaaktivisten mit Baumbemalung: Nachhaltigkeit als sozioökonomischer Attraktor

Klimaaktivisten mit Baumbemalung: Nachhaltigkeit als sozioökonomischer Attraktor

Foto: Ina Fassbender/ AFP

Es gibt eine Theorie, die das zu erklären versucht. Sie nennt sich Spiral Dynamics  und wurde 1996 von den Management- und Politberatern Don Beck und Christopher Cowan publiziert. Grundlagen sind entwicklungspsychologische Stufenmodelle sowie anthropologische und historische Studien.

In der Psychologie gibt es einen ganzen Forschungszweig, der die Entwicklung eines jeden Menschen in grundlegende, deterministische Entwicklungsstufen einteilt. Natürlich befindet sich kein Ich komplett nur auf einer Stufe; es erstreckt sich oft eher über vier bis fünf. Auf einer aber hat es seinen Schwerpunkt. Und dieser hat großen Einfluss darauf, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir denken und wie wir mit anderen Lebewesen umgehen.

Grundvoraussetzung für psychologische Entwicklung ist laut Forschern wie Jean Piaget, Jane Loevinger, Lawrence Kohlberg oder Robert Kegan die Kognition – also die Fähigkeit, unsere Innen- und Außenwelt immer differenzierter wahrzunehmen und gleichzeitig einzelne Elemente in immer komplexeren Zusammenhängen zu sehen .

Je weiter sich unsere Kognition entwickelt, desto weiter scheinen sich auch andere Bereiche unserer Psyche entwickeln zu können. Zum Beispiel unsere emotionale  und interpersonelle  Kompetenz, unser Moralempfinden  oder unser Glaube . Allerdings ist die Kognition hier nur eine notwendige, keine allein hinreichende Voraussetzung.

Die Entwicklungsschritte werden in der Psychologie nach strengen Methoden  gemessen, unter anderem durch Satzergänzungstests und strukturierte Interviews. Messverfahren werden teils kombiniert und umfassend auf ihre Objektivität, Reliabilität und Validität geprüft.

Becks und Cowans Herangehensweise ist weniger akademisch. Zwar stützen sie ihre Theorie auf einen Teil dieser Daten, vor allem auf die des verstorbenen US-Psychologieprofessors Clare Graves . Sie nutzen das Datenmaterial aber vor allem als Grundlage für eine griffige Erzählung über die Menschheit. In Spiral Dynamics ist manches unpräziser und spekulativer als in der psychologischen Forschung; dafür ist das Modell zugänglicher und praxisorientierter – und bei Organisationsberatern , Political Advisors  und Coaches  entsprechend beliebt.

Beck und Cowan schreiben, dass auch Gruppen, Organisationen oder Nationalstaaten oft einen Schwerpunkt auf einer bestimmten Entwicklungsstufe haben – weil ein überwiegender Teil der Menschen in diesen Kollektiven denselben entwicklungspsychologischen Schwerpunkt hat. Das wiederum habe großen Einfluss auf die Werte und Normen, nach denen Kollektive funktionierten.

Das Interessante an Spiral Dynamics ist, dass das Modell auch auf Wechselwirkungen zwischen inneren und äußeren Faktoren eingeht. Innere kognitive Entwicklung ermöglicht demnach neue Strukturen im Außen, zum Beispiel Werkzeuge, Gesetze oder das Internet. Umgekehrt begünstigen neue äußere Strukturen auch die innere Entwicklung von Individuen. Und damit auch die innere Entwicklung von Kollektiven, die ja aus den sich entwickelnden Individuen bestehen.

Dieses Wechselspiel aus unzähligen inneren und äußeren Faktoren ist laut Beck und Cowan der Motor unserer Entwicklung. Und die verläuft aus ihrer Sicht grundsätzlich in eine Richtung: Gesellschaften werden, ebenso wie Individuen, differenzierter und komplexer. Trotz aller Krisen und Kriege und trotz aller dialektischer Gegenbewegungen.

