Mail-Sperren bei Unternehmen "Nicht die Erreichbarkeit ist das Übel, sondern die Arbeit"

Telekom, Volkswagen, jetzt BMW: Konzerne schränken die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter in der Freizeit ein, um sie vor Burnouts zu schützen. Der Psychologe Matthias Burisch warnt: Damit alleine lässt sich das Problem nicht lösen.
Manager am Handy: "Viele müssen morgens um zwei funktionieren"

Manager am Handy: "Viele müssen morgens um zwei funktionieren"

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Matthias Burisch, Jahrgang 1944, ist Professor für Psychologie und Leiter des Burnout-Instituts Norddeutschland. Burisch hat ein Fachbuch über das Burnout-Syndrom geschrieben und berät Personalabteilungen und Führungskräfte zum Thema.

SPIEGEL ONLINE: Herr Burisch, BMW will Mitarbeitern ein "Recht auf Nichterreichbarkeit" einräumen und künftig auch Arbeitszeit außerhalb des Büros anerkennen. Auch Unternehmen wie die Telekom oder Volkswagen schränken die Erreichbarkeit von Mitarbeitern ein, um Burnouts zu verhindern. Wird das funktionieren?

Burisch: Es sind Schritte in die richtige Richtung, aber sie reichen nicht aus. Die Mails sind ja noch immer da, auch wenn ich sie erst zwei Tage später abrufe - nur dann eben geballt. Nicht die Erreichbarkeit ist das Übel, sondern die Menge der Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Könnten sich die Manager, mit denen Sie arbeiten, denn überhaupt von ihren BlackBerrys trennen?

Burisch: Nein, die würden sich auf keinen Fall daran halten. Aber viele müssen auch tatsächlich morgens um zwei funktionieren, weil sie dann Anweisungen nach China geben.

SPIEGEL ONLINE: Kann es in dem Fall nicht sogar entlastend sein, wenn man Aufgaben noch von zu Hause erledigt und nicht für alles im Büro bleiben muss?

Burisch: Ja, solange man das freiwillig macht. Schwierig wird es, wenn man sich stattdessen lieber um die Familie kümmern würde. Burnouts drohen immer dann, wenn einem die Arbeitsweise generell gegen den Strich geht. Die Erreichbarkeit allein ist aber keine Erklärung für Burnouts.

SPIEGEL ONLINE: Bei BMW soll nun auch die Arbeit von unterwegs stärker erfasst werden. Die ermöglicht ja zunächst mal mehr Freiheit.

Burisch: Viele machen das zunächst auch freiwillig. Etwa IT-Berater, die regelmäßig zu Kunden reisen und sich erst mal an den tollen Hotels und der eigenen Bedeutung erfreuen. Doch irgendwann stellen viele fest: Das Hotel alleine bringt's nicht, wenn ich meine Familie nicht mehr sehe.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn all das Mail- und Internet-Checken wirklich notwendig?

Burisch: Wenn man nicht gerade Börsenhändler ist: nein. Viele, die am Handy hängen, wissen mit sich sonst einfach nichts mehr anzufangen. Ich sehe etwa in Flughäfen ganz selten Geschäftsleute, die einfach mal nichts tun - und damit Zeit haben nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Arbeit am Ende gar nicht mehr geworden, sondern ist es nicht eher unsere Möglichkeit, sie jederzeit zu erledigen?

Burisch: Doch, wir sind heute deutlich produktiver als noch vor wenigen Jahrzehnten. Denken Sie nur daran, wie lange es früher gedauert hat, einen Brief zu tippen und eventuell noch zu korrigieren. In der Zeit schreibt eine Sekretärin heute drei E-Mails.

SPIEGEL ONLINE: Gerade börsennotierte Unternehmen wie BMW stehen aber unter dem Druck, ihre Produktivität weiter zu steigern. Wo soll da das Korrektiv für die Überlastung herkommen?

Burisch: Von den Arbeitnehmern selbst. Irgendwann könnte sich kein Führungspersonal mehr finden, das unter diesen Bedingungen arbeiten will. Dann müssten die Unternehmen die Arbeitbelastung ihrer Manager reduzieren. Die sogenannte Generation Y legt ja bereits mehr Wert auf ein Leben neben der Arbeit. Auch die Kosten von Burnout-Erkrankungen könnten der Wirtschaft irgendwann zu hoch werden.

SPIEGEL ONLINE: Burnout war eine Zeit lang ein Riesenthema, inzwischen hört man weniger davon. Liegt das auch daran, dass Burnout letztlich nur eine Beschönigung für Depression ist - wie Kollegen von Ihnen kritisiert haben? Immerhin ist Burnout in Deutschland nicht als eigene Behandlungsdiagnose anerkannt.

Burisch: Das glaube ich nicht. Burnout lässt sich durchaus als eigenes Krankheitsbild beschreiben. In den Niederlanden haben Spitzenverbände von Ärzten und Psychologen das bereits 2011 getan - mit ihrer Definition könnte man in Deutschland sofort arbeiten. Denn der Burnout-Hype ist abgeklungen, aber das Phänomen ist keinesfalls verschwunden.

Das Interview führte David Böcking

Haben auch Sie Erfahrungen mit Burnout gemacht? Wie geht Ihr Unternehmen mit dem Problem um? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen an: spon_wirtschaft@spiegel.de