Die Entwicklung von Kollektiven lässt sich laut Beck und Cowan in dieselben Stufen einteilen wie die einzelner Menschen. Eine neue Stufe entsteht demnach immer dann, wenn gravierende Probleme in Gesellschaft und Umwelt nicht mehr gelöst werden können. Es bilden sich dann neue Werte, neue sozioökonomische Attraktoren, die eine Perspektive zur Problemlösung schaffen. Die neuen Werte werden nach und nach von immer mehr Menschen übernommen und dominieren irgendwann das Kollektiv – wodurch dieses die nächste Stufe erklimmt.

Die Menschheit ist laut Spiral Dynamics schon einen weiten Weg gegangen, ehe sie begann, sich auf Nachhaltigkeit und Gleichheit zu konzentrieren. Der aktuelle Wertewandel in Deutschland markiert demnach bereits den Übergang zu Stufe sechs.

Nachbildung eines Neanderthalers in einem Museum in Mettmann

Nachbildung eines Neanderthalers in einem Museum in Mettmann

Foto: Federico Gambarini/ picture alliance / dpa

Auf Stufe eins kämpften Urmenschen demnach allein oder in losen Horden ums Überleben. Besitztümer oder gar ein Wirtschaftssystem existierten nicht. Um sich besser zu schützen, schlossen sich irgendwann die ersten Menschen zu festen Stämmen zusammen und erreichten dadurch Stufe zwei.

Im Schutz des Stamms hatten die Menschen mehr Zeit und Energie übrig, sodass sich ihre Kognition entwickeln konnte. Sie begannen, Ursache und Wirkung von Naturereignissen zu ergründen und benannten diese mit ersten Begriffen. Gleichzeitig machten sie noch viele logische Fehler. Magisches Denken, Schamanismus und Rituale zur Besänftigung mutmaßlicher Geister waren die Folge. Gleichzeitig entstanden vermutlich Tauschhandel und eine rudimentäre Güterverteilung. So lässt es sich zumindest bei manchen indigenen Völkern beobachten, die noch heute viele Merkmale der zweiten Ebene zeigen.

Auf Stufe drei entdeckten die Menschen ihre Macht. Eine immer differenziertere Beobachtung der Welt und eine immer komplexere Sprache ließen den Aberglauben verfliegen. Erste Stammesmitglieder bemerkten, dass sie gar nicht der Blitz erschlug, wenn sie sich Schutzritualen widersetzten. Freier Wille wurde zum zentralen Wert.

Die Ära der Heldenepen, Imperien und großen Schlachten begann. Und die Epoche der Sklaverei und eines Wirtschaftssystems, in dem die Starken die Schwachen ausbeuteten. Straßengangs und Bürgerkriegsgesellschaften sind aktuelle Beispiele für solche Kollektive. Laut entwicklungspsychologischen Studien haben noch fünf Prozent der Menschen in westlichen Gesellschaften ihren Schwerpunkt auf Ebene drei.

Auf Stufe vier hatten die ersten Menschen Gewaltherrschaften satt. Sie bildeten, oft unterstützt von religiösen Autoritäten, soziale Ordnungen mit klaren Regeln und Rollen. Das ermöglichte viel größere Kollektive mit feinerer Arbeitsteilung, diszipliniertem Militär und viel mehr Wohlstand – was erneut kongnitive Entwicklung begünstigte.

Gleichzeitig entstanden Plan- und Staatswirtschaft, starre Hierarchien, Ethnozentrismus und Autoritätsmissbrauch. Wer nicht zur Gruppe gehörte oder absolute Wahrheiten anzweifelte, wurde nun oft als Feind verstoßen.

Solche Systeme sind noch heute verbreitet, zum Beispiel in Dorfgemeinden und absolutistischen Staaten. In westlichen Gesellschaften befinden sich laut Studien rund zwölf Prozent der Menschen auf Ebene vier, in anderen Weltregionen deutlich mehr.

Auf Stufe fünf lösten Analyse und rationales Denken die absoluten Wahrheiten ab. Die Ära der Moderne, Aufklärung und Wissenschaft begann. Heute werden rund zwei Drittel der Bevölkerung dieser Stufe zugeordnet.

Der Boom der Rationalität ermöglichte flexible Problemlösungen, langfristige Planung, strategisches Denken und die Optimierung von Strukturen und Prozessen. Leistung wurde zunehmend messbar, was zu fairerem Wettbewerb, aber auch zu mehr Konkurrenzdenken und Leistungsdruck führte.

Dieses Gesellschaftssystem brachte Bemerkenswertes hervor: die universellen Menschenrechte, die Mondlandung, die Globalisierung, die Industrialisierung, die freie und soziale Marktwirtschaft, den Aufstieg der Mittelschicht, die Explosion von Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Aber es erzeugte durch die Macht seiner Produktivität auch Krisen von globalem Ausmaß, die auf früheren Stufen schlicht nicht möglich gewesen wären.

Planet Erde: Erste Ausläufer einer existenziellen globalen Krise

Planet Erde: Erste Ausläufer einer existenziellen globalen Krise

Foto: NASA Goddard Space Flight Center/ picture alliance / dpa

Schon 1972 warnte  der Club of Rome, dass der globale Wirtschaftsboom unser Ökosystem bedroht. Seit 1990 mahnt  der Weltklimarat der Uno, dass unser übermäßiger CO2-Ausstoß die Erde erhitzt. Inzwischen erleben wir die ersten Ausläufer einer existenziellen globalen Krise.

Gleichzeitig haben der moderne Wohlstandsboom, das günstige Reisen und das Internet erneut unsere kognitive Entwicklung gefördert. Eine wachsende Zahl von Menschen denkt systemischer, erkennt, wie stark kultureller Kontext unser Denken prägt, und leidet unter mehr kognitiven Dissonanzen. Das schärft das Bewusstsein dafür, wie stark man in Deutschland noch immer benachteiligt ist, wenn man kein deutscher, weißer, heterosexueller, nicht behinderter Cis-Mann ist.

Oder dafür, wie stark unser westlicher Wohlstand auf der Ausbeutung von Natur und Menschen in anderen Weltregionen basiert und wie sehr wir globale Ungleichheit durch unseren Konsum fördern. Zum Beispiel, indem wir uns ein Smartphone kaufen, in dem Kobalt steckt, das Kinderarbeiter im Kongo unter Lebensgefahr abgebaut haben . Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, welch soziale Sprengkraft solch Ungleichheit birgt.

Laut Spiral Dynamics ist es nur logisch, dass uns all das auf die nächste Stufe zieht – und dass Nachhaltigkeit und Gleichheit dabei im Zentrum stehen. Ohne diese zwei Werte müssten wir wohl verzweifeln. Sie sind ein Hoffnungsspender, ein Notausgang aus dem drohenden ökologisch-sozialen Inferno. Der berüchtigte »grüne Gutmensch« ist so gesehen kein Altruist. Er mag einfach keine Hitzewellen, Wirtschaftskrisen und sozialen Revolten.

Das postmoderne Wirtschaftssystem, das daraus entsteht, hat große Potenziale. Zum Beispiel in der Energiewirtschaft: Theoretisch kann fast jedes Land den eigenen Energiebedarf komplett durch Ökostrom decken ; praktisch tun sich viele Länder aufgrund von Korruption, Verwaltungsproblemen und anderen Faktoren damit noch schwer. Es besteht aber zumindest die Chance, dass auf die Oligarchie der Petrostaaten langfristig ein heterarchischeres Weltenergiesystem folgt: mit mehr Produzenten, Transportwegen und breit gestreutem Kapital. Die Zeit der Ölkriege müsste demnach irgendwann vorbei sein.

Gleichzeitig birgt auch Stufe sechs Risiken. Wie die vergangenen fünf schafft auch sie ihre eigenen Probleme. So führt der Nachhaltigkeitsboom zu neuen Verteilungskämpfen um Rohstoffe, die man für Elektroautos oder Windräder braucht. Und zu neuen Umweltschäden. Wir erleben zudem die ersten diplomatischen Konflikte und Handelsstreits  um nachhaltigere Produkte wie grünen Stahl.

Das Bemühen um mehr soziale Gleichheit hat ebenfalls seine Schattenseite – wie Cancel Culture, der moralistische Teil der Woke-Bewegung  und übersteigerte Political-Correctness-Debatten zeigen: So erzeugen manche Verfechter von Gleichheit und Akzeptanz selbst Ungleichheit und Inakzeptanz – weil auch sie nur jene akzeptieren, die ihren eigenen Werten entsprechen. Alle anderen werden beschuldigt, beschämt, moralisch verurteilt oder sonstwie verächtlich gemacht. Das begünstigt Kulturkämpfe und eine immer stärkere Polarisierung der Gesellschaft.

Kollektive werden so nicht geeint, sondern noch stärker fragmentiert. Es droht ein konfuses Gegeneinander, eine Erstarrung in Dekonstruktion und kleinteiliger Kritik. Das lähmt auch die Produktivität und bremst das Wirtschaftswachstum. Vor allem aber können Probleme wie die Erderhitzung so nicht gelöst werden - weil ein immer stärkeres Polarisieren und Moralisieren tragfähige Mehrheiten unmöglich macht.

Es scheint, als müssten wir da jetzt durch. Zumindest in Becks und Cowans deterministischem Modell entwickelt sich unsere Gesellschaft unweigerlich in diese Richtung, im Guten wie im Schlechten. Rund zehn Prozent der Bevölkerung in westlichen Staaten hat demnach schon ihren Schwerpunkt auf Stufe sechs, viele weitere Menschen haben sich zumindest in einzelnen Facetten dorthin entwickelt oder sind gerade dabei. Der Einfluss dieses Wertesystems dürfte demnach weiter wachsen.

Die aktuelle politische Landschaft scheint das zu bestätigen. Die Grünen, die sich seit Jahrzehnten für eine nachhaltige, egalitäre Welt einsetzen, haben kräftig Zulauf. Auch Union, SPD, FDP und Linke geben sich zusehends grün und woke. Vielleicht bestimmt die anstehende Bundestagswahl also mehr das Tempo des gesellschaftlichen Wandels als seine grundsätzliche Ausrichtung.

Aktuelles Wahlplakat der Grünen

Aktuelles Wahlplakat der Grünen

Foto: Michael Kappeler / dpa

Kommen die Grünen mit an die Macht, steigt wohl die Wahrscheinlichkeit, dass in Deutschland in einem höheren Tempo und in größerer Dichte nachhaltige und inklusive Strukturen entstehen. Wer nach diesen Werten lebt, hätte dann mehr Vorteile. Entsprechend dürften sich mehr Menschen im Alltag danach ausrichten. Kommen die Union oder die SPD an die Macht, dürfte im Kern dasselbe passieren. Es dauert vermutlich nur länger.

Die Probleme der Stufe sechs können wir nicht vermeiden. Auch sie werden uns plagen – bis der sozioökonomische Leidensdruck irgendwann zu groß wird und uns auf Stufe sieben treibt. Laut Beck und Cowan ist das die Ebene, auf der wir lernen, widersprüchliche Perspektiven zu integrieren und Polaritäten sinnvoll zu managen.

Wir könnten uns dann eine Gesellschaft bauen, zu der jede und jeder im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das Bestmögliche beiträgt und selbst bestmöglich gefördert wird. Eine Gesellschaft, die anerkennt, dass jeder partiell recht hat – aber niemand ganz. Die alle Beiträge zur Lösung eines Problems erst zulässt und dann utilitaristisch priorisiert. Die die konstruktiven Aspekte einer jeden Stufe fördert und die destruktiven begrenzt.

Eine Gesellschaft, die große, globale Probleme wie die Erderhitzung vielleicht besser lösen kann, als wir es heute können. Ehe auch sie sich ihre eigenen vielleicht noch größeren Probleme schafft.

Eine solche Gesellschaft allerdings ist bisher noch kaum in Sicht. Momentan werden erst fünf Prozent der westlichen Bevölkerung Stufe sieben zugeordnet.

